von Nicole Rottensteiner, Kemal Kulaksız & Nisa Iduna Kirchengast
am 5. September 2018

Indiana Jones und wir? Lehrgrabungen in der Toskana

Eine Blocklehrveranstaltung der besonderen Art: Studierende der Klassischen Archäologie lernten bei einer dreiwöchigen Lehrgrabung antike Fundstücke richtig zu bergen, zu kategorisieren und zu verwalten. Sie bloggen hier über ihre Erfahrungen am Fundplatz „Molino San Vincenzo“ in der italienischen Toskana.

Der Anfang unseres heiß ersehnten Abenteuers

Grabungsfläche in der Toskana
Die ausgehobene Grabungsfläche in der Toskana.

Ausgerüstet mit Schaufeln und Sicherheitsschuhen, sowie der Arbeitskleidung im Gepäck fanden wir uns an einem Julitag früh morgens zur Abfahrt aus Wien ein. Einige KollegInnen vom Institut für Klassische Archäologie kannten wir bereits. Wir waren alle sehr gespannt auf unser heiß ersehntes Abenteuer am Grabungsplatz. Als angehende ArchäologInnen hatten wir Bilder von Tomb Raider oder Indiana Jones vor Augen. Wie körperlich und geistig fordernd so eine Ausgrabung jedoch tatsächlich ist, erfuhren wir erst später. Nach einigen Stunden Fahrt erreichten wir bereits etwas müde unsere Unterkunft in der Nähe des Fundplatzes Molino San Vincenzo in Italien. Bei der Hinfahrt bewunderten wir bereits die atemberaubende Landschaft der Toskana, in welcher wir die nächsten drei Wochen unsere Archäologiekenntnisse erweitern durften.

Die Arbeit kann beginnen

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig zu unserem Fundplatz auf und begannen nach einer Einführung unseren zukünftigen Grabungsschnitt auszustecken.

Freilegen von Keramik
Konzentriert bei der Freilegung von Keramik

Mit einem Bagger wurde noch am selben Abend ein Großteil des so genannten Pflughorizontes aus dem Schnitt ausgehoben. Dieses Erdmaterial wird bei der Feldarbeit stetig durchmischt, deshalb können hier keine archäologischen Schichten dokumentiert werden.

Am zweiten Tag konnten wir so in der schon grob ausgehobenen Grabungsfläche starten und den noch übrig gebliebenen Pflughorizont händisch und deswegen viel genauer als mit dem Bagger abtragen – hier spürten wir schnell, wie intensiv die Ausgrabung werden sollte. Die heiße Mittagssonne und die (noch) ungewohnte körperliche Arbeit ließen uns am ersten Tag ordentlich ins Schwitzen kommen. Müde und hungrig kehrten wir am Ende eines ersten anstrengenden Tages im Schnitt zurück in die Unterkunft.

Das Durchhalten macht sich bezahlt

Zum Glück stellte sich schnell heraus, dass dies nur der erste Eindruck war: Mit jedem folgenden Arbeitstag fiel uns die Arbeit im Schnitt leichter, wir kamen in einen Rhythmus, wir lernten den Tagesablauf sowie die Hilfsmittel von ArchäologInnen im Grabungsschnitt kennen, mit denen wir die freigelegten Befunde und Funde dokumentieren konnten. Wir waren bereits mit gewissen Grundkenntnis ausgestattet, jedoch ist es etwas anderes über die Schichtenabfolge zu lesen oder diese dann auch wirklich selbst zu erkennen, zu verstehen und zu dokumentieren.

Waschen und Bestimmen von Keramik bei einer Lehrgrabung
An regnerischen Tagen: Lachende Gesichter beim Waschen und Bestimmen der Keramik

Auch die Arbeit mit den verschiedenen digitalen Vermessungsinstrumenten sowie das Zeichnen von Befunden waren für uns Neuland, und auch diese Tätigkeiten machten bald viel Spaß, wenn auch anfangs die Nervosität noch etwas mitspielte. Richtig aufregend wurde es, als wir auf eine antike Abfallgrube, reichlich gefüllt mit Fundmaterial, stießen.

 

Jetzt machten sich die Mühen der ersten Tage voll bezahlt: Der Befund war sehr interessant und das Fundmaterial außergewöhnlich gut erhalten. In der Antike hatte man hier nicht mehr benötigte Alltagsgegenstände wie etwa Lagerbehälter aus Keramik oder Eisennägel in einer großen Grube zentral entsorgt – fast wie bei einer heutigen Mülldeponie.

