„Rückblickend begann für mich mein Weg an die Universität Wien und mein Engagement dort mit einer ziemlich einfachen, aber unbequemen Frage: Warum handeln wir so oft so anders, als wir es eigentlich für richtig halten? Warum klafft zwischen unseren Werten und unserem alltäglichen Handeln so häufig eine große Lücke?
Diese Spannung hat mich zum Psychologiestudium geführt. In der Sozialpsychologie wurde mir deutlich, wie selten Entscheidungen wirklich individuell sind: Sie entstehen in sozialen Kontexten, geprägt von Normen, Routinen und Strukturen – oft lange, bevor wir bewusst darüber nachdenken. Von dort aus führte mein Weg zu Plant-Based Universities und zur AG Verpflegung des Beirats für Nachhaltigkeit der Universität Wien. Dabei ließ mich eine Frage nicht los: Wie kann es sein, dass unser Ernährungssystem massives Leid verursacht und zu ökologischer Zerstörung und sozialer Ungleichheit beiträgt und dennoch meist als reine Privatsache behandelt wird?
Gerade Universitäten sehe ich hier in einer besonderen Verantwortung. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern prägen auch alltägliche Praktiken, Normalvorstellungen und Entscheidungsräume. Was hier täglich serviert wird, hat reale Tragweite und sendet Signale über Nachhaltigkeit weit über den Campus hinaus.
In meiner Arbeit in der AG Verpflegung und als Internationale Koordinatorin bei Plant-Based Universities setze ich genau an dieser Schnittstelle zwischen individuellen Entscheidungen und strukturellen Rahmenbedingungen an: daran, den Wandel in der Gemeinschaftsverpflegung europaweit voranzubringen.
Gemeinsam mit meiner Zwillingsschwester habe ich in Graz daran gearbeitet, diesen Wandel ganz praktisch voranzubringen. Das bedeutete vor allem: viele Gespräche zu führen, zuzuhören und unterschiedliche Akteur*innen an einen Tisch zu bringen – von Caterern und Mensenbetreiber*innen über das Nachhaltigkeitskomitee, Studierende und die ÖH, bis hin zum Raum- und Ressourcenmanagement, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die den realen Bedingungen und Prioritäten der Universität gerecht werden. Heute unterstützen wir europaweit 500 Studierende an mehr als 80 Universitäten das Gleiche zutun.
Auch meine Arbeit in der AG Verpflegung ist von diesem Ansatz geprägt: ein akribisches Auseinandersetzen mit unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Zielkonflikten innerhalb der Universität, das Erarbeiten konkreter Vorschläge und das Weiterdenken über einzelne Maßnahmen hinaus. Dabei geht es nicht nur darum, die Verpflegung an der Universität nachhaltiger zu gestalten, sondern auch darum, Aufklärungsarbeit zu leisten und Menschen aktiv mitzunehmen.
Dass zwei der Mensen der Universität Wien inzwischen rund 70 % pflanzliche und 30 % vegetarische Gerichte anbieten und sich klar zu einer schrittweisen Umstellung aller Mensen bekennen, ist für mich ein großartiges Beispiel dafür, wie struktureller Wandel aussehen kann. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch an anderen Hochschulen, etwa mit einer vollständig pflanzlichen Mensa in Graz oder durch verbindliche pflanzenbasierte Commitments zahlreicher Universitäten in ganz Europa.
Wenn nachhaltige Optionen zur Selbstverständlichkeit werden, müssen Einzelne nicht länger gegen Strukturen anentscheiden. Universitäten können so Orte sein, an denen Werte nicht nur diskutiert, sondern gelebt werden.“
Sophie studiert Psychologie an der Uni Wien und ist als Koordinatorin bei den Plant-Based Universities und in der AG Verpflegung des Nachhaltigkeitsbeirats der Universität Wien tätig.
Mehr zum Thema Ernährung im Studium findest du auch in diesem Blog-Beitrag.