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Forschung
Flexibel Arbeiten: Zwischen Autonomie und Mehraufwand von Vera Baumgartner
am 1. April 2019
ungefähr 5 Minuten
Themen: Arbeit , Semesterfrage

Flexibel Arbeiten: Zwischen Autonomie und Mehraufwand

Welchen Einfluss hat die Flexibilisierung auf unsere zukünftige Arbeitswelt? Wird es bestimmte Berufe in 10 Jahren überhaupt noch geben? Flexibilität ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits können wir für uns selbst mehr Entscheidungen treffen, andererseits geht flexibles Arbeiten mit mehr Planung einher. Vera Baumgartner – Universitätsassistentin und Projektmitarbeiterin am Institut für Angewandte Psychologie – erzählt in ihrem Blogbeitrag, warum Forschung zu den Auswirkungen von flexibler Arbeit gerade deshalb immer wichtiger wird.

Globalisierung und Digitalisierung haben unseren Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten zu einem ständigen Wirtschaftswachstum verholfen und unsere Arbeitsplätze verändert. Wer ein attraktiver Arbeitgeber sein möchte hat Angebote wie Home-Office, Desk-Sharing oder flexible Arbeitszeiten längst im Standardrepertoire.

Neue Anforderungen für die Arbeitswelt

Als „Millennial“ zähle ich zu der Generation, die imstande sein sollte mit den sich rasch veränderten Arbeitsanforderungen umgehen zu können. Wir wurden bereits in der Kindheit durch neue Medien und Technologien geprägt, der Laptop zählte bereits während des Studiums zu meinem täglichen Begleiter. Dennoch hat vielleicht auch speziell unsere Generation das Gefühl, sich ständig weiterentwickeln zu müssen, um für den Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben und den sich rasch verändernden Anforderungen in der Arbeitswelt anpassen zu können. Wir wissen noch weniger als unsere Vorgänger-Generationen was uns die Zukunft bringt. Wenn wir als junge/r AbsolventIn in das Berufsleben einsteigen, können wir nicht sagen, ob es unseren Job in zehn Jahren noch geben wird und wo unsere berufliche Reise hingeht.

Flexibles Arbeiten: Fluch und Segen zugleich?

Die Digitalisierung hat aber auch noch weitere Veränderungen mit sich gebracht. So ist es bereits in einigen Berufen möglich, flexibel zu arbeiten und zum

Arbeiten auf der eigenen Terrasse? Flexibel Arbeiten bedeutet auch, nicht an einen Ort gebunden zu sein.
Arbeiten auf der eigenen Terrasse? Arbeitszeit und -ort wird individuellen Bedürfnissen angepasst.

Beispiel den Ort der Arbeit oder die Zeiten selbst festzulegen. Auf den ersten Blick erscheint diese gewonnene Flexibilität ein großer Gewinn. Die Arbeitszeit wird individuellen Bedürfnissen angepasst. Nachteulen können ihren Arbeitstag beispielsweise später starten und dafür länger im Büro bleiben. Aber auch als Familie profitiert man, wenn Arbeitsplätze flexibel gestaltet sind. Die Arbeit kann mit mobilen Geräten ortsungebunden stattfinden und die KollegInnen erreicht man mittels Kommunikationsplattformen wie Skype for Business via Chatnachrichten oder Audio- und Videoanrufe. In unterschiedlichen Phasen unseres Lebens erscheint es uns daher hilfreich, berufliche und private Verpflichtungen aufeinander abzustimmen. Die Grenzen zwischen dem Privatleben und der Arbeit verschwimmen immer mehr und ein flexibler Arbeitsplatz könnte die passende Lösung sein, um alles unter einen Hut zu bekommen. Betrachtet man flexible Arbeitsplätze jedoch im Detail, ergeben sich daraus möglicherweise zusätzliche Anforderungen.

In unserer Forschung am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft beschäftigen wir uns daher mit der Frage, welche zusätzlichen Anforderungen flexibles Arbeiten mit sich bringt, für welche ArbeitnehmerInnen diese Anforderungen eher belastend werden können und wie man Personen unterstützen könnte, mit den resultierenden Anforderungen flexibler Arbeit besser umzugehen.

