Wie Veranstaltungen in der darstellenden Kunst barrierefrei(er) werden von Barbara Heinisch
am 18. Juli 2018
ungefähr 5 Minuten
Themen: Barrierefreiheit , Forschung , Gesellschaft , Projekt , Translationswissenschaft

Wie Veranstaltungen in der darstellenden Kunst barrierefrei(er) werden

Wie viel bekommst du von einer Theateraufführung mit, wenn du dir die Ohren zuhältst oder die Augen zumachst? Kannst du der Vorstellung folgen oder überall mitlachen? Diesen Herausforderungen begegnet das europäische Projekt ACT (Accessible Culture and Training) durch verschiedene Maßnahmen im Rahmen der Barrierefreiheit. Am Uni Wien Blog erzählt Universitätsassistentin Barbara Heinisch von ihren Erfahrungen mit der Entwicklung eines Online-Kurses für barrierefreie Events.

„Auf ins Theater!“, beschließe ich. Sachen packen, zur U-Bahn, den kürzesten Weg zum Theater nehmen, rasch die letzten Stufen rauf zum Eingang. Rein in den Aufzug, den Gang runter, den richtigen Saal finden, Tür auf, rein, Platz finden, hinsetzen und: Augen auf, Ohren spitzen und die Vorstellung genießen.

Was für mich schnell und unkompliziert möglich ist, stellt für andere Menschen eine Herausforderung dar. Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung bleiben Kulturveranstaltungen, wie Theaterbesuche oder Musikfestivals, oftmals verwehrt, weil es zu viele Barrieren gibt. Sei es die Stiege vor dem Eingang oder ein Aufzug, der zu eng für RollstuhlfahrerInnen ist. Oder der Inhalt einer Vorstellung, der für blinde oder gehörlose Menschen nur schwer erschließbar ist.

Das Projekt ACT: Teilhabe am kulturellen Leben ist ein Menschenrecht

Eine Aufführung selbst ergibt grundsätzlich nur durch das Zusammenspiel mehrerer Sinneseindrücke Sinn. Das macht das Erlebnis Theater oder Oper aus. Es wird angenommen, dass 80 Million Menschen in Europa eine Behinderung haben. Die Teilhabe am kulturellen Leben ist ein Menschenrecht. Daher gilt es auch Hindernisse bei der Nutzung des Angebots in der darstellenden Kunst zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass diese gar nicht erst entstehen. Daher waren wir am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien am europäischen Projekt „Accessible Culture and Training“ (ACT, barrierefreier Zugang zu Kultur und Bildung) beteiligt. Das Projekt hat sich Barrierefreiheit in der darstellenden Kunst, wie Opern- oder Theatervorstellungen, auf die Fahnen geschrieben.

ExpertInnen für barrierefreie Kulturveranstaltungen

Auf Dienstleistungen wie Gebärdensprachdolmetschen wird bei der Organisation von Events oft vergessen.

Wir legen den Ansatz des universellen Designs (Design for All) auf Kulturveranstaltungen um und erstellen Richtlinien für “Culture for all” (Kultur für alle). Das Ziel hierbei ist es, Barrieren von vornherein zu vermeiden und Veranstaltungen mit allen Sinnen erlebbar zu machen. Bisher gab es nämlich keine zertifizierte Ausbildung im Bereich Zugänglichkeit von Kulturveranstaltungen. Eine Ist-Analyse und die Definition des Berufsprofils „Experte/ Expertin für barrierefreie Kulturveranstaltungen“ mündeten daher in den englischsprachigen Onlinekurs (MOOC) „Accessibility to the scenic arts“ (Barrierefreiheit in der darstellenden Kunst).

Unser MOOC behandelt die Zugänglichkeit von Opern-, Theateraufführungen oder Musik-Festivals. Er bietet nicht nur eine Einführung in die Grundlagen der Barrierefreiheit und die Begriffe der Inklusion und Beeinträchtigung, er erklärt neben baulichen Anpassungen auch die Kommunikation im Team.

Oft vergessene Services im Bereich Barrierefreiheit

Vibrierende Stühle oder Übertitelungen von Aufführungen ebnen den Weg in Richtung Barrierefreiheit.

Oft nicht bewusst oder vergessen wird auch auf Dienstleistungen wie Gebärdensprachendolmetschen, Simultandolmetschen, Braille oder Audiodeskription. Bei letzerer werden die visuellen Inhalte einer Vorstellung oder eines Films für Blinde oder Sehschwache mündlich beschrieben. Auch Untertitelung für Gehörlose und Schwerhörige zählt dazu, die nicht nur die Dialoge in schriftlicher Form widergibt, sondern auch Hintergrundgeräusche und Musik beschreibt. Bei Führungen zum Angreifen können die BesucherInnen beispielsweise Exponate mit den Händen erfühlen. Die klassische Übersetzung für Personen, die der Sprache der Aufführung nicht mächtig sind, oder vibrierende Stühle, die beispielsweise den Rhythmus der Musik in Form von Vibrationen widergeben, können von VeranstalterInnen als Dienstleistungen in Anspruch genommen werden.

Warum von Barrierefreiheit alle profitieren

Barrierefreiheit beginnt bereits vor der Veranstaltung mit der Beschreibung des barrierefreien Weges. Sie endet auch nicht mit der Aufführung selbst. So kann man bereits Informationen auf der Website zugänglich gestalten, AkteurInnen wie Behindertenorganisationen möglichst früh einbeziehen oder die eigenen MitarbeiterInnen im Bereich Barrierefreiheit schulen. Services, die in erster Linie zur Barrierefreiheit gezählt werden, sind oftmals auch für viele andere Menschen nützlich. Zum Beispiel Übertitelung bei einer Opernaufführung, wenn man die gesungene Sprache nicht gut versteht, möglichst übersichtlich gestaltete Beschilderungen, um sich am Veranstaltungsort zurechtzufinden sowie rutschfeste Matten bei Open-Air-Festivals, wenn der Boden aufgeweicht ist.

Nicht nur Menschen mit Behinderung profitieren von Barrierefreiheit, sondern auch ältere Menschen, Kinder, Eltern mit Kinderwagen oder Personen mit vorübergehenden Beeinträchtigungen. Von Barrierefreiheit profitieren alle.

Hintergrundinformationen: Das 2-jährige von Erasmus+ mitfinanzierte Projekt unter Leitung der Universitat Autònoma de Barcelona läuft noch bis September 2018. Weitere beteiligte Institutionen sind die Universiteit Antwerpen und die Queen’s University Belfast, die in Österreich ansässige European Certification and Qualification Association, Trànsit, das mehrere spanische Kulturzentren leitet, die belgische Agentur für universelles Design INTER sowie die Generalitat de Catalunya.

 

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Barbara Heinisch

Barbara Heinisch ist Universitätsassistentin am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit der Usability (Benutzerfreundlichkeit) der Terminologiedatenbank der Universität Wien. Ihre Forschungsinteressen sind Citizen Science, Lokalisierung, Technische Dokumentation, Usability, Barrierefreiheit, Terminologie und Fachübersetzung.



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