Zwei Monate in Brasilien und wie ich zum Weltbürger wurde

Viele Studierende nutzen den Sommer für Auslandsaufenthalte um Praktika oder Jobs zu absolvieren. Natalia Sander berichtet über ihre Erfahrungen in Brasilien:

Zwei Monate am anderen Ende der Welt verbringen? Englisch unterrichten? Ohne Portugiesischkenntnisse? Mein Kopf hätte die Entscheidung niemals getroffen, aber der Bauch übernahm kurzerhand das Kommando und schon war das AIESEC-Praktikum in Brasilien fix und der Flug gebucht. Raus aus der Uni, rein ins Leben.

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Erste Hürden

Ein Praktikum in Brasilien? Kann ja wirklich nicht so schwer sein, dachte ich mir, immerhin sind keine Portugiesisch-Kenntnisse gefragt. Dass sie von Vorteil sind, stellt sich bereits am Flughafen in Rio de Janeiro heraus. „Where is the exit?“, frage ich eine Mitarbeiterin am Flughafen. Diese macht große Augen und schüttelt mit dem Kopf: „No English“. Mit Hilfe ihrer Kollegen, die allesamt auch kein Englisch sprechen, werde ich zum Ausgang begleitet. Hier muss ich auch schon die nächste Hürde überwinden: Mein Praktikum und Wohnort für die nächsten zwei Monate ist Juiz de Fora, eine 500.000-Einwohner-Stadt 180 Kilometer nordwestlich von Rio. Um dorthin zu gelangen muss ich zum Busbahnhof, den man wiederum mit einem Shuttle erreicht.

Vor dem Flughafen tummeln sich aber nur Taxis und von einem Bus ist weit und breit keine Spur. Nach zwanzig Minuten gebe ich unter dem Gewicht meines Rucksacks nach und nehme ein Taxi. Der Fahrer ist freundlich und kann sogar ein bisschen Englisch: Er erzählt mir davon, dass hier viele die Weltmeisterschaft in Brasilien kritisieren und hilft mir mit der portugiesischen Aussprache. Dass die Brasilianer alles sehr locker nehmen, wird bereits hier deutlich: Aussteigen muss ich, während wir an einer roten Ampel stehen. „Das geht schon“, meint der Fahrer lächelnd.

Juiz de Fora

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Nach weiteren Sprachkomplikationen am Busbahnhof komme ich nach vier Stunden in Juiz de Fora an und werde von einem der AIESECer empfangen. Er ist 19, heißt José und wir kennen uns bereits über Facebook. Mittlerweile ist Mittag und ich merke den Temperaturschock am ganzen Körper – während mich der europäische Februar mit zwei Grad verabschiedete, grüßt Brasilien mit sonnigen dreißig Grad.

Es habe ein Missverständnis mit meiner Gastfamilie gegeben, meint José, also werde ich spontan bei der 26-jährigen Brasilianerin Ana Paula (Aninha) untergebracht. Da es ein soziales, unbezahltes Praktikum ist, muss ich nichts für die Unterkunft zahlen und soll im Gegenzug ihre Englischkenntnisse aufbessern. Dass es einfach die bestmögliche Planänderung gewesen ist, merke ich bereits nach ein paar Tagen. Aninha ist unkompliziert, kommunikativ und total begeistert davon, dass ich deutsche und russische Wurzeln habe, denn ich bin dort geboren und habe die ersten zwölften Lebensjahre dort verbracht. Ich lebe mich sehr schnell in Juiz de Fora ein und lerne innerhalb einer Woche viele neue Menschen kennen. Und bekomme in einer Sprachschule für Erwachsene sogar noch ein zweites Praktikum angeboten. Aninha ist eine Mischung aus großer Schwester, bester Freundin und der allercoolsten Mitbewohnerin, die ich mir nur wünschen konnte. Das Highlight unserer Zeit zusammen waren zwei Ausflüge nach Rio, davon einer während des Karnevals.

