von Maximilian Petrasko
am 16. August 2018

Lust der Täuschung – Glaskunstwerke auf Reisen

 „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ – frei nach dem von Matthias Claudius geprägten Motto will Maximilian Petrasko von der #univie hier die Planung und Durchführung einer Reise von fünf Glaskunstwerken, gefertigt von Leopold (1822-1895) und Rudolf Blaschka (1857-1939), aus der Zoologischen Sammlung der Universität Wien in Richtung Kunsthalle München nachzeichnen, wo diese im Rahmen der Ausstellung „Lust der Täuschung“ einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden.

Die Auswahl fällt schwer bei so vielen Modellen im Sicherheitsdepot der Zoologischen Sammlung. © Maximilian Petrasko
Die Auswahl fällt schwer bei so vielen Modellen im Sicherheitsdepot der Zoologischen Sammlung. © Maximilian Petrasko

Der erste Kontakt

Bereits im Oktober 2017 nahm die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kunsthalle München Frau Anja Huber mit der Sammlungsbeauftragten der Universität Wien Frau Claudia Feigl Kontakt auf. Somit wurde der erste Besuch an der Zoologischen Sammlung vermittelt. Schon in den ersten Minuten war es klar, welche Passion Frau Huber für die zu entwickelnde Ausstellung mitbrachte und wir konnten uns schnell einigen, welche Objekte gut in das Ausstellungskonzept passen.

Kein Kontakt ohne Kontrakt

Die Zoologische Sammlung verfügt über 500.000 Objekte, von denen etwa 1200-1500 Objekte pro Jahr universitätsintern für die wissenschaftliche Lehre und Forschung verwendet und entlehnt werden. Wenn es sich nun aber um einen externen Leihnehmer handelt, kommen weitreichendere Regeln zu tragen. Da im modernen Leihwesen nichts ohne den dazugehörigen rechtlichen Rahmen ablaufen soll und darf, konnte ich auf das Knowhow von Frau Feigl und die Hilfe ihres Teams zählen. Wir investierten alle viele Stunden in die Ausarbeitung der Verträge und Rahmenbedingungen, damit einer erfolgreichen Leihgabe der Glaskunstwerke nichts im Wege stünde.

Die fünf ausgewählten Modelle (GM 37, Caryophyllia smithii; GM 65, Eirene viridula; GM 106, Ocythoe tuberculata; GM 118, Elysia viridis; GM 122, Limnaeus stagnalis). © Maximilian Petrasko
Die fünf ausgewählten Modelle (GM 37, Caryophyllia smithii; GM 65, Eirene viridula; GM 106, Ocythoe tuberculata; GM 118, Elysia viridis; GM 122, Limnaeus stagnalis). © Maximilian Petrasko

Welche Objekte dürfen verreisen?

Um diese Frage zu erörtern, konnten wir auf unser Wissen aus vorangegangenen Entlehnungen der Blaschka Objekte (z.B. einer Ausstellung am NHM Wien oder einem Kunstprojekt von Guido Mocafico) und die Expertise einer Glaskonservatorin aus Irland namens Frau Lorna Barnes vertrauen, die uns auch schon bei diesen Unternehmungen exzellent beriet. Sie betreute über viele Jahre die weltweit größte Sammlung von Blaschka Modellen am NHM Dublin. Gemeinsam mit der Konservatorin wählte ich einige Modelle aus, welche nach konservatorischen und sammlungstechnischen Gesichtspunkten fit für eine Reise wären.

Frau Barnes und ich fertigten aussagekräftige Objektbeschreibungen in Wort und Bild an, welche als Grundlage für die Bewertung der Integrität der Objekte im Schadensfall herangezogen werden könnten.

 

Ein Objekt bereits reisefertig verpackt. © Maximilian Petrasko
Ein Objekt bereits reisefertig verpackt. © Maximilian Petrasko

Verpackung ist das halbe Leben

Um die Reise antreten zu können und die 400km nach München zu überstehen, wurden die Objekte sorgsam in spezielle Kartonagen verpackt, sowie per Nadel und Faden (diese Technik benutzten schon die Blaschkas selbst) an einem Musealkunststoff festgenäht, der möglichst Vibrationen verhindert und wenige für die Objekte schädliche Charakteristika besitzt. Hier kontrollierte ich nochmals die Intaktheit und Unversehrtheit der Objekte, bevor sie in die Transportkisten überführt wurden.

