Wie viel Politik steckt in Theater? am 25. Mai 2016
ungefähr 8 Minuten
Themen: Migration , Schutzbefohlene , Semesterfrage , Studierende , Studierendenprojekt

Wie viel Politik steckt in Theater?

Anja Kundrat studiert an der Universität Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Flucht Migration Theater. Über Grenzen“ wird über die Zusammenhänge von Theater und Politik im Kontext der Flüchtlingsdebatte eine Publikation von Studierenden, Lehrenden und Außeruniversitären verfasst. Da die Publikation auch die aktuelle SemesterfrageWie verändert Migration Europa?“  berührt, hat Anja die Aufführung „Schutzbefohlene spielen Jelineks Schutzbefohlene“  besucht und erörtert ihre Erfahrungen im wissenschaftlichen Kontext.

Das Theater – ein polarisierender Schauplatz

Theater diente schon früh als politischer Austragungsort. Der griechische Urbegriff théatron bezeichnete in der Antike einen „Schauplatz“, einen Ort, an dem eine Kommunikation zwischen Darstellenden und dem Publikum stattfindet. Wo früher Diskussionen über die griechische Demokratie geführt wurden, findet sich noch heute ein großer Politisierungsanspruch. Die Theaterwissenschaft setzt sich jeher mit Aufführungskultur im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Räumen auseinander. Disparität und Machtkampf gehören nicht weniger in den Kontext von Theater als in den Kontext der Politik. Ineinander verwoben ergibt sich ein Ensemble von Meinungsverschiedenheiten, die in öffentlichen Räumen ausgetragen werden.

Schutzbefohlene spielen Jelineks Schutzbefohlene
Schutzbefohlene spielen Jelineks Schutzbefohlene

Ein eben solcher Austragungsort von Meinungsverschiedenheiten kann das Parlament, kann das Theater, kann aber auch die Straße sein. So fügt sich auch das Audimax in diese Reihe von politisierenden Räumen. Es bot dem Refugee-Theaterkollektiv „Die Schweigende Mehrheit“ am 14. April 2016 eine Plattform zur Inszenierung von ihrem, mit dem Nestroy-Preis ausgezeichneten, Theaterstück „Die Schutzbefohlenen performen Jelineks Schutzbefohlene“. Die Inszenierung, die durch die ÖH im prominentesten Saal der Uni Wien aufführbar gemacht werden konnte, setzt ein eindeutiges Zeichen für Solidarität mit Geflüchteten und gegen Rassismus. Im Saal waren 700 Menschen, darunter Geflüchtete, Studierende, Lehrende und Theaterinteressierte.

Das Stück „Schutzbefohlene spielen Jelineks Schutzbefohlene“ lehnt sich an das Werk „Die Schutzbefohlenen“ von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an. Dieses hielt 2013 in zahlreiche staatliche Schauspielhäuser Österreichs Einzug. Bereits in den 1970er Jahren trat die österreichische Schriftstellerin politisch für den Kulturbereich ein und musste dafür mit persönlichen Angriffen durch FPÖ-Plakate zahlen. Durch die gewaltvolle Störung des Audimax zeigt sich, dass sie auch Jahre später noch den Kern gesellschaftlicher Problematiken findet und dabei auf Widerstand von rechts trifft. Wie politisch die Einladung des Theaterkollektivs an die Universität war, bewiesen auf tragische Weise Rechtsextreme: Mitglieder der Identitären-Bewegung stürmten die Aufführung nach 20 Minuten.

„Gehört das zum Stück?“ – Eindrücke der Studierenden

 „Nach einer viertel Stunde fiel der Satz, der meine Gedanken abschweifen ließ: ‚Wo werden wir unsere eigenen Knochen begraben….?‘ Als kurz danach die Tür aufgerissen wurde, habe ich wie viele im ersten Moment nicht realisiert, was gerade passiert. ‚Das gehört jetzt dazu, oder?‘ Da alle auf der Bühne zunächst ruhig blieben, war ich mir nicht sicher. Erst als einige Menschen aus dem Saal reagierten, wurde auch ich wachgerüttelt und schloss mich den Sprechchören an. In mir brodelte eine Mischung aus Wut, Aggression und anderen negativen Gefühlen. Dann Stille, Rekapitulieren… Kollektiv wurde entschlossen: Es wird weitergespielt.“ – Corinne Besenius

„Eine ältere Darstellerin erzählte mir nach der Vorstellung: ‚Als die Gruppe die Bühne stürmte und Bernhard uns sagte, wir sollten nach hinten in die Garderobe gehen, dachte ich, wir würden dort bei lebendigem Leib verbrannt werden.‘ Sie hatte in Syrien von den Schrecken der Shoa gehört. Sie war sehr mutig und ist danach wieder auf die Bühne gegangen.“ – Jasmin Falk

„Schutzbefohlene spielen Jelineks Schutzbefohlene“Ich hatte das Gefühl, niemand wollte es anfänglich so recht glauben, aber spätestens nach der Präsentation des Banners mit der Aufschrift: „Heuchler! Unser Widerstand gegen eure Dekadenz“ wird klar: Das hier ist kein Schauspiel mehr. Sieben Minuten lang dauert die Interruption durch die Gruppierung der Identitären, welche mittels Flyer-Verteilung und dem Verspritzen von Kunstblut die Vorführung des friedlichen Theaterensembles stören. Die Geflüchteten, welche in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Bernhard Dechant das Theaterstück inszenieren, werden von der Bühne getrieben und zahlreiche Publikumsmitglieder angeschrien, gestoßen und geschlagen. Wer in diesem Moment im Audimax sitzt, befindet sich nun in einer ganz anderen Vorführung.

Wer sind die Identitären?

 Die rechte Organisation zeichnet sich durch Islamfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Ablehnung von multikulturellen Gesellschaften aus. Sie wurden vom Verfassungsschutz als „rassistisch/nationalistisch“ eingestuft. Ursprünglich aus Frankreich kommend, gründete sich dort 2002 die Gruppe Bloc Identitaire. Im Jahr 2012 etablierten sich die Aktivisten „Die Identitären“ in Deutschland und fanden fast zeitgleich in Wien einen Ableger. Zehn Wiener Studenten gründeten ebenfalls in 2012 die Gruppe W.I.R: „Wiener Identitäre Richtung“.

Seit damals hat sich viel getan und es wird besonders auf die mediale Verbreitung von Inhalten Wert gelegt. Es wird nicht nur im Audimax der Uni Wien „ästhetisch interveniert“, sondern mit der Zeit gegangen. Im Gegensatz zum „klassischen“ Neonazismus liegt bei den Identitären eine Modernisierungstaktik vor: Die Ibster – wie sie Stefanie Sargnagel liebevoll bezeichnet – verteilen heute Flyer, Stören bei Lesungen, haben Social Media Accounts und drehen YouTube Videos.

„We are strong, let’s go!“

 „Wir sind aus unserem Land geflüchtet und unser Land ist zerstört nur wegen solcher radikaler Leute, die den anderen nicht akzeptieren. Sie akzeptieren andere Kulturen oder Religionen nicht. Ich habe hier in Österreich noch nicht solch rassistische Ereignisse erlebt oder solche Leute getroffen. Bis gestern. Und das war mein erster Schock, dass es in Wien solchen Rassismus gibt.“ [1] Johnny Mhanna, Neu-Wiener. Schauspieler in Damaskus und Beirut.

Nachdem die Identitären mit lauten Rufen der Zuschauer („Nazis raus!“) und Körpereinsatz vertrieben worden sind, treten die Schauspieler_innen nur wenige Minuten nach der kurzen Unterbrechung unbeirrt wieder auf die Bühne und erhalten tobenden Applaus. Die Stimmung ist ambivalent aufgeladen: Einerseits die begeisterte Menge, die die tapferen Darsteller_innen für ihr Wiederauftreten bejubelt, zum anderen die Bühnenakteure selbst, welche teilweise noch mit Tränen in den Augen auf der Bühne stehen. Doch die Schauspieler_innen lassen sich nicht so leicht vertreiben und spielen ihr Stück nach der kurzen Unterbrechung zu Ende.

Ich war gleichzeitig schockiert und von der raschen Auflehnung Seitens des Publikums und von der schnellen Wiederaufnahme des Stücks begeistert. Ich fühlte mich nach dieser Aktion besonders an frühere Großveranstaltungen des Nationalsozialismus, die im Audimax der Uni Wien zu Zeiten des zweiten Weltkriegs stattfanden und medial bestens ausgestattet waren, erinnert. Ob die politischen Aktivisten sich der historischen Bedeutung ihres Austragungsortes bewusst waren, bleibt offen.

Die Schweigende Mehrheit sagt JA!

Doch schenken wir der Störaktion durch die Identitären nicht zu viel Beachtung. Das Theaterensemble der Schweigenden Mehrheit hat an diesem Abend gezeigt, wie stark das politische Theater Aufmerksamkeit auf problematische Debatten richten kann. In Anschluss an die Unterbrechung und nach der Vollendung des Stücks kam es zu zahlreichen Toleranzbekundungen aus dem Publikum.

Wer ebenfalls helfen möchte und die Geflüchteten tatkräftig unterstützen kann, findet hier einige Links zum Thema Flüchtlingshilfe. Es werden noch zahlreiche Unterkunftsplätze gesucht, aber auch einfache Sachspenden, wie Lehrmaterialien oder Gebrauchsgegenständen werden nach wie vor benötigt, um einen Lebensalltag zu ermöglichen. Lassen wir nicht zu, dass friedsame Versammlungen gestört, Kinder und Geflüchtete verletzt und beleidigt werden! Tun wir etwas und helfen gemeinsam!

Die Schweigende Mehrheit sagt JA! JA zur Solidarität mit Menschen in Not! JA zu einem Dach überm Kopf für alle! JA zu einer humanen Flüchtlingspolitik![2]

Zum Abschluss

Theater und Politik sind zwei eng miteinander verbundene Instanzen, welche jeher im Kampf um Einfluss und Aufmerksamkeit ringen. Hautnah zu erfahren was es bedeutet, wenn zwei konträre Positionen aufeinander treffen, hat mir gezeigt wie kritisch die gegenwärtige politische Situation in Österreich ist. Durch die vielen Handykameras und sofortigen Posts auf Twitter und Facebook wird einem immer schneller bewusst, was wo vor sich geht und findet so mehr Aufmerksamkeit. Die Schweigende Mehrheit und das Publikum haben an diesem Tag gezeigt, dass sie stark genug sind um den radikalen Rechten zu trotzen ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen und erhalten dafür auch von mir tobenden Applaus!

 

Weiterführende Links:

http://no-racism.net/article/4788

https://www.thankyoumoreplease.at/

https://deutschkursfuertraiskirchen.wordpress.com/

http://www.schweigendemehrheit.at/wir-brauchen/

http://refugeeswelcome.at/

 

[1]          Quelle: Schweigendemehrheit.at, http://www.schweigendemehrheit.at/wo-werden-wir-unsere-     eigenen-knochen-vergraben-koennen/

[2]          Quelle: scheigendemehrheit.at, http://www.schweigendemehrheit.at/ueber-uns/


Ihr findet die Thematik interessant? Weitere Artikel zu unserer Semesterfrage „Wie verändert Migration Europa?“ könnt ihr hier nachlesen.

 



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