Wilhelms ideologische Lehrjahre an der Wiener Universität

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Mai 1945

Wilhelm ist enttäuscht. Und er ärgert sich. Auch über sich selbst. Da hat er doch wirklich geglaubt, dass er nach diesem als Flakhelfer glücklich überstandenen letzten Kriegsjahr nun so ganz einfach anfangen kann zu studieren! Und so hat er nach der  Wiedereröffnung der Universität Wiedereröffnung der Universität Die Universität Wien wurde am 2. Mai 1945 wiedereröffnet, nachdem am 20. April der Akademische Senat für das Studienjahr 1945/46 gewählt worden war. Rektor wurde der Jurist Ludwig Adamovich, vor 1938 Justizminister der Regierung Schuschnigg. Das erste Nachkriegssemester dauerte von 28. Mai bis 14. Juli 1945. den Weg in die Universitätsstraße gemacht, in dieses „Institut für germanisch-deutsche Volkskunde“, von dem sein Bruder so begeistert erzählt hatte – sein großer Bruder, der, bevor er für Führer, Volk und Vaterland an die Front abkommandiert worden ist, an diesem  1942 gegründeten Institut 1942 gegründeten Institut Während der NS-Herrschaft wurden insgesamt neun Institute an der Universität Wien neu eingerichtet; einige davon blieben auch nach 1945 bestehen, z. B. das „Institut für Zeitungswissenschaft“ (heute „Institut für Publizistik“) oder das „Institut für Theaterwissenschaft“ (heute „Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft“). Vorlesungen über Brauchtum, über Volkstanz, über Volksschauspiel hörte, über all das also, was ihn (und auch Wilhelm) damals so sehr faszinierte. Wilhelm hat erst gar nicht in die paar hektographierten Blätter mit dem Vorlesungsangebot für dieses erste Nachkriegssemester geschaut – ein Fehler, denn sonst hätte er gleich gemerkt, dass er das Fach seiner Wahl, nämlich  Volkskunde, Volkskunde Das lange Zeit „Volkskunde“ genannte Fach hat sich im deutschsprachigen Raum aus staatswissenschaftlich-pragmatischen bzw. national-mythologischen Ansätzen in der Zeit der Aufklärung bzw. der Romantik über eine spätere (vor allem in der Zwischenkriegs- und NS-Zeit) Fokussierung auf idealisiertes ländliches Leben (Tracht, Brauch, Haus und Hof etc.) ab den 1960er/70er Jahren zu einer empirischen Alltagskulturwissenschaft gewandelt und firmiert heute an vielen deutschsprachigen Universitäten (so auch an der Universität Wien) als „Europäische Ethnologie“. gar nicht studieren kann! Dass es das Institut gar nicht mehr gibt, dass die gutbürgerliche Wohnung in der Universitätsstraße 10, in der es seit 1942 eingerichtet war, seit einigen Wochen leer steht! So verlässt er dieses Haus unverrichteter Dinge und geht wieder die Universitätsstraße entlang in Richtung Votivkirche, an dem zerbombten Häuserkomplex vorbei, wo vor Kurzem noch das Wiener „Korpskommandogebäude“ gestanden ist, in dem die Heeresdienststellen der Monarchie, der Ersten Republik und dann des NS-Regimes residiert haben – und wo 15 Jahre später das  Neue Institutsgebäude Neue Institutsgebäude Das zerstörte „Korpskommandogebäude“ wurde Ende der 1950er Jahre abgerissen. Nachdem das Projekt eines Neubaus für die Universitätsbibliothek nicht zustande gekommen war, wurde stattdessen das Neue Institutsgebäude (NIG) in den Jahren 1960 bis 1962 errichtet. Heute sind hier der Zentrale Informatikdienst, sieben Institute, drei große Hörsäle sowie zahlreiche Serviceeinrichtungen für Studierende untergebracht. stehen wird.

Wilhelm ist enttäuscht. Zu gern wäre er auch wissenschaftlich seiner Begeisterung für all die „echten“ und „authentischen“ Traditionen nachgekommen, die er in seiner frühen Jugend auf den Wanderungen mit den Wandervogelfreunden seines großen Bruders oder bei den Volkstanzkränzchen des Deutschen Schulvereins Südmark Deutschen Schulvereins Südmark Der „Deutsche Schulverein Südmark“, einer jener nationalen Schutzvereine, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unter den Vorzeichen des sich radikalisierenden Nationalitätenkonflikts in der österreichisch-ungarischen Monarchie gegründet worden waren, konzentrierte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg auf Schulgründungen in ethnisch gemischten Grenzgebieten, propagierte eine Förderung des ,Volkstums‘ in den Grenz- und Auslandsgebieten und war in seinem politisch-weltanschaulichen Rigorismus Wegbereiter des Nationalsozialismus. erlebt hat. Und wenn auch der Gedanke an jenes oft beschworene verlorene Paradies einer „bodenständigen“ Ursprünglichkeit nach all den bittereren Erfahrungen der letzten Kriegszeit – und spätestens seit jenem Feldpostbrief an seine Familie im Sommer 1944 mit der Nachricht vom „Heldentod“ des Bruders – für Wilhelm kaum mehr etwas mit der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus zu tun hat, so erinnert er sich doch noch gut an die begeisterten Erzählungen des Bruders über den Professor, welcher der kleinen Schar seiner fast gläubig andächtigen Studentinnen und Studenten vom alten Brauchtum und von den germanischen „Männerbünden“ vorgetragen hat, in denen dieses Brauchtum und überhaupt das „altgermanische Wesen“ bis in die Gegenwart überdauert hätte. Der Professor, der auch gleich im Hörsaal vorgetanzt und gesungen hat und so zwerchfellerschütternd in der Manier eines geborenen Volksschauspielers das „Landvolk“ in seiner „bieder-schlauen“ Eigenart karikieren konnte.

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