Kognitive Anforderungen flexibler Arbeit

In einem aktuellen Kooperationsprojekt mit der Universität Graz legen wir den Fokus auf kognitive Anforderungen. Durch einen flexiblen Arbeitsplatz haben ArbeitnehmerInnen zwar mehr Autonomie, werden aber gleichzeitig aufgefordert, ihren Arbeitstag besser zu planen und vermehrt eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Mehr Flexibilität bedeutet auch mehr Planung – beispielsweise von Abstimmungen mit KollegInnen.

So muss ich zum Beispiel planen wie ich mich mit ArbeitskollegInnen koordiniere, wenn diese auch flexibel arbeiten und nicht zu den Arbeitszeiten physisch im Büro anzutreffen sind. Wenn ich mich bei einer Aufgabe stark konzentrieren muss, bleibe ich vielleicht lieber im Home-Office, da ich dort möglicherweise weniger Unterbrechungen durch KollegInnen habe. Die Möglichkeit, Arbeitszeiten an private Verpflichtungen, beispielsweise der Kinderbetreuung, anzupassen, erfordert bei manchen Personen einen erhöhter Planungsaufwand, der zu den alltäglichen Arbeitsaufgaben hinzukommt. Diese augenscheinliche Autonomie kann zur Belastung werden, da wir uns dadurch immer mehr selbst managen müssen.

Selbstmanagement als Schlüssel zum Erfolg?

Der zusätzliche Planungs- und Entscheidungsaufwand, der mit einer flexiblen Arbeitsplatzgestaltung einhergeht, erfordert unter anderem eine gute Selbstmanagementfähigkeit. In einer aktuellen Interventionsstudie planen wir daher ein Online-Training, in dem wir uns zum Ziel gesetzt haben, die eigenen Arbeitsziele durch ein besseres Selbstmanagement leichter zu erreichen. TeilnehmerInnen erhalten durch das spezifische Training die Möglichkeit, sich den anstehenden Aufgaben bewusst zu werden. Hindernisse werden berücksichtigt und es wird ein Plan entwickelt, wie diese zu bewältigen sind, ohne die eigenen Arbeitsziele aus den Augen zu verlieren.

Unterschiedliche Auswirkungen flexibler Arbeit

Es sind jedoch nicht nur persönliche Merkmale wie die Selbstmanagementfähigkeit relevant. Interessanterweise haben unterschiedliche Anforderungen flexibler Arbeit verschiedene Auswirkungen. So zeigte sich in einer unserer Studien, dass das Strukturieren der eigenen Arbeit das Arbeits- und Familien-Leben bereichert, da man das Gefühl hat, dabei etwas zu lernen. Das Koordinieren mit KollegInnen wird hingegen eher belastend erlebt und führt zu einem Konflikt zwischen Arbeit und Privatleben. Möglicherweise spielt dabei die Emotion eine  Komponente: Kommt es zu zwischenmenschlichen Konflikten werden diese möglicherweise belastender erlebt, man kann sich von dem Erlebten schlechter abgrenzen und nimmt die Arbeit sozusagen mit nach Hause.

📌 Veras Beitrag ist im Rahmen der aktuellen Semesterfrage zum Thema „Wie werden wir morgen arbeiten?“ entstanden. Mehr Beiträge von WissenschafterInnen der Uni Wien lest ihr in uni:view. 

Forschung zur Arbeit der Zukunft wird immer wichtiger

Zieht man die zunehmende Auflösung hierarchischer Organisationsstrukturen in Betracht, wird in Kombination mit digitalen Arbeitsplätzen die Forschung der „Arbeit der Zukunft“ immer wichtiger.

Die Stärkung persönlicher Ressourcen sollte uns helfen, unsere Arbeit auch in Zukunft aktiv mitgestalten zu können. Neue Anforderungen unserer Arbeitswelt können uns sowohl bereichern, als auch belasten. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens in der Arbeit. Es wird also auch in Zukunft von großer Relevanz sein, sich mit den Veränderungen unserer Arbeit und den daraus resultierenden Anforderungen an uns Menschen zu beschäftigen, um gesunde und attraktive Arbeitsplätze zu schaffen.


Vera Baumgartner

Vera Baumgartner ist seit 2017 am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung und Wirtschaft der Universität Wien als Projektmitarbeiterin und Universitätsassistentin tätig. In dem vom FWF geförderten Projekt „Kognitive Anforderungen flexibler Arbeitsgestaltung“ beschäftigt sie sich in ihrer Dissertation damit, welche Auswirkungen kognitive Anforderungen flexibler Arbeit haben können und welche individuellen Faktoren diese Anforderungen möglicherweise beeinflussen können.


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