Geschlechterstereotype im universitären Kontext von Marlene Kollmayer
am 3. August 2018
ungefähr 7 Minuten
Themen: Forschende , Gender , Geschlechterrollen , Geschlechterstereotype , Psychologie , Wissenschaft

Geschlechterstereotype im universitären Kontext

Stellt euch eine Person vor, die in der Wissenschaft tätig ist. Seht ihr vor euch einen Mann oder eine Frau? Marlene Kollmayer ist Post Doc am Institut für Angewandte Psychologie der #univie und beschäftigt sich mit der Forschung an Geschlechterstereotype. In ihrem Blogbeitrag erklärt sie gesellschaftliche Phänomene und stellt spannende Studien vor.

Mich hat schon immer interessiert, warum formal gleiche Chancen nicht automatisch dazu führen, dass traditionelle Rollenbilder aufgebrochen werden und welche psychologischen Prozesse dazu beitragen, den Status Quo zu erhalten.
Zeichnungen zur Studie
Zeichnungen zur Studie (c) Franziska Kurka

In einer aktuellen Studie baten wir 114 Studierende der Universität Wien eine Person zu zeichnen, die in der Wissenschaft tätig ist. Nur 16 Studierende (14%) zeichneten daraufhin eine Frau. Damit bestätigt die Studie einen allgemeinen Befund: Noch immer ist die Wissenschaft in unseren Köpfen eine Männerdomäne. Auch medial werden ForscherInnen meist als herausragend intelligente, sozial inkompetente Männer dargestellt, die ihre wissenschaftliche Arbeit allein in einem Labor betreiben. In meiner Forschung am Arbeitsbereich für Bildungspsychologie & Evaluation beschäftige ich mich damit, warum bestimmte soziale Rollen und Tätigkeitsfelder immer noch als Männer- oder Frauendomänen gesehen werden und welche Folgen das für Wohlbefinden, Motivation und Leistung hat. Dabei berücksichtige ich unterschiedliche psychologische Konstrukte wie z.B. Geschlechterstereotype und Geschlechtsrollenorientierungen.

Was sind Geschlechterstereotype?

Unter Geschlechterstereotypen versteht man in der Psychologie Annahmen über die charakteristischen Merkmale von Frauen und Männern. Im Wesentlichen können alle Eigenschaften, Rollen, Aktivitäten und Objekte, die in unserem Kulturkreis einem Geschlecht stärker zugeordnet werden als dem anderen, auf zwei inhaltliche Dimensionen zurückgeführt werden: Frauen und Mädchen werden häufiger Merkmale zugeschrieben, die mit der Fürsorge für Andere und Attraktivität in Verbindung stehen, z.B. emotional, sanftmütig, verständnisvoll. Diese Dimension wird als Femininität, Gemeinschaftsorientierung, Wärme oder Expressivität bezeichnet. Männern und Jungen werden hingegen häufiger Eigenschaften zugeschrieben, die mit Durchsetzungsfähigkeit und Kontrolle zusammenhängen, z.B. stark, wetteifernd, unabhängig. Diese Dimension wird als Maskulinität, Selbstbehauptung, Kompetenz oder Instrumentalität bezeichnet. Betrachtet man diese beiden Dimensionen, wird klar, warum Wissenschaft mit Männern assoziiert wird. Wissenschaft zeichnet sich – genau wie das männliche Geschlechtsstereotyp – durch Rationalität und Kompetenz aus.

Die Erfassung von Geschlechterstereotypen

Bei der empirischen Erfassung von Geschlechterstereotypen wird zwischen expliziten und impliziten Verfahren unterschieden. Die explizite Erfassung von Geschlechterstereotypen geschieht durch Fragebögen, bei denen Personen angeben, wie sehr bestimmte stereotype Eigenschaften auf Männer bzw. Frauen zutreffen (z.B. „Frauen sind weniger an Politik interessiert als Männer.“). Durch die zunehmende soziale Erwünschtheit egalitärer Sichtweisen lösen solche Instrumente aber mittlerweile häufig Widerstände aus. Aus diesem Grund werden öfter sogenannte implizite Verfahren zur Erfassung von Geschlechterstereotypen eingesetzt, die weniger leicht durchschaubar und beeinflussbar sind. Darunter ist der Implizite Assoziationstest (IAT) das am häufigsten eingesetzte Instrument. Der IAT misst die Stärke von Assoziationen zwischen einzelnen Elementen des Gedächtnisses (z.B. Wissenschaft und Männlichkeit vs. Wissenschaft und Weiblichkeit) über Reaktionszeiten. Auf einer Website könnt ihr eure eigenen impliziten Geschlechterstereotype testen und damit zu einem riesigen Forschungsprojekt der Harvard Universität beitragen. Im Rahmen dieses Projekts zeigte sich beispielsweise, dass in Ländern, in denen Personen im Mittel stärkere implizite Geschlechterstereotype über WissenschafterInnen haben, auch die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern in mathematischen Fächern größer sind.

Maskulin, feminin, androgyn oder undifferenziert…was bist du?

Wissenschafterinnen der Uni Wien
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Geschlechterstereotype stehen auch damit in Verbindung, inwieweit Personen sich selbst bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zuschreiben, die als typisch für das männliche oder das weibliche Geschlecht gelten. Selbsteinschätzungen bzgl. geschlechterstereotyper Eigenschaften werden in der Forschung mit unterschiedlichen Begriffen wie Geschlechtsrolle, Geschlechtsrollenorientierung oder geschlechtsbezogenem Selbstkonzept bezeichnet. Sandra Bem konzipierte 1974 psychologische Maskulinität und Femininität als zwei unabhängige Dimensionen. Seitdem geht man davon aus, dass es vier mögliche Geschlechtsrollenorientierungen gibt: Eine maskuline bzw. feminine Geschlechtsrollenorientierung ergibt sich durch höhere Werte in einer Dimension als in der anderen, eine androgyne Geschlechtsrollenorientierung durch hohe Werte in beiden Dimensionen, und eine undifferenzierte Geschlechtsrollenorientierung durch niedrige Werte in beiden Dimensionen.

