Werkzeugkiste für mehr Barrierefreiheit beim Studieren

Wer über die Augen kommuniziert, sollte freie Sicht auf das Gegenüber haben. Außerdem immer wieder kurze Pausen, um die Augen auf die Mitschrift richten zu können. MitschreibtutorInnen können hier ebenfalls eine Unterstützung sein. (Foto: Universität Wien/ Barbara Mair)

Tim Brunöhler leitet das Team Barrierefrei der Universität Wien. Raphaela Rainer koordinierte im ersten Halbjahr 2016 die Workshopreihe „Barrierefrei Studieren“. Am Uniblog berichten Sie über diese Workshopreihe. Ein Interview mit Tim Brunöhler und seinem Kollegen Lukas Ertl gibt es in unserem uni:view Magazin.

Eine große Institution wie die Universität Wien kann nur zu einem gewissen Teil durch bauliche Maßnahmen oder technische Einrichtungen barrierefrei werden. Einen hohen Einfluss auf individuelle Barrierefreiheit haben die Angestellten – z.B. in der Art und Weise, wie sie kommunizieren, Lehre gestalten oder Dokumente verfassen. Um mehr über den eigenen Beitrag zur Barrierefreiheit für Studierende erfahren zu können, organisierten Team Barrierefrei und Beirat Barrierefrei Studieren in der ersten Jahreshälfte 2016 fünf Workshops.

An wen sollte sich der Workshop richten?

Der Konzeption vorausgegangen war der Einwurf im Beirat Barrierefrei Studieren, statt für Studierende mit Beeinträchtigungen selbst Workshops zu organisieren, könne vielmehr durch eine Schulung von Lehrenden mehr Barrierefreiheit erreicht werden. Die Zielgruppe wurde jedoch sofort auf das gesamte Universitätspersonal ausgeweitet: Schließlich haben auch Verwaltungsangestellte oder das Reinigungspersonal Kontakt mit Studierenden und gestalten deren Alltag – und dies oft ungewollt mit Barrieren.

Beispiel einer Testangabe mit roten und grünen Diagrammflächen. Das Diagramm wäre für Personen mit Rot-Grün-Schwäche nicht barrierefrei – und die Lösung der Aufgabe nicht selbstständig möglich.

Beispiel einer Testangabe mit roten und grünen Diagrammflächen. Das Diagramm wäre für Personen mit Rot-Grün-Schwäche nicht barrierefrei – und die Lösung der Aufgabe nicht selbstständig möglich.

Die Teilnehmenden der Workshops hatten vier Mal die Gelegenheit, sich gezielt über spezifische Beeinträchtigungsformen und einen passenden zwischenmenschlichen Umgang zu informieren. Außerdem gelang eine Kooperation mit der Diplomatischen Akademie Wien in Form eines dort veranstalteten Einführungsworkshops für Hochschulpersonal in das allgemeine Thema „Barrierefrei Studieren“. Ein angebotener Workshop zum Thema „Inklusive Methoden in den Naturwissenschaften“ musste leider aufgrund von zu wenig Vorlaufzeit und damit verbundener geringer Anmeldezahlen abgesagt werden.

Vier Themenbereiche um Erfahrung zu sammeln

Für die Arbeitspraxis erwarben die Teilnehmenden ein umfangreiches und praxisnahes Methodenrepertoire, um Studierenden mit jeweils unterschiedlichen Beeinträchtigungen ein möglichst chancengleiches Studieren zu ermöglichen. Anwesend waren neben Lehrbeauftragten zum  größten Teil MitarbeiterInnen aus den Bereichen Bibliothek, Qualitätssicherung, internationale Beziehungen, Gebäudetechnik, Öffentlichkeitsarbeit, Informatikdienst, sowie Mitglieder des Betriebsrats, DissertantInnen und StudienassistentInnen. Externe TeilnehmerInnen stammten aus benachbarten Wiener Universitäten sowie einem Verein für Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit. Sie konnten zusätzliche Inputs und Sichtweisen einbringen.