 

Ab auf den Lastkraftwagen in Richtung München

Mit dem Transport wurde eine renommierte internationale Kunstspedition beauftragt, dessen versierte Angestellte die Transportkiste bei mir in der Sammlung abholten. Nach etlichen Stunden trafen wir, die Objekte und ich als Kurier, an der Laderampe der Kunsthalle München ein. Wir wurden von einer Vielzahl an interessierten MitarbeiterInnen begrüßt und aufs Herzlichste in Empfang genommen. Die Transportkiste wurde vorerst in das Sicherheitsdepot gebracht, da sich zur Ankunftszeit bereits mehrere andere Kuriere mit ihren Objekten in den Ausstellungsräumlichkeiten befanden.

Knapp vor dem Aufbruch © Maximilian Petrasko
Knapp vor dem Aufbruch © Maximilian Petrasko
Ab auf den LKW und nichts wie nach München! © Maximilian Petrasko
Ab auf den LKW und nichts wie nach München! © Maximilian Petrasko

 

Wie am Flughafen

Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Ähnlich den Prozessen, die sich auf einem Flughafen tagtäglich abspielen, wurden in wohl koordinierter Weise die wertvollen Kunstobjekte knapp vor dem Auspacken nahe an den designierten Aufstellungsort getragen. Im Beisein des Chefkonservators der Kunsthalle und der KuratorInnen öffnete ich mit Hilfe der Spediteure die Transportkiste. Bei jedem Objekt spielte sich das gleiche Ritual ab: die Anspannung; das Öffnen der Box; der „Erste Blick“; das Hoffen, dass die Montage hielt und das Objekt keinen Schaden nahm; der kritische Blick des Chefkonservators; das Lächeln in beiden Gesichtern, wenn es keinen Makel zu sehen gab; und schließlich das Gegenzeichnen der Protokolle. Alle Objekte kamen heil an!

 

Glaskunstwerke in Licht und Schatten

Wo sollen die Objekte jetzt stehen? Der eigentliche Platz wurde ihnen schon vorab vom Ausstellungsdesigner zugewiesen, jedoch ist die tatsächliche Anordnung ein akkurates Spiel aus den Vorstellungen des Beleuchters, des Designers, des Technikers und der KuratorInnen. So dauerte es einige Zeit, bis ich innerhalb des vorgesehenen Rahmens die Objekte positionieren konnte. Die Objekte wurden nun ins rechte Licht gesetzt und kamen zu ihrer Sicherheit hinter Glas. Endlich konnte ich ein wenig durchatmen und freute mich über das Gelingen des Unterfangens. So bleibt mir nur zu sagen, dass ich hoffe, dass die spektakuläre Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher anzieht, denn für mich war es eine wunderbare und sehr lehrreiche Erfahrung mit KollegInnen aus der Kunstszene zusammenzuarbeiten.

Alles ist geplant. © Maximilian Petrasko
Alles ist geplant. © Maximilian Petrasko
Wir setzen die Objekte in Szene. © Maximilian Petrasko
Wir setzen die Objekte in Szene. © Maximilian Petrasko

Fazit

Wieder einmal konnte ich lernen, wie wichtig die transdisziplinäre Sichtweise auf „meine“ Objekte sein kann (vgl. Objekt des Monats der Sammlungen der Universität Wien), um den Objekten einen neuen Wert zu geben, sie neu zu denken und in einen anderen Kontext zu versetzen. Das Lernen am Objekt wurde hier vorgelebt, denn ich konnte eine Unmenge an neuen Fähigkeiten und Techniken im Zuge des Projektes erlernen. Die Objekte sind vom 17. August 2018 bis zum 13. Januar 2019 in der Kunsthalle München zu bestaunen. Hoffentlich kommen alle wieder heil nach Hause!

 

 


Maximilian Petrasko

Maximilian Petrasko beschäftigt sich seit 2012 als Assistenzkustos der Zoologischen Sammlung mit Aspekten des Sammlungswesens am Schnittpunkt Lehre und Forschung. Ihm ist es ein Anliegen, die Sammlung für eine breite Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sowie FachwissenschafterInnen bei den mannigfaltigen Anfragen unterstützend zur Seite zu stehen. Seine Forschungsinteressen umfassen das Entwickeln von Methoden zur Öffnung von Sammlungen als schlummernde Datenquellen für die Lebenswissenschaften, sowie deren Nutzbarmachung für moderne Untersuchungsmethoden.
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