Europa eint, Menschenwürde zu verteidigen von Maike Cram
am 13. November 2018
ungefähr 7 Minuten
Themen: Europa , Forschende , Forschung , Menschenrechte , Menschenwürde , Semesterfrage , Wissenschaft

Europa eint, Menschenwürde zu verteidigen

Uni:docs Fellow Maike Cram bloggt zur Semesterfrage „Was eint Europa?“. Die Menschenwürde bezeichnet die Philosophin dabei als das solide Fundament der Europäischen Union. Sie argumentiert für eine verstärkte Wahrnehmung von ausgeschlossenen Gruppen und die Anerkennung ihrer Menschenwürde.

In den aktuellen Nachrichten befinden sich überwiegend Standpunkte, die das Augenmerk auf das Trennende in Europa richten. Es geht um den Brexit, um die Unzufriedenheit mit der Europäischen Union und ob sich Nationen von der EU übervorteilt und bevormundet fühlen. Der Blick auf die Tagespolitik, die Wählerprognosen und die Menge an Schlagzeilen, dafür geschaffen, hohe Klickzahlen zu generieren, liefern keine Antwort auf die Frage, was Europa eint. Vielmehr verstellen sie den Blick auf das, was uns als Union zusammenhält.

Die EU ist nicht gleich Europa, aber eine Gemeinschaft ist zwangsläufig grenzenloser, als es Verträge vermuten lassen. Ich argumentiere hier aus meiner persönlichen und philosophischen Perspektive, dass es dezidiert die Norm der Menschenwürde ist, die das Fundament bildet, auf dem dieses Europa ruht.

Das ethische Fundament der Menschenwürde

Ich als Philosophin beantworte die Frage somit ethisch. In meiner Dissertation erforsche ich, wie der Begriff der Menschenwürde auf unsere Erfahrungswelt zurückgeführt werden kann. Die Menschenrechte, die überall in Europa verteidigt werden sollen, gründen sich auf die Würde des menschlichen Individuums. Häufig jedoch ist es allzu leicht, diese Würde als pathetisches Gespinst abzutun.

Im  Alltag erscheinen Menschen in einer unbestimmten Masse, sie sind VertreterInnen verschiedener Rollen und werden häufig auf diese reduziert. Sie sind dann ‚die Rechten‘ oder ‚die Linken‘, der wütende Mob auf der Straße, ‚die da Oben‘, etc. Flüchtende Menschen werden als Naturkatastrophe bezeichnet und in verschiedene Kategorien eingeordnet, je nachdem welches ihr vermuteter Fluchtgrund ist, usw. usf.

Auf der anderen Seite fällt es niemandem schwer sich vorzustellen, was es bedeutet, die eigene Würde zu verlieren. Es geschieht mitunter bereits, wenn man sich auf ein Element einer solchen vermeintlichen Masse reduziert fühlt, dem gewisse Eigenschaften zugeschrieben werden, denen man als Individuum nicht entspricht. Und auch, wenn man diesen Eigenschaften teilweise entspricht, so will man nicht von anderen darauf festgenagelt werden.

Die gelebte Würde steht mit der Anerkennung anderer

Als Menschen sind wir aufeinander angewiesen, unsere Würde zu schützen.
Als Menschen sind wir aufeinander angewiesen, unsere Würde zu schützen.

Es fällt dementsprechend auch nicht schwer zu verstehen, dass wir als Menschen aufeinander angewiesen sind, wenn es darum geht, unsere Würde zu schützen. Zwar besagt die Norm der Menschenwürde, dass sie jedem Individuum zukommt und den Anspruch menschenwürdig behandelt zu werden kann der Mensch nicht verlieren. Schließlich ruht die Menschenwürde auf nichts weiter als dem reinen Menschsein. Dennoch ist klar, dass wir nicht vereinzelte Individuen sind, die jede und jeder für sich allein ihre und seine Würde behaupten.

