Von stolzen Stämmen und vergessenen Königen – Woche 2 in Saudi-Arabien am 10. Juni 2014
ungefähr 7 Minuten
Themen: Exkursion , Forschende , Reisebericht , Saudi Arabien

Von stolzen Stämmen und vergessenen Königen – Woche 2 in Saudi-Arabien

Eine Gruppe von 20 Master-Studierenden, vier MitarbeiterInnen des Instituts für Orientalistik der Uni Wien und und zwei Mitarbeitern des saudischen Kulturbüros in Wien ist zurzeit auf Studienexkursion in Saudi Arabien. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnnen Lea Müller-Funk (Eine Studienexkursion in das Land der Superlative. Zwei Wochen Saudiarabien.) und Anna Telic schickten uns laufend ihre Erfahrungsberichte direkt von der Exkursion. Die Studierenden beschreiben die Reise aus ihrer Sicht gleichzeitig hier (In Anzug und Abaya durch Arabia Deserta)und hier (Von Wüsten, Bergen und Gesichtern).

Der konservative Süden – Die Provinz Asir

Unsere zweite Woche in Saudi-Arabien führt uns in den gebirgigen Süden des Landes in die Provinz Asir. Die Hauptstadt Abha, die auf über 2000m liegt, ist sehr konservativ und man merkt sofort, dass diese Provinz von der Regierung in Riyadh lange vernachlässigt wurde.

Bei unserem Besuch in der Malik Khalid-Universität wird offensichtlich, dass es auch viel weniger liberales Gedankengut gibt als in den anderen von uns besuchten Universitäten. Wie schon oft zuvor, dreht sich auch diesmal ein großer Teil der Diskussion mit ProfessorInnen und LektorInnen um unser – für Saudis unverständliches – Interesse an den arabischen Dialekten. Uns wird versichert, dass diese keinen Wert hätten, und wenn überhaupt, dann wäre ohnehin nur der saudische Dialekt lernenswert, weil er viel näher an der Hochsprache sei als alle anderen in der arabischen Welt gesprochenen Dialekte. Ich bekunde zu allem Überfluss auch noch mein Interesse an arabischer Populärkultur, woraufhin mir mit Nachdruck die Frage gestellt wird, ob ich denn stattdessen nicht lieber den Koran lesen möchte, ich würde daraus so viel mehr Nutzen ziehen und Befriedigung erfahren. Hhmm, ich bin nicht ganz überzeugt…

Im Literaturclub von Abha werden wir freundlich und interessiert empfangen. Hier fällt mir auf, dass auch unsere Gruppe die Geschlechtertrennung inzwischen verinnerlicht hat: Männer setzen sich automatisch zu Männern und Frauen zu Frauen. Obwohl ich während der Reise immer vage das Gefühl hatte, dass wir die schlechteren Plätze bekommen, hatte ich doch nie das Gefühl, von den Männern ausgeschlossen zu werden. Ganz im Gegenteil, obwohl wir Frauen meist ohne Händeschütteln begrüßt oder verabschiedet wurden, spürte ich trotzdem echte Freude über unseren Besuch und aufrichtiges Interesse von Seiten unserer (meist) männlichen Gastgeber an der weiblichen Meinung und Sicht der Dinge.

Sogar das leidige Dialektologiethema findet im Literaturclub ein Happy End. Ein Mitglied unserer Gesprächsrunde war ein Autor, der volkstümliche Geschichten sammelte und im Dialekt aufschrieb und sich über unseren Forschungsschwerpunkt freute.

In Abha besuchen wir auch einen traditionellen Markt. Es werden allerlei geflochtene Haushaltswaren, Kaffee (murra), Datteln, Honig, lebendes Geflügel und Kleidung angeboten. Interessant dabei finde ich, dass die Marktstände von komplett schwarzverhüllten aber äußerst resoluten Frauen geführt werden. Es gibt wohl asiatische Verkäufer, aber die haben eigentlich nichts zu sagen.

Mein persönliches Highlight ist das Bergdorf Ridschal Alma, das vom gleichnamigen Stamm bewohnt wird. Dort werden wir mit einer Herzlichkeit empfangen, die ihresgleichen sucht, und wir gewinnen Einblick in das reiche Erbe der Stammeskultur, die sowohl im täglichen Leben, als auch in Form von kleinen Museen und der Renovierung der alten, hohen Häuser aus Schiefer aufrechterhalten bleibt. Ich habe den Eindruck, dass man dort mit dem strengen Wahhabismus keine so große Freude hat, und dass die Stämme es auch in der bewegten Vergangenheit dieser Region bestens verstanden, ihre Angelegenheiten selbst zu klären – nach ihren eigenen Regeln. Das hab ich jetzt aber nicht laut gesagt.