Nun versuchten wir beim Freilegen der Funde unser bereits gesammeltes Wissen anzuwenden. Wir lernten, die Fundstücke vorsichtig zu bergen, diese richtig zu verwahren und zu verwalten. Wenn einmal das Wetter nicht mitspielte, beschäftigten wir uns mit den geborgenen Artefakten genauer und lernten diese den richtigen Kategorien zuzuordnen. So dauerte es nicht lange bis wir selbstständig unterschiedliche Varianten von Kochkeramik, Tafelware und Vorratsgefäßen zumindest grob voneinander unterscheiden konnten.

Fazit: Wiederholungsbedarf!

In der letzten Woche bemerkten wir unseren Fortschritt: Vieles, das anfangs noch zu Unsicherheit führte und unklar oder gar nicht bekannt war, wurde zur Routine. Die Hitze konnte uns nichts mehr anhaben. Der gesamte Arbeitsablauf war selbstverständlich geworden.

Lehrgrabung: Arbeit im Grabungsschnitt
Ein Teil des Teams bei der Arbeit im Grabungsschnitt.

Es waren sehr lehrreiche drei Wochen, sowohl für unser Studium als auch für uns selbst. Wir wendeten die Methoden der Feldarchäologie praktisch an und lernten auch unsere persönlichen Grenzen besser kennen. Zudem wuchsen wir über uns heraus und entdeckten neue Seiten an uns selbst. Rückblickend kann gesagt werden, dass die drei Wochen sogar viel zu schnell vergangen sind und wir auf jeden Fall wieder bei einer archäologischen Ausgrabung teilnehmen möchten!

 

Und Indiana Jones? Auch wenn die vergangenen Wochen ein echtes Abenteuer für uns waren, so können wir Indy und Lara Croft getrost im Reich der Phantasie belassen und echte Archäologie betreiben, ganz ohne Peitsche und Superschurken!

Eine Grabung ist anstrengend, die erste Woche war voll mit harter körperlicher Arbeit, doch schon in der zweiten und dritten Woche konnten wir unser erlerntes Wissen gezielt auf unsere freigelegten Funde und Befunde anwenden. Für uns zukünftige ArchäologInnen war es eine Erfahrung, die man auf keinen Fall missen möchte. Alle Archäologiestudierenden sollten das selbst mindestens einmal machen.

🔎⛏Willst du auch einmal bei einer Lehrgrabung mitmachen? Die Lehrveranstaltung „Lehrgrabung Molino San Vincenzo“ findet seit 2012 regelmäßig am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien statt. Sie wird von Günther Schörner für Bachelor– und Masterstudierende abgehalten. Mehr Informationen zum Studium der Klassischen Archäologie gibt es hier.


Nicole Rottensteiner, Kemal Kulaksız & Nisa Iduna Kirchengast

Nicole Rottensteiner und Ramazan Kemal Kulaksız studieren seit 2015 Klassische Archäologie und nahmen dieses Jahr zum ersten Mal an der Lehrgrabung Molino San Vincenzo teil. Masterstudentin Nisa Iduna Kirchengast ist seit 2017 Tutorin der Lehrveranstaltung.
[ mehr Artikel von Studierenden ]





Ein Semester in Irland

Flora reist im Zuge ihres Bachelorstudiums in Musikwissenschaft ein Semester lang ins Grüne. Mit Erasmus+ studiert sie ein halbes Jahr lang in Irland an der National University of Ireland Maynooth. Im Blogbeitrag erzählt sie euch, wie sie sich zurechtgefunden hat und was sie von ihrem Auslandsaufenthalt mitnehmen konnte. Nachdem alle Formalia erledigt waren – English Certificate … Continued



Es war einmal … Studienbegriffe, die es so an der Uni Wien nicht mehr gibt

Immatrikulation? c.t.? Prüfungsreferat? – Das Uni-Leben ist manchmal kompliziert. Vor allem dann, wenn unbekannte Begriffe auf einen zustürmen. Barbara Hamp vom Studienservice und Lehrwesen gibt Übersetzungshilfe zu Begriffen, die an der Uni Wien heute nicht mehr verwendet werden. „Früher, da hat es das nicht gegeben.“ Oder: „Bei uns war das damals ganz anders.“ Diese Reaktionen … Continued


Studienabschluss-Stipendium für berufstätige Studierende – FAQs

Ihr seid berufstätige Studierende in fortgeschrittenen Studienphasen? Dann könnt ihr für das Studienjahr 2018/19 ein Studienabschluss-Stipendium beantragen, das euch auf eurem Weg zum Studienabschluss unterstützen soll. In diesem Blogbeitrag findet ihr die wichtigsten Infos zusammengefasst. Was sind die Voraussetzungen für eine Antragstellung? Für die Antragstellung auf Zuerkennung eines Studienabschluss-Stipendiums sind alle der folgenden Voraussetzungen zu erfüllen: … Continued

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top