Unsere gelebte Würde steht und fällt damit, dass wir einander als Menschen mit diesem speziellen moralischen Anspruch respektieren. Das macht den Charakter der Menschenwürde aus. Denn sie besagt in erster Linie, dass wir moralische Ansprüche aneinander stellen und dass wir einander anerkennen als Menschen mit moralischen Ansprüchen.

In diesen abstrakten und grundlegenden Zügen klingt der Begriff der Menschenwürde nicht besonders kontrovers – zumindest dort nicht, wo die Idee der Menschenwürde allgemeine Zustimmung erfährt. Obgleich auch in der obigen Zusammenfassung schon philosophisch umstrittene Punkte enthalten sind. So gibt es zum Beispiel verschiedene Antworten auf die Frage, welchem Leben Menschenwürde zugesprochen werden kann: Wann beginnt das menschliche Leben und wann endet es? In Bezug auf unseren Alltag fragen wir uns vor allem, welche konkreten Normen denn aus dem Anspruch der Menschenwürde erhoben werden können. Was genau folgt aus der Menschenwürde? Eine Antwort lautet, es seien besagte Menschenrechte, so wie sie sich auf die Menschenwürde berufen. Diese Antwort zu achten, sehe ich als eine definierende Aufgabe für Europa.

📌 „Was eint Europa?“ fragen wir im Wintersemester 2018/19. Maikes Artikel und weitere Beiträge unserer NachwuchswissenschafterInnen lest ihr regelmäßig am #univie Blog.Semesterfrage: Was eint Europa?

Darüber hinaus behaupte ich, dass es diese Anerkennung der Menschenwürde mit all den normativen Konsequenzen ist, die uns als Union – ja, jegliche mögliche Union – zusammenhält. Gemeinschaft ruht in Anerkennung, selbst und gerade auch in der Anerkennung derjenigen, die de facto nicht zu dieser Gemeinschaft gehören.

Ausgeschlossene Körper

Wenn  es nun jedoch darum geht, sich darüber klar zu werden, was es bedeutet, einander anzuerkennen, ist es häufig nicht hilfreich, sich ausschließlich an abstrakten Prinzipien entlangzuhangeln und zu versuchen, aus diesen allgemein gültige Normen abzuleiten.

Eine nachvollziehbarere Methode ist es, sich den Individuen zuzuwenden und zu hören, zu sehen, zu fühlen, was die einzelnen Menschen bewegt, welche Bedürfnisse sie haben, worin ihre Selbstachtung ruht.

Das geht allerdings nur, wenn Menschen einbezogen werden. Wir sehen die Menschen auf dem Mittelmeer, aber wir sehen sie nicht als Menschen mit moralisch legitimen Bedürfnissen, wenn wir sofort wieder wegsehen und verlautbaren, sie seien eben nicht auf legalen Wegen kommen. Wir schließen allzu häufig diejenigen aus, die tatsächlich nur noch auf ihr bloßes Menschsein zurückgeworfen sind. Hannah Arendt oder Giorgio Agamben haben diese Erfahrungen eindrücklich beschrieben. Sie haben aufgezeigt, dass der Mensch als bloßer Körper und ohne Pass, der ihm einen rechtlichen Status sichern könnte, darauf angewiesen ist, Rechte zuerkannt zu bekommen und in der moralischen Gemeinschaft anerkannt zu werden. Es ist eine besondere Herausforderung diese ausgeschlossenen Körper, die sich anders zeigen, als wir es gewohnt sind, die nicht in den etablierten Institutionen auftauchen, in denen wir unsere Leben verbringen, dennoch als Menschen zu sehen und sie als Menschen mit Würde-Anspruch zu behandeln.

Viel Aufwand wird betrieben, Menschen aus unserer Wahrnehmung zu verbannen. Sie werden abgeschottet in Zentren und Lagern, in Obdachlosenunterkünften oder in den düsteren Ecken des Alltags, die wir nur eilig durchschreiten.

Menschenwürde umfasst viele Facetten und diese Diversität lässt sich meist nur mit abstrakten Begriffen einfangen. Dadurch passiert es jedoch auch leicht, dass ihre konkreten Formen verschwimmen. Konkrete