Am Abend werden wir wieder Zeugen der erratischen Baupolitik Saudi-Arabiens. Alte Schmuckstücke der Baukunst werden dem Verfall überlassen, dafür wird in glänzende Neubauten investiert, oder, wie im Fall eines Musterdorfes am Rande der Stadt Khamis Mushayt, ein nagelneues Gebäude errichtet und auf alt getrimmt – inklusive schauderhafter fake-Holzverkleidung und schablonenhafter Wandbemalung.

Der Hedschas und das UNESCO Weltkulturerbe

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Einige TeilnehmerInnen und BegleiterInnen in Mada‘in Sale

Die letzte Station unserer Reise führt uns in die Provinz Hedschas im Norden. Wir fliegen von Abha im Hochgebirge über die Küste des Roten Meeres und über die gewaltigen, zerklüfteten schwarzen Felsen des Hedschas nach Tabuk. Von dort fahren wir durch atemberaubende Landschaften auf einer schnurgeraden Straße in den Süden, vorbei an gigantischen, kreisrunden, grünen und bewässerten Feldern mitten in der Geröllwüste und entlang der ehemaligen Hedschaseisenbahn, von welcher die Bahntrasse (zwar ohne Schienen oder Schwellen aber noch mit kleinen Brücken und Wasserablässen) und sogar die alten Bahnstationshäuschen noch recht gut erhalten sind. Eine wichtige Station dieser von 1900-1907 vom osmanischen Sultan Abdülhamid II erbauten Bahn war Mada’in Saleh, denn es war auch die Remise. Vor ein paar Jahren wurde die Station renoviert und zu einem übersichtlichen und informativen Museum umgestaltet, welches auch für uns den Ausgang der Besichtigung von Mada’in Saleh darstellt. Davor findet aber noch tarīr statt, die große Befreiung von der Abaya, die es uns an diesem wenig frequentierten touristischen Ort erlaubt ist, auszuziehen – es hat nämlich knapp 40° C.

Die gigantische Gräberstätte von Mada’in Saleh (früher auch als Hegra bekannt) mit ihren gut erhaltenen Nekropolen und Zisternen ist wirklich beeindruckend. Wir verbringen mehrere Stunden mit unserem netten Führer dort, können die Gräber auch von innen sehen und erklimmen die Hügel ringsum.

al ula
Ausblick von der Festung in al-Ula

Den letzten Tag unserer Exkursion beginnen wir mit einer Besichtigung der Altstadt von al-Ula (früher bekannt als Dedan, eine bedeutende Station an der Weihrauchsstraße). Diese wird seit circa zwei Jahren renoviert, wofür sogar Lehmziegel auf traditionelle Weise hergestellt werden. Von der mittelalterlichen Festung aus überblickt man die Oase, und wir nehmen Abschied von dieser geschichtsträchtigen Gegend.

Obwohl ich auf unserer Reise sehr viele Klischees über Saudi-Arabien widerlegt gesehen habe, haben sich manche andere doch auf sehr lustige Weise bestätigt: Bei der Sicherheitskontrolle unseres Fluges wecken wir die Neugier der Beamtinnen, die uns interessiert nach dem Zweck unserer Reise, Wien und „Silamsie“ (Zell am See), fragen. Wie schon öfter zuvor, werde ich auch hier nach meiner Religion gefragt: „Seid ihr Musliminnen?“ – „Ein paar Mädchen unserer Gruppe schon, ich nicht.“ – „Insha’allah wirst du Muslimin!“. Na, ich weiß nicht recht…

 

Um uns die Zeit bis zum Rückflug nach Wien über Kairo zu vertreiben, fahren wir in Jeddah in die Mall of Arabia, ein riesiger, gläserner Einkaufstempel mit ausgewachsenem Vergnügungspark im Erdgeschoss. Diese letzte Station führt mir noch einmal die großen Gegensätze dieses verblüffenden Königreiches vor Augen: Während die strengen Moral- und Sittenvorstellungen der saudischen Gesellschaft die Frauen dazu zwingen, in Vollverschleierung ihre Burger mit Pommes im Food-Court der Mall zu essen, kaufen die Leute westliche Kleidung (in Geschäften ohne Umkleidekabinen) und modernste Unterhaltungselektronik, mit der arabische und westliche Populärkultur konsumiert wird. Für mich sind das und vieles andere unvereinbare Gegensätze. Ich bin gespannt, wie und wohin sich dieses Land entwickeln wird!

Abschließend möchte ich einen großen Dank aussprechen, zu allererst an das Kulturbüro der Saudischen Botschaft in Wien und besonders an Salem Jafshar, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, dass unsere Reise zustande kommen konnte. Außerdem danke ich auch Saad und Sultan, die unsere Termine und Reiseroute in Saudi-Arabien organisiert und uns bestens betreut haben. Und ein Danke auch noch an Abdelfattah, der sehr gut auf uns aufgepasst hat.

Für alle Interessierten veranstalten wir am Mittwoch, dem 11. Juni, um 13:00 im Hörsaal des Instituts für Orientalistik eine kleine Präsentation über unsere Exkursion nach Saudi Arabien.

Anna Telic
Institut für Orientalistik



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