von Marina Coric
am 28. November 2018
ungefähr 7 Minuten
Themen: Auslandssemester , Erasmus , ESN , Kultur , Semesterfrage , Studierende , Studium , Wien

Ein Auslandssemester beim Nachbarn

Erasmusstudentin Marina Coric aus Deutschland bloggt über ihr Auslandssemester in Wien. Sie erzählt, dass man gar nicht so weit fahren muss, um neue Erfahrungen zu machen und warum sie die Entscheidung für Wien auf keinen Fall bereut.

Motiviert durch Freunde und traumhafte Bilder auf Instagram, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, ein Auslandssemester zu machen. Es passte gut in den Modulplan meines Masters und ich hatte nichts dagegen dem kalten Deutschland zu entfliehen. Ich träumte von Sonne, Strand und Meer im Dezember, während meine Freunde zu Hause frieren würden. Aber am Ende ist doch alles anders gekommen. Denn während ich diesen Eintrag hier schreibe, sitze ich in meinem WG-Zimmer in Wien und nicht in Australien am Strand.

Konfrontation mit der Realität

Maria Theresien Platz

Wer hat nicht schon mal den Wunsch verspürt, ganz weit weg zu fliegen und alles Gewohnte hinter sich zu lassen? Ich jedenfalls schon! Dieser Wunsch erreichte seinen Höhepunkt, als ich vor genau einem Jahr im regnerischen Deutschland im Hörsaal der Uni Düsseldorf saß. Ich entschied mich dafür, ein Auslandssemester im Warmen zu machen. Es sollte nach Australien gehen, weil ich dort noch nie war und unbedingt in die Sonne wollte. Ich malte mir in Gedanken schon alles aus und freute mich auf die Infoveranstaltung in der kommenden Woche. Wie das Leben aber nun mal so spielt, kommt es nie, wie man denkt oder sich eher erhofft. Die Infoveranstaltung brachte mir neue Erkenntnisse, die meine Träume von Australien (mehr oder minder erbarmungslos) zerstörten.

Erstens gefielen mir die beworbenen Universitäten gar nicht, weil es nicht um Studieninhalte, sondern nur um die tolle Lage der Gebäude und das Nachtleben ging. Versteht mich nicht falsch: Natürlich finde ich es toll, am Strand zu wohnen und am Wochenende auszugehen. Trotzdem will ich in einem ganzen Semester auch inhaltlich etwas mitnehmen. Zweitens hätte es einfach nicht mit meinem Modulplan aus Deutschland funktioniert, da die Aufteilung der Semester ganz anders ist. Die meiste Zeit wäre vorlesungsfrei gewesen und so wäre es einfach kein richtiges Semester geworden. Ein weiterer Faktor waren die abschreckenden Kosten. Wer sich schon einmal über ein Auslandssemester in den USA oder Australien informiert hat, weiß was ich meine.

Erasmus: Mein Plan B

Tja, nun musste eine Alternative her. Deshalb entschied ich mich, den einfacheren Weg zu gehen und mich für einen Erasmus Platz zu bewerben. Dadurch war ich aber auch auf die Partneruniversitäten beschränkt. Die Auswahl ist groß, aber ohne Spanisch- oder Französischkenntnisse hat man nicht mehr so viele Möglichkeiten.

Die Gloriette in Wien

Dann sah ich die Uni Wien auf der Liste und war sofort angetan. Doch meine innere Stimme hatte Zweifel und fragte sich: ist es ein richtiges Auslandssemester, wenn du nur in ein Nachbarland gehst und dort sogar noch deine Muttersprache gesprochen wird? Machst du es dir nicht zu einfach?

Ich überwand diese Zweifel und entschied mich für die Universität Wien. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ich Wien als Stadt so interessant fand und die Bilder der Uni einfach wunderschön waren. Ehrlich gesagt, erinnerte mich alles ein bisschen an Hogwarts und wer würde nicht gerne in Hogwarts studieren? Bei mir ist es eigentlich ganz simpel: damit ich mich wohl fühle, brauche ich eine schöne Umgebung, ein vielfältiges Kulturangebot, gemütliche Cafés und viel Abwechslung. Das alles bietet Wien. So habe ich mich auch immer geäußert, wenn Leute mich wegen meiner Auswahl belächelt haben. Ach du gehst „nur“ nach Wien? Ist ja weit weg. Ja, ich gehe nach Wien, weil es die lebenswerteste Stadt der Welt ist und ich ein Teil davon sein will!

Endlich angekommen

Jetzt bin ich schon knapp sechs Wochen hier und habe mich gut eingelebt. Wien ist wunderschön und ich habe schon so viel gesehen. Ich nutze jede Option, bei der freier Eintritt in den Museen geboten wird, staune über die Architektur und sauge alle Eindrücke auf wie ein Schwamm.

Österreichische Nationalbibliothek

Auch die Uni Wien ist toll, wunderschön mit dem ganzen Stuck, den bunten Böden und dem imposanten Innenhof. Meine Seminare sind total spannend und komischerweise unterscheiden sie sich thematisch kaum von denen in Düsseldorf, was aber für die gute Partnerschaft der Universitäten spricht. Das macht es uns Erasmus-Studierenden einfacher bestimmte Kurse anrechnen zu lassen. Man wird auch von allen anderen Studierenden gut aufgenommen und fühlt sich sofort integriert. Das ist eine schöne Erfahrung, weil ich anfangs ein bisschen Angst hatte, keinen Anschluss zu finden.