Geschlechtsbezogene Barrieren und das Impostor-Phänomen

In einer weiteren aktuellen Studie haben wir uns damit beschäftigt, welche Auswirkungen die Geschlechtsrollenorientierung einer Person auf Motivation, Leistung und Wohlbefinden hat. Dazu haben wir die komplexe Beziehung zwischen dem Impostor-Phänomen, der Geschlechtsrollenorientierung und Self-Compassion untersucht. Alle diese Konzepte werden mit geschlechtsbezogenen Barrieren in Bildungskarrieren in Verbindung gebracht werden. Am Impostor-Phänomen leiden Personen, die nach objektiven Maßstäben hohe Leistungen erbringen, ihren Erfolg aber nicht den eigenen Fähigkeiten, sondern anderen Faktoren wie Glück, Zufall oder sozialen Kompetenzen zuschreiben. Betroffene leben in ständiger Angst, als HochstaplerInnen entlarvt zu werden, was mit Problemen für Selbstwert, Motivation, Wohlbefinden und Karriereentwicklung einhergeht.

Das Impostor-Phänomen wurde ursprünglich als eine spezifisch weibliche Erfahrung konzipiert. Grundgedanke war, dass Erfolg und Intelligenz stereotyp männlich konnotiert und daher für Frauen oft schwer anzunehmen sind. Empirisch zeigt sich jedoch, dass auch manche Männer am Impostor-Phänomen leiden und es gibt Hinweise, dass eher die Geschlechtsrollenorientierung als das Geschlecht für die Ausprägung des Impostor-Phänomens von Bedeutung sein könnte.

Studie zeigt: auch Männer sind betroffen

Wir haben in einer Studie 459 Studierende in ihrem ersten Studienjahr an Wiener Universitäten befragt um herauszufinden, wie das Geschlecht und die Geschlechtsrollenorientierung mit dem Impostor-Phänomen zusammenhängen. Außerdem haben wir untersucht, ob Self-Compassion hierbei einen Schutzfaktor darstellt. Self-Compassion bezeichnet eine verständnisvolle und freundliche Haltung zu sich selbst, die mit mehr Wohlbefinden, günstigeren motivationalen Mustern und gesteigerter akademischer Leistung einhergeht. Auf dieser Website könnt ihr testen, wie es um eure eigene Self-Compassion bestellt ist. Das sind unsere Ergebnisse:

  • Männer und Studierende mit männlicher und androgyner Geschlechtsrollenorientierung weniger stark unter dem Impostor-Phänomen leiden als Frauen und Studierende mit weiblicher oder undifferenzierter Geschlechtsrollenorientierung.
  • Der Einfluss der Geschlechtsrollenorientierung auf das Impostor Phänomen ist dabei sogar stärker ist als der des Geschlechts.
  • Außerdem zeigte sich, dass höhere Ausprägungen des Impostor-Phänomens mit niedrigeren Ausprägungen der Self-Compassion einhergehen.
  • Das weist darauf hin, dass Frauen und Personen mit weiblicher und undifferenzierter Geschlechtsrollenorientierung von gezielter Förderung von Self-Compassion im universitären Kontext profitieren könnten.
  • Insgesamt zeigt die Studie, dass eine wenig maskuline Geschlechtsrollenorientierung im akademischen Feld negative Auswirkungen auf Motivation und Wohlbefinden hat.

Insgesamt zeigen unsere Forschungen, dass Geschlechterstereotype starke Auswirkungen auf Bildungsverläufe haben, auch wenn das oft gar nicht intendiert ist und eher unbewusst passiert. Um tatsächliche Geschlechtergerechtigkeit in der Bildungssozialisation zu erreichen, müssen wir unsere eigenen impliziten Annahmen und Stereotype hinterfragen und reflektieren – gerade als ForscherInnen und Lehrende an Universitäten.

Literatur

  • Kollmayer, M. & Kurka, F. (2017). Sind Wissenschaft und Expertise männlich? Zwei innovative Verfahren zur impliziten Erfassung scheinbar verstaubter Geschlechterstereotype. In D. Bertel, J. Himmelsbach, B. Metzler, L. Möller, & A. Riedl (Hrsg.), Von der Reflexion zur Dekonstruktion? Kategorien und Stereotype als Gegenstand junger Forschung. Beiträge zur zweiten under.docs-Fachtagung zu Kommunikation (S. 189-214). Wien: Danzig & Unfried.
  • Patzak, A., Kollmayer, M., & Schober, B. (2017). Buffering Impostor Feelings with Kindness: The Mediating Role of Self-compassion between Gender-role Orientation and the Impostor Phenomenon. Frontiers in Psychology, 8:1289.

Marlene Kollmayer

Marlene Kollmayer hat ihr Doktoratsstudium der Sozialwissenschaften (Dissertationsgebiet: Psychologie) 2018 an der Universität Wien abgeschlossen. Seit März 2018 ist sie Universitätsassistentin (Post Doc) am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit subtilen Mechanismen der Aufrechterhaltung von Geschlechterstereotypen in Bildungskontexten. Ihre Forschungsinteressen umfassen unter anderem Geschlechterstereotype in der Bildungssozialisation, Spielzeug und Geschlechterstereotype, und Effekte gendersensiblen Sprachgebrauchs.
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