Ich und meine Uni Wien am 10. April 2014
ungefähr 5 Minuten
Themen: Arkadenhof , Studierende , Studium , Uni Wien

Ich und meine Uni Wien

Wenn ich so zurückblicke und darüber nachsinne, war mein Eintritt in das Leben als Student etwa so erfreulich, so minutiös geplant, so erwartungsgemäß wie der vielzitierte, berüchtigte Stoß ins kalte Wasser. Im Dunkeln. An einem Ort, wo sich überhaupt kein Wasser befinden sollte. Denn es ist doch so; nach den wohlbehüteten Jahren in der Schule steht man erst einmal ratlos da und versucht, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Wo Pflichten und Schranken das eigene Leben bestimmten, eröffnen sich mit einem Mal ungeahnte Möglichkeiten – womöglich gar zu viele, hat man einmal die magische Schwelle des Schulabschlusses hinter sich gelassen.

Matura – dieses kleine, bedeutungsschwangere Wörtchen hatte in den acht Jahren zuvor mein gesamtes Leben bestimmt, ja es ward fast eine Art endloser Krieg, der sich Jahr für Jahr hinzog, mit Gefechtspausen einzig im Sommer, gegen den ein oder anderen Lehrer, die Mathematik, vor allem aber — mich selbst. Der Tag der Reifeprüfung, das bestandene Verfahren wurde das bis dahin Größte, was ich in meinem noch kurzen Dasein unter den Erdlingen erreichen sollte; noch heute denke an ihn zurück wie Alexander an Gaugamela.

Meine Liebe zur Universität – sie beginnt bereits beim Gebäude. Kein noch so zigstes Mal nimmt mir von der Ehrfurcht, die ich beim Vorbeischreiten an den im Arkadenhof präsentierten Absolventen empfinde; kein noch so hundertster Besuch schmälert meine Faszination bei der Überlegung daran, wie viele Generationen großer Geister diese Hallen vor mir durchschritten haben mögen! Überall bekommt man dieses Universitäts-Feeling, sei es im stets vollen Lesesaal, der mit seiner Optik an die Filmreihe mit einem gewissen Zauberlehrling erinnert, bis hin zu den Abortstuben, die zwar nicht immer optimal beheizt sind, einem mit solchen feinen Details dafür umso mehr vermitteln, wie es dort vor einem Jahrhundert beim Verrichten des eigenen Geschäfts gewesen sein muss!

Ich hatte schon immer eine Schwäche für den ersten Bezirk und seine historischen, imperial anmutenden Bauten, eine Liebe, which was even more fueled mit meiner Inskription für das Geschichte-Studium, nach welcher ich ungleich mehr an Zeit im sogenannten Hauptgebäude am Ring verbringen sollte. Zuvor war ich mäßig erfolgreich Student der Rechtswissenschaften gewesen und – nicht nur, aber hauptsächlich – an eigener, mangelnder Selbstdisziplin gescheitert. Insofern symbolisierte der Gebäudewechsel jenen eindrucksvollen Bruch, welchen ich – Bachelor-System hin, weit geringerer Anteil an Model-Mitstudentinnen her – dazu nutzen wollte, mich auf den mir vom Schicksal scheinbar vorgezeichneten Pfad als Historiker zu begeben.

So wandle ich auf genanntem Pfad, setze mich hin und lerne brav meine Notizen, absolviere Prüfung um Prüfung. Wie etwa zu Weihnachten, als ich, auf der Suche nach schneller, kurzfristiger Energie, um meinen Hunger zu stillen, Cheeseburger besorgt und mich mit der sie enthaltenden Papiertüte in der Seitenaula niedergelassen habe, wo ich sie in eiliger Manier gierig hinunterschlinge, auf dass möglichst wenig Zeit verlorengehe. Nur nicht viel denken – etwa darüber, wie die Prüfungsfragen aussehen könnten, wie viel Stoff ich noch vor mir zum Durchpauken habe, oder welcher Qualität Zutaten für einen Cheeseburger sein können, der einen Euro kostet. Da fällt mir ein vorbeigehender Mann auf, dessen Kleidung einen abgerissenen Eindruck macht, dessen Gesicht ich nicht zu sehen vermag, weil ich mit dem Rücken zur Tür sitze, aus der er gekommen ist; vielleicht ein Obdachloser? Mit einem Mal ergreift mich der „spirit of Christmas“, ich ergreife einen Burger, rufe ihm zu, werfe, als – der Burger noch in der Luft – ich den sich allmählich umdrehenden erkenne: er entpuppt sich als ein Professor, den ich einige Semester zuvor im Rahmen einer Vorlesung gehabt hatte, er steuert mit ärgerlichem Gesicht auf mich zu, ich seufze resignierend und harre der Standpauke — ach, es bleibt eben keine gute Tat ungestraft.

Jetzt, im Frühling, bekomme ich üblicherweise eine leichte Nervosität im Magen. Das ist ein Relikt aus Schulzeiten, wo es die Jahreszeit darstellte, in welcher die vorentscheidenden Schularbeiten abgehalten wurden, deren Resultate wiederum bestimmten, ob ich das Jahr vorzeitig geschafft hatte oder aber bis zum Semesterende würde zittern müssen (usually Letzteres). Glücklicherweise ist dies bereits seit langem nicht mehr der Fall; heutzutage ist meine größte Sorge, nach langen Nächten des Filmkonsums rechtzeitig für die Lehrveranstaltungen aufzustehen und eiligst loszuhetzen (aufpassen muss ich darauf, keinen der über die Monate angewachsenen Bücherstapel in meinem Zimmer umzuwerfen; überhaupt ist das so ein Fetisch von mir, zahlreiche – oder zahllose? – Bücher für mich interessanten Inhalts zu bestellen, nur um sie hernach nicht zu lesen, weil ich keine Zeit habe, oder aus Bequemlichkeit nicht zu lesen, obwohl ich Zeit habe).

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Davor oder danach sitze ich dieser Tage gerne im Hof, beobachte das rege Treiben, lege den Kopf in den Nacken, starre hinauf ins Azur des Himmels, lasse den Inhalt meiner Kirschcoladose über Zunge, Rachen und Kehle plätschern, die Sonne auf meiner bleichen Haut. Das heißt, sofern ich Platz finde.



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