Mittlerweile brauche ich kein Navigationssystem mehr, um mich zurecht zu finden. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dienen mir oft als Orientierung und nach Hause finde ich auch immer wieder. Es ist verrückt, aber sogar ein paar Floskeln habe ich schon von meiner Mitbewohnerin übernommen. Wien macht es einem wirklich leicht, sich wohl und heimisch zu fühlen.

Was eint Europa?

Diese Frage „Was eint Europa?“ finde ich total spannend und es ist schön, dass dieses Thema als Semesterfrage gewählt wurde. Ich finde gerade, dass das ganze Erasmus Programm in gewisser Weise Europa eint. Es ist eine tolle Möglichkeit Europa zu entdecken und für eine gewisse Zeit seine Zelte an einem neuen Ort aufzuschlagen. Man hat durch die ganzen Erasmus Veranstaltungen an den Universitäten die Möglichkeit Studierende aus ganz Europa kennenzulernen und neue Freundschaften zu schließen. Ohne meinen Aufenthalt hätte ich die ganzen lieben Menschen hier nie getroffen.

Das Rathaus in Bratislava

Zusätzlich bietet sich Wien als toller Ausgangspunkt für kleine Reisen an. Mit dem Team vom ESN kann man Tagesausflüge in andere Regionen Österreichs machen und sogar ein paar Tage nach Kroatien fahren. Oder man plant selber Ausflüge: Wir waren einen Tag in Bratislava, wollen noch mindestens nach Brno und ein paar Tage nach Budapest. Es ist einfach toll, dass Europa so offen und gut vernetzt ist. Sodass man ganz spontan ein anderes Land erkunden kann. Wo sonst ist dies so einfach möglich? Für mich eint Europa die Offenheit der Menschen und die Freundlichkeit, mit der man sich überall begegnet. Austausch-Programme wie Erasmus einen es, weil sie Möglichkeiten zur Vernetzung bieten.

Hier schlägt Österreich dann doch noch Australien

Ich bin noch mitten im Semester aber kann jetzt schon sagen, dass die Entscheidung für ein Auslandssemester das absolut Richtige war. Egal, wie weit man weg geht, so muss man doch immer sein gewohntes Umfeld verlassen und sich auf eine neue Umgebung einstellen. Ich kann nur jedem dazu raten, auf das Bauchgefühl zu hören und dorthin zu gehen, wo es sich richtig anfühlt. Dann wird man auch eine tolle Zeit haben und viel mitnehmen. Nicht nur neues Wissen, neue Freunde und viele Eindrücke, sondern auch ein Stück mehr Selbstvertrauen und Eigenständigkeit.

Ich habe jedenfalls schon jetzt sehr viel für mich mitgenommen und weiß ganz genau, dass ich nach diesem Semester nochmal nach Wien kommen werde. Nicht umsonst ist sie die lebenswerteste Stadt der Welt und hat ironischerweise Melbourne abgelöst. Hier schlägt Österreich dann doch noch Australien.

📌 Marinas Artikel ist ein Beitrag zur aktuellen Semesterfrage „Was eint Europa?”. Weitere Antworten, Interviews und Beiträge findet ihr auch im uni:view Magazin unter semesterfrage.univie.ac.at.
Semesterfrage: Was eint Europa?


Marina Coric

Marina Coric studiert in Düsseldorf Medien- und Kulturanalyse im Master. Zurzeit macht sie ein Auslandssemester an der Uni Wien in Theater- Film- und Medienwissenschaft. Im Studium ist Marina spezialisiert auf Film und Fernsehen, wobei sie auch sehr kunstinteressiert ist und gerne Sonntage in Museen verbringt, wenn sie nicht selbst malt.
[ mehr Artikel von Studierenden ]





2 Städte – 1 Jahr Erasmus

Nach zwei Erasmus-Semestern ist Politikwissenschaft-Studentin Edwina Al-Khalil nach Wien zurückgekommen und hat dabei auch einige Tipps für euch mitgenommen. Im Beitrag erzählt sie über ihre Erfahrungen und beschreibt do’s and don’ts bei Auslandsaufenthalten. Seit Beginn meines Studiums wollte ich ein Jahr im Ausland studieren. Da es jedoch beim Erasmusprogramm so viele interessante Destinationen gibt und … Continued




Ein Semester in Irland

Flora reist im Zuge ihres Bachelorstudiums in Musikwissenschaft ein Semester lang ins Grüne. Mit Erasmus+ studiert sie ein halbes Jahr lang in Irland an der National University of Ireland Maynooth. Im Blogbeitrag erzählt sie euch, wie sie sich zurechtgefunden hat und was sie von ihrem Auslandsaufenthalt mitnehmen konnte. Nachdem alle Formalia erledigt waren – English Certificate … Continued



Es war einmal … Studienbegriffe, die es so an der Uni Wien nicht mehr gibt

Immatrikulation? c.t.? Prüfungsreferat? – Das Uni-Leben ist manchmal kompliziert. Vor allem dann, wenn unbekannte Begriffe auf einen zustürmen. Barbara Hamp vom Studienservice und Lehrwesen gibt Übersetzungshilfe zu Begriffen, die an der Uni Wien heute nicht mehr verwendet werden. „Früher, da hat es das nicht gegeben.“ Oder: „Bei uns war das damals ganz anders.“ Diese Reaktionen … Continued

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top