Eine Hymne auf den Kaffee am 17. Juli 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Kaffee , Studierende

Eine Hymne auf den Kaffee

Eines gleich vorweg, diese Geschichte ist eine Satire. Also nehmt sie bitte nicht allzu ernst.

Das Leben als Studentin deprimiert mich. Ich habe angefangen zu studieren um mein Leben abwechslungsreicher zu gestalten, um mich fortzubilden und (das Rationalste zuletzt) um einmal einen Beruf zu haben, der mich erfüllt, der mich weiter bringt und (wieder kommt die Vernunft am Schluss) der mir ein mehr als nur ausreichendes Gehalt bietet.
Mittlerweile, durch die Worte meiner Dozenten am ersten Tag und durch meine Erfahrungen ernüchtert, bin ich bescheidener geworden. Das Erfüllen sowie das Weiterbringen habe ich gestrichen, mein zukünftiges Gehalt habe ich auf „mich durchbringen“ reduziert. Überhaupt einen Beruf zu finden ist entscheidend geworden, er muss keine Berufung mehr sein.
Wie kam es soweit?

Als junger, hoffnungsvoller, naiver Mensch betrat ich die Uni. Für eine Studienanfängerin war ich mit 24 zwar schon etwas alt, aber ich hatte vor, mein Studium in Mindestdauer zu absolvieren. Ja, damals hatte ich noch Träume! Mein erstes Studium war übrigens Biologie. Ja, ich war wirklich übermäßig positiv eingestellt. Ich will nicht sagen, man hätte mich nicht gewarnt. Sämtliche Freunde sowie Verwandte haben mich sorgenvoll angesehen, haben den Kopf geschüttelt, mir eindringlich in die Augen gespäht und mit leiser, kummervoll klingender Stimme gesagt: „Biologie, willst du wirklich Biologie machen?“ Diese Frage war rein rhetorisch gemeint. Wären sie ehrlich gewesen, hätten sie gesagt: „Biologie, was kann man damit machen? Und überhaupt: Denkst du nicht, dass es etwas zu schwer für dich ist? Hältst du dich wirklich für intelligent genug?“

Haben sie aber nicht. Also antwortete ich auf ihre sorgenvoll gemurmelte rhetorische Frage immer überzeugt mit „Ja“. Denn ich war wirklich unglaublich überzeugt und motiviert. Die Warnung meiner DozentInnen kam am ersten Tag, bei der Infoveranstaltung, sie war um einiges deutlicher. Ich werde diese überaus ehrliche und wenig motivierende Ansprache nie vergessen und möchte sie hier gerne Wort für Wort wiedergeben, in der Hoffnung (ja, ich hoffe noch) sie so einmal verarbeiten zu können. Also hier ist sie, die ultimative Motivation, für alle Erstsemestrigen: „Herzlich Willkommen zu Biologie. Wir freuen uns, dass sich auch dieses Jahr wieder so viele für Biologie entschieden haben.“ Der Dozent, seines Zeichens Doktor der (keine Ahnung mehr von welchem Fachgebiet er war), ließ seinen Blick über das übervolle Audimax schweifen: „Biologie ist ein sehr schönes Studium, aber es ist auch ein sehr schweres Studium. Die Berufschancen sind mäßig bis schlecht. Aber“, ich horchte auf, „80 Prozent von ihnen braucht das alles überhaupt nicht zu kümmern“, erleichtert atmete ich auf, „Denn diese 80 Prozent werden es ohnehin nicht schaffen.“ Ich hielt die Luft an in der Hoffnung, es käme noch ein positiver motivierender Zusatz, aber es kam nichts und mir wurde die Luft knapp, also atmete ich die vorhin in der Erleichterung eingeatmete Luft wieder aus und dann wieder ein.

Der motivierende Zusatz kam nie und ich gehöre zu den 80 Prozent. Ob es das schwere Studium, die schlechten Berufsaussichten oder die nach der Ansprache mangelnde Motivation war – ich kann es nicht sagen, vermutlich von allem etwas. Mittlerweile habe ich ein anderes Studium gefunden, bei dem einem nicht gleich am Anfang alle Nachteile aufgezählt wurden. Allerdings auch keine Vorteile.

Den sorgenvollen Blicken meiner Familie und meinen Freunden bin ich allerdings weiter ausgesetzt. Vor allem, wenn sie mich fragen, ob es gut läuft und wenn ich auch nach mehrmaligem Nachfragen dabei bleibe, wandelt sich die Sorge meistens in Verwunderung. Noch schlimmer wird es dann, wenn sie mich bitten, ihnen einen Ernährungsplan zu erstellen und ich darauf antworte, dass ich das nicht kann, weil ich Ernährungswissenschaft und nicht Diätologie studiere. Wenn ich dann erwähne, dass es sicher hilfreich wäre, das dritte Tortenstück wegzulassen, wenn man erhöhten Blutzucker hat oder abnehmen möchte, wandelt sich der Blick wieder. Von sorgenvoll zu vorwurfsvoll, manchmal schlägt er sogar in blanken Hass um.
Ich soll hier niemanden bevormunden, heißt es dann, schließlich habe ich noch nicht meinen Abschluss und übrigens, wann ich ihn denn endlich hätte usw. Die unangenehme Wahrheit, dass man einfach weniger zu sich nehmen muss als man verbrennt, um abzunehmen, will nämlich keiner hören. Aber genug davon, schließlich hat Ernährungswissenschaft gar nicht so viel mit Ernährung zu tun, wie man annimmt.

Auch in dieses Studium kam ich gut gelaunt und motiviert, das blieb auch noch länger so und ist meistens auch noch der Fall. Vor allem, wenn ich es um drei Uhr Nachts endlich geschafft habe, mir sämtliche Substitutionseffekte an aromatischen Systemen richtig einzuprägen. Was mich stört, ist die Eintönigkeit, denn wie schon vorher erwähnt, wollte ich Abwechslung in mein Leben bringen. Aber studieren heißt leider: Gib deinem Gehirn viel Zucker. Trinke so viel Kaffee, bis dein Puls rast und du nicht mehr schlafen kannst. Schlaf wird überhaupt überbewertet, schlafe deswegen möglichst wenig und versuche es dir ganz abzugewöhnen. Trink noch mehr Kaffee und lern weiter. Ferien braucht man nicht, jede ungenutzte Zeit ist eine unerwünschte Lücke im Lebenslauf. Darum mache in deinen Ferien unbezahlte Praktika und schlafe gar nicht mehr, weil du nicht weißt, wie du die nächste Miete bezahlen sollst. Arbeite noch mehr, trink noch mehr Kaffee und nimm Energiedrinks dazu. Schaffe es bis zum Abschluss ohne einen Herzinfarkt. Ich habe diese Weisheiten zu meinem Mantra gemacht und Kaffee sowie Energiedrinks zu meinem Wasser. Was soll ich sagen?

Es funktioniert.


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