Warum meine Oma mehr digital will und wie ich mit 30 noch immer auf mein erstes Smartphone spare…

 Michael Funk forscht und lehrt an der Abteilung für Medien- und Technikphilosophie des Instituts für Philosophie. Neben Goldfischen und Seekühen beschäftigt er sich wissenschaftlich mit den sozialen Folgen und der Ethik von neuen Technologien wie Robotern oder Synthetischer Biologie. Im Uni Wien Blog macht er sich Gedanken zur aktuellen Semesterfrage: „Wie leben wir in der digitalen Zukunft?“:

Schau mal, das da ist der neue Goldfisch 4.0! Warum meine Oma mehr digital will und wie ich mit 30 noch immer auf mein erstes Smartphone spare…

Am liebsten hätte sie alles voll davon – diesen Displays. Das Aquarium muss man schrubben und zwischen den Knöpfen der Fernbedienung versammeln sich immer so viele Krümel und Essensreste – quasi zur Drücker-Konferenz. Drücker, so nennt meine Oma die Fernbedienung des Fernsehers. Ja klar, so leben wir in der digitalen Zukunft: mit Fettfingern auf den Fassaden hoch polierter smart homes. Touchscreen every where, Krümel zwischen den abgegriffen Gumminoppen des guten alten  Drückers no where. Meine Oma will mehr digital: lasst alles beim Alten, aber macht es besser! Ein Aquarium für die Handtasche mit Goldfisch 2.0, da läuft kein Wasser aus, und eine Guppy-App zur Abwechslung hat der Enkel schnell installiert. Die digitale Zukunft ist voller Fettfinger und wird sooooo schön bunt sein…

Goldfische, Arbeitslosigkeit und Fettfinger

Quelle: Pixabay
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Da wird mancher umschulen müssen. Goldfisch 2.0? Heute ist doch alles Industrie 4.0! Also muss auch ein Goldfisch 4.0 her. Neulich habe ich mal wieder mein ganz manuelles Tablett – mancher erinnert sich, die gibt´s auch Bruchsicher ohne Touchscreen – völlig unbrav nicht zur Geschirrrückgabe gebracht. Ich hinterließ es auf dem Mensatisch und es folgte eine Rüge, sowie mein Kommentar: „Das schafft Arbeitsplätze!“ Weiß gar nicht mehr, wo ich den Spruch aufgeschnappt habe, aber wird schon so sein. Schaffen die neuen Tablets mit Fettfingern und Goldfisch-App auch Arbeitsplätze? Wie arbeiten wir in der digitalen Zukunft?

Klassischen Berufen, quasi den Quastenflossern aus der Industrie 1.0 Generation, geht es an den Kragen. Wenn sich alle, wie meine Oma, das mühsame Reinigen des schweren und nicht sonderlich mobilen Aquariums sparen wollen, dann werden Zoomärkte und Goldfischzüchter, vielleicht sogar die großen Bassins im Zoo bald schließen müssen. Ergo: da werden welche arbeitslos. Aber die Goldfisch-App muss programmiert, installiert und kommerziell jongliert werden. Ergo: da werden welche eingestellt – zum Beispiel Reinigungsfachkräfte oder Desinfekteure für die vielen spiegelglatten forensisch passabel vorgeführten Papillarleisten.

fingerprint-979598_960_720Papillarleisten – hat der Goldfisch sowas auch? Digitale Zukunft könnte für den Guppy 4.0 oder die digital-Seekuh tatsächlich auch Papillarleisten 4.0 bringen. Wenn wir alle mit unseren Fingerabdrücken bezahlen, dann werden öffentliche Touchscreens bald nicht nur zur hygienischen Katastrophe, sondern auch zum Betrugsmittel Nummer eins. Gestern wurde noch der Laptop geklaut und verscherbelt, morgen klaut man den fremden Fettfingerabdruck vom Touchscreen und geht damit online einkaufen. Wie leben wir in der digitalen Zukunft? Wie immer: umgeben von Vor- und Nachteilen. Und es kommen da wohl gerade sehr viele Vor- und Nachteile auf uns zu.

Quastenflosser, Maschinenbau und Finanzkrisen

Seekühe stammen bekanntlich von Elefanten ab und Goldfische sind bunte Karpfen. Quastenflosser sind Knochenfische und für diese müsste dann also auch eine App lebender Fossilien her. Industrie 1.0 und Quastenflosser-daddies, die aussterben? Ja, die Dinos gingen, aber Quastenflosser und Palmfarne hat uns die Evolution nicht genommen. Wird uns die technische Evolution also auch nicht die gute alte solide Industrie- und Handwerksarbeit nehmen? Ersetzbarkeit hat Grenzen. Heute die Goldfisch-App, morgen die Guppy-App, übermorgen ist die Seekuh hip. Nicht nur Ökonomen sehnen sich nach Konstanten – manchmal auch meine Oma mit ihrem Handtaschenaquarium.

Der Quastenflosser ist so eine Konstante und vielleicht deshalb im Reigen der frohen digitalen Zukünfte auch das Fundament. Ohne Industrie 1.0 kein 4.0. Ohne klassische Chemie kein social media. Der Mensch ist halt aus Fleisch und Blut, ganz sinnlich, ganz leiblich – da kommt Digital schon mal an Grenzen. Und das nicht nur in Zeiten der Finanzkrisen und volkswirtschaftlichen Zukunftsmodelle. Die nächste Blase platzt und dann Wohl demjenigen Quastenflosser, der sich von der „neuen Zeit“ nicht aussortieren lässt: lasst alles beim Alten, aber macht es besser! Und wisst, auf welchen Füßen ihr steht…

…sonst lässt sich ja nicht ein Fuß vor den anderen setzen. Gilt übrigens auch im digitalen Leben: erst einloggen, dann cybershoppen – eins nach dem anderen. Wie leben wir in der digitalen Zukunft? So, dass sich Konstantes zeigen wird. Es gibt Dinge, die sind immer gleich. Wo der Mensch, da gibt es Liebe, Hass, Mitgefühl, Zorn, Teddybären und Tanzbären, Kampf und Ruhe. Digitale Zukünfte verändern seit Gestern schon Kommunikation und führen vor Augen, was sich auch morgen nicht mehr ändern lässt – die Quastenflosser in uns allen – die Dramen der Antike und Utopien der frühen Neuzeit – die Kommunen des 20. Jahrhunderts und Goethe und Schillers des 21. Auch das digitale Leben wird den Menschen mit seinen Höhen und Tiefen nicht los – und das ist gut so!

Oma, Altern und Seekühe

Meine Oma will mehr Digital, weil sie weiß, wie es ohne Digital geht. Guppy-App in der Handtasche und dann ab durch die Mitte. Und während dessen zerbreche ich mir den Kopf darüber, welches Smartphone ich wirklich brauche und wie ich in der digitalen Zukunft glücklich leben kann. Ich will das Neueste und Beste. Dabei antagonieren meine Sparversuche zinslos den technischen Fortschritt: ich stehe hier mit meinem alten Normalo-Handy und freue mich, dass es sich wenigsten halbwegs Spionage-resistent nicht von selbst entzündet. Warum haben eigentlich alle so eine Angst vor dem Alter? Dann weiß man wenigstens, wie es früher auch ohne dieses neue Zeug ging…

Ich will ja gar nichts bauen, kein smart home, keine spießige Reihenhaussardine in der Dose gestriegelter Vorstadtsiedlungen. Aber wenn ich jetzt anfange in einen Bausparvertrag zu investieren, bekomme ich auch ohne digital home in Zukunft wenigstens etwas Zinsen. Wenn das nicht für eine Bit-und-Byte-Bude oder wenigstens ein Smartphone reicht, dann kaufe ich mir halt ein Aquarium und pfeife auf das digitale Leben. Ist besser so, denn nach den sechs Monaten, in denen so ein smart home neu auf dem Baugrund installiert wird, ist es ohnehin schon wieder veraltet. Von einem Handy mit Zweijahresvertrag ganz zu schweigen. Ständig dieser Fortschritt, da kommt man sich schon mit 30 uralt vor. Wie leben wir in der digitalen Zukunft? Andauernd alt und ab 70 darf man sich endlich jung fühlen, weil man nicht mehr mithalten können muss.

Quelle: Pixabay
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Seekühe stammen von Elefanten ab? Komisch, die leben nicht digital und mussten offensichtlich trotzdem mit irgendwas mithalten. Wie wären die sonst als Gemüsegourmets in Brasilien gelandet? Fluss-Manatis (Trichechus inunguis) wohnen im Amazonas und essen Wassersalat. Nichts ist unmöglich in der digitalen Zukunft, aber eine Seekuh-App wird sich wohl wirtschaftlich nicht tragen. Außer meiner Oma und mir gäbe es wohl wenig Interessenten. Und das mit der Anpassung und der Weiterentwicklung ist halt auch nicht die Zukunft digitalen Lebens, sondern schon immer Leben gewesen. Immer diese Vor- und Nachteile zur gleichen Zeit. Ich bin ja hauptberuflich Technikphilosoph und rüge hiermit diese ganzen digitalen Techniken, weil die sich nicht eindeutig bewerten lassen. Meine Oma sieht mich durch ihre analoge non-smart Brille verwundert an: „Aber Wieso? Das schafft doch Arbeitsplätze!“

Wenn ihr euch nach diesem inspirierenden Blogbeitrag für weitere Antworten zu unserer derzeitigen Semesterfrage interessiert, lest im uni:view Magazin weiter: http://semesterfrage.univie.ac.at. Im Forum von derStandard werden bis zum Semesterende vier ExpertInnen-Artikel veröffentlicht, dort habt ihr ebenso die Möglichkeit unseren WissenschafterInnen Fragen zu stellen und mitzureden. Und vergesst nicht auf unsere abschließende Podiumsdiskussion am 16. Jänner 2017, alle Infos findet ihr hier.



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