Im Workshop zu chronischen Erkrankungen wurden neben Basiswissen über unterschiedliche Krankheitsbilder die Teilnehmenden auch darüber informiert, wie Lehr- und Prüfungsmethoden bedarfsgerecht – z.B. durch Zeitverlängerungen – adaptiert werden können. Besonderes Augenmerk wurde auf den Austausch persönlicher Erfahrungen mit schwierigen Situationen sowie Beispielen aus verschiedenen österreichischen Universitäten gelegt, um für die Bedürfnisse von Menschen mit teils „nicht offensichtlichen“ und dadurch nicht wahrgenommenen Beeinträchtigungen zu sensibilisieren.

Studierende mit chronischen Darmerkrankungen (teil-)entferntem Darm brauchen öfters Pausen, um aufs WC gehen zu können. Auch bei Prüfungen.

Studierende mit chronischen Darmerkrankungen (teil-)entferntem Darm brauchen öfters Pausen, um aufs WC gehen zu können. Auch bei Prüfungen.

 

Im Bereich e-Accessibility wurden Anforderungen an Informationstechnologien für hauptsächlich Sehschwache/Blinde präsentiert. Die Teilnehmenden konnten reflektieren, wie kompatibel z.B. ihre eigenen aktuellen Lehr- und Dokumentenformate mit Vorleseprogrammen sind und analysierten, wo Optimierungspotential besteht. Sie lernten vielfältige Methoden kennen, um barrierefreie Word- und PDF-Dokumente, sowie Präsentationen zu erstellen und bekamen für die Arbeitspraxis leicht anzuwendende Checklisten.

 

Für Personen mit autistischer Wahrnehmung, die Reize überproportional intensiv aufnehmen und nicht filtern können, sind gerade Massenlehrveranstaltungen äußerst unangenehm und verhindern Konzentration. Die Nutzung der Streaming-Funktion (oder einfach: Skype) ermöglicht es einer Person, dem Vortrag in Ruhe zu folgen – z.B. in der Bibliothek. Per Chat können ad-hoc-Rückfragen gestellt werden.

Für Personen mit autistischer Wahrnehmung, die Reize überproportional intensiv aufnehmen und nicht filtern können, sind gerade Massenlehrveranstaltungen äußerst unangenehm und verhindern Konzentration. Die Nutzung der Streaming-Funktion (oder einfach: Skype) ermöglicht es einer Person, dem Vortrag in Ruhe zu folgen – z.B. in der Bibliothek. Per Chat können ad-hoc-Rückfragen gestellt werden.

 

Im Workshop zu Gehörlosigkeit und Gebärdensprache wurde die Situation von Studierenden mit akustischen Beeinträchtigungen erörtert. Teile der Gehörlosenkultur und Gebärdensprach-Basics wurden vermittelt. Die Teilnehmenden trainierten im Workshop „live“ durch die Interaktion zwischen gehörlosen, hörenden Personen und Dolmetscherinnen Umgangsformen, welche für „die Dolmetschsituation“ unterstützend sein können: Beispielsweise durch eine vorteilhafte visuelle Aufbereitung, durchdachte Sitzpositionen und bewusst gewählte Lichtverhältnisse wird allen Studierenden eine bestmögliche Informationsaufnahme ermöglicht. Auch (Online-)Schriftdolmetschen kann gehörlosen oder schwerhörigen Studierenden – wenn nicht sogar: allen – zugutekommen.

 

Wer über die Augen kommuniziert, sollte freie Sicht auf das Gegenüber haben. Außerdem immer wieder kurze Pausen, um die Augen auf die Mitschrift richten zu können. MitschreibtutorInnen können hier ebenfalls eine Unterstützung sein. (Foto: Universität Wien/ Barbara Mair)

Wer über die Augen kommuniziert, sollte freie Sicht auf das Gegenüber haben. Außerdem immer wieder kurze Pausen, um die Augen auf die Mitschrift oder Projektionsfläche richten zu können. MitschreibtutorInnen können hier ebenfalls eine Unterstützung sein. (Foto: Universität Wien/ Barbara Mair)

Abschließend fokussierte der Workshop zu Autismus auf die Herausforderungen in Lehre und Studienalltag. Zu Beginn wurde das Spektrum der unterschiedlichen Ausprägungen von Autismus aufgezeigt und erklärt, wie sich die Beeinträchtigung sowohl im Erstkontakt als auch im laufenden alltäglichen Umgang zeigt – u.a. bei der selbstständigen Studienorganisation, in Arbeitsgruppen oder bei der räumlichen Orientierung. Die Teilnehmenden lernten Strategien kennen, wie sie mit wenig Aufwand Studierende unterstützen können.Evaluierung und Zielsetzung für die Zukunft

Zum Ende jeder Einheit führte das Team Barrierefrei eine Evaluation durch. Für zukünftige Fortbildungen wird von den Teilnehmenden gewünscht, einen Schwerpunkt auf psychische Beeinträchtigungen bei Studierenden anzubieten, die oftmals ein Tabuthema darstellen. In der Lehre werden insbesondere fair gestaltete Prüfungen für Menschen mit Behinderungen als vertiefenswert angesehen. Außerdem wird gewünscht, den Fokus auch auf Bewusstseinsbildung im sprachlichen Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen sowie rechtliche Rahmenbedingungen zu richten.

Auch wurde die Frage aufgeworfen, wie ein barrierefreies Inklusions-Netzwerk an der Universität geschaffen werden kann, um Synergieeffekte zu nutzen und Maßnahmen zu planen, um das Thema sichtbarer zu machen. Damit einher geht die Anregung, z.B. über den Alumniverband erfolgreiche AbsolventInnen mit Beeinträchtigungen als Role Models einzuladen.

Der größte Teil der Beeinträchtigungen unter Studierenden ist nicht offensichtlich: Psychische und chronische Erkrankungen sowie Sinnesbeeinträchtigungen spielen sich in erster Linie „im Inneren des Körpers“ ab. Trotzdem stellen sie etliche Menschen nicht weniger oft vor Barrieren, wie z.B. Personen mit Mobilitätsbeeinträchtigung. (Foto: Universität Wien/ Franz Pfluegl)

Der größte Teil der Beeinträchtigungen unter Studierenden ist nicht offensichtlich: Psychische und chronische Erkrankungen sowie Sinnesbeeinträchtigungen spielen sich in erster Linie „im Inneren des Körpers“ ab. Trotzdem stellen sie etliche Menschen nicht weniger oft vor Barrieren, wie z.B. Personen mit Mobilitätsbeeinträchtigung. (Foto: Universität Wien/ Franz Pfluegl)

 

Die gut besuchten Kurse und die vielen konkreten Anregungen in den Evaluationsbögen zeigten, dass auch in Zukunft viel Nachfrage an derartigen Angeboten besteht. Nicht zuletzt deswegen, weil es oft keiner „Zaubertricks“, teurer Zusatzanschaffungen oder Großprojekte bedarf, um individuelle Barrieren ausräumen zu können. Jedoch ist zentral, dass spezifisches Wissen auch gut aufbereitet und regelmäßig vermittelt wird: Denn auch für solche Universitätsangehörige, die allgemein für die Situation von Personen mit Beeinträchtigungen sensibilisiert sind, kann jedes Semester eine neue Situation auftreten. Z.B. indem auf eine blinde Studentin in einem Seminar im Folgesemester eine gehörlose Person folgt – deren Bedürfnisse aber zu einem guten Teil genau entgegengesetzt sind.

Beeinträchtigungsformen können teilweise widersprüchliche Bedürfnisse nach sich ziehen. Beispielsweise präferieren viele Gehörlose eine grafische Aufbereitung und einfache Schriftsprache, während blinde Studierende natürlich auf die akustische Ansage all dessen angewiesen sind, was an die Tafel geschrieben wird. Die Kunst einer „inklusiven Lehre“ ist es, über möglichst viele Bedürfnisse Bescheid zu wissen und sie parallel zu berücksichtigen. Oft sind die Techniken dafür kinderleicht oder stecken in den Computerprogrammen, die wir ohnehin täglich verwenden. (Foto: decltype/Wikipedia; CC-BY-SA-3.0)

Beeinträchtigungsformen können teilweise widersprüchliche Bedürfnisse nach sich ziehen. Beispielsweise präferieren viele Gehörlose eine grafische Aufbereitung und einfache Schriftsprache, während blinde Studierende natürlich auf die akustische Ansage all dessen angewiesen sind, was an die Tafel geschrieben wird. Die Kunst einer „inklusiven Lehre“ ist es, über möglichst viele Bedürfnisse Bescheid zu wissen und sie parallel zu berücksichtigen. Oft sind die Techniken dafür kinderleicht oder stecken in den Computerprogrammen, die wir ohnehin täglich verwenden. (Foto: decltype/Wikipedia; CC-BY-SA-3.0)

 

Was wünscht sich das Team Barrierefrei?

Obwohl Weihnachten momentan noch fern liegt, wünscht sich das Team Barrierefrei für die nahe Zukunft, mehr Weiterbildungsangebote organisieren zu können. Besonders zu den kleinen und persönlich ohne Zusatzaufwand leistbaren Dingen, die in ihrem Zusammenwirken eine so große Institution wie die Universität Wien ein ganzes Stück weit barrierefreier machen können.

Bis zur Ankündigung der nächsten Angebote berät das Team natürlich gern weiterhin persönlich per E-Mail, Telefon oder auf http://barrierefreielehre.univie.ac.at. Einen eigenen Kurzvortrag (30 Minuten bis 1 Stunde) hat es ebenfalls im Gepäck und freut sich immer über Einladungen in Institute, Dienstleistungseinrichtungen oder andere Organisationseinheiten.

Jetzt anmelden zum Welcome Day 2016

Das Team Barrierefrei der Universität Wien führt heuer zum vierten Mal den „Welcome Day für Studierende mit Beeinträchtigungen“ durch.

Mit dieser kostenfreien Veranstaltung möchte die Universität Wien StudienbeginnerInnen mit motorischen, psychischen, Lern- und Sinnesbeeinträchtigungen willkommen heißen! Beim Welcome Day kann man sich unter anderem Tipps & Tricks zum Studienstart und allgemeine Infos zum Thema „barrierefrei Studieren“ holen.

Die TeilnehmerInnen erhalten auch einen Überblick über Struktur und Organisation der Universität Wien bzw. der für sie relevanten administrativen Abläufe. Dazu sind sowohl MitarbeiterInnen des Team Barrierefrei vor Ort, als auch Studienvertretungen und höhersemestrige Studierende mit Beeinträchtigung eingeladen, die von ihrem Studienalltag berichten.

Der Welcome Day findet am Dienstag, den 27.09.2016 von 9:00-18:00 im Hauptgebäude der Universität Wien statt. Anmeldungen werden gerne bis 8. September 2016 per Mail entgegen genommen! Alle Infos zur Anmeldung findet ihr hier: http://barrierefrei.univie.ac.at/durchs-studium/welcome-day

 

Weitere Informationen:

Das Team Barrierefrei erreicht ihr über die Webseite, dort finden sich auch die aktuellsten Kontaktinfos.

Interview im Medienportal: Studieren mit Beeinträchtigung: Das Team Barrierefrei unterstützt!

http://medienportal.univie.ac.at/uniview/studium-lehre/detailansicht/artikel/studieren-mit-beeintraechtigung-das-team-barrierefrei-unterstuetzt/

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