„Sie spricht kein Portugiesisch, du Dummkopf!“

Am dritten Tag in Juiz de Fora darf ich mit dem Praktikum in der Schule anfangen. Ich arbeite fünf Stunden täglich und unterrichte Fünf- bis Achtjährige. Die Schule ist privat und bietet bilingualen Unterricht an. Am ersten Tag fragen mich die Schüler lustige Dinge wie „Gibt es in deiner Stadt einen Strand?“ und „Wie heißen deine Eltern und deine Katze?“. Die Kleinen sind unglaublich lieb, herzlich und haben keine Scheu vor Körperkontakt: Jeden Tag werde ich von allen umarmt und darf als Anführer der Kindergang beim englischen Bingo die Ansage machen. Einfach ist es trotzdem nicht, denn sie sprechen nur Portugiesisch und ich kann nur unnütze Portugiesisch-Brocken wie „Ich bin nicht aus Brasilien“. Nach und nach wird es jedoch besser. Ich finde langsam eigene Aufgaben, spreche Englisch mit Pantomime-Einlagen und kann viele Dinge auf Portugiesisch verstehen. Dass man in Deutschland (denn da komme ich her) und Österreich kein Portugiesisch kann, wird den Kindern irgendwann bewusst und sie erinnern sich immer wieder gegenseitig daran: „Sie spricht doch kein Portugiesisch, du Dummkopf“. Am Ende der sieben Wochen wissen sie, wo Deutschland und Russland liegen, was man da isst, welche Zeichentrickfilme die Kinder sehen und welche Sprachen dort gesprochen werden. Ich habe die Zeit dort also sinnvoll verbracht.

natalia_4Reis, Bohnen, Reis, Bohnen, Reis

Dinge, die daheim so einfach sind, können im Ausland zur Herausforderung werden, so auch das Essen. Mittagessen darf ich in der Schule und genieße so jeden Tag Reis, Bohnen und Fleisch. Am Anfang noch begeistert von dem neuen Essen, hängt mir dieses Gericht nach drei Wochen zu den Ohren raus. Während der Karnevalswoche Anfang März hat die Schule geschlossen und so erfreue ich mich daheim an selbstgekochten Kartoffeln und Pasta. Zu meiner eigenen Überraschung tut dieses Essen aber nicht so gut wie die fettfreien brasilianischen Gerichte. Also genieße die letzten drei Wochen das Duo Reis & Bohnen in vollem Maße. Am liebsten würde ich diese Gewohnheit auch daheim fortsetzen, aber die heimische Mensa ließ sich noch nicht von dieser Idee begeistern.

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Samba und Politik

Auch wenn es Sprachkomplikationen gab, wurden sie durch eines wettgemacht: Selten in meinem Leben habe ich so viele freundliche, aufgeschlossene und kommunikative Menschen getroffen. Die Tatsache, dass ich alleine von Rio nach Juiz de Fora kam, sorgt für Bewunderung: Ihnen ist bewusst, dass es ohne Portugiesisch nicht einfach sein muss. Entgegen dem Klischee, die Brasilianer wären dauerhaft im Samba-Karneval-Modus, führe ich viele ernste Gespräche über Bildung und Weltpolitik und erzähle über mein Leben hier. Hier erfahre ich auch den Grund für das schlechte Englisch: An vielen öffentlichen Schulen werden nur einfache Grundlagen vermittelt. Wer Englisch sprechen möchte, muss jahrelang privaten Unterricht nehmen. Leisten können sich das etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Wenn sie über das luxuriöse Leben der Europäer reden, meinen sie also meist auch die Bildung.

Ein Blick zurück

Im Nachhinein wird mir klar, dass ich auf meiner Reise nur die schöne Seite der Medaille kennengelernt habe: Private Schulen, Bars am Abend und Wochenendausflüge nach Rio sind kein Standard in Brasilien. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man als Tourist dorthin reist. Mit Spiegelreflexkamera in die Favelas zu gehen, um die Misere zu fotografieren, fand ich aber auch nicht angemessen.

Zwei Monate sind echt keine lange Zeit. Im fremden Land rennt die Zeit jedoch nach eigenen Gesetzen. Nach einem gefühlten Jahr dort kann ich sagen: Brasilien hat mich flexibel und offen gegenüber Neuem gemacht. Danke an das wohl netteste Land der Welt: Eo amo o Brazil!

Für alle, die nicht genug haben: Mehr Bilder und Geschichten über Brasilien gibt es auf meinem Blog. Mehr Info über diese Art Praktika findet ihr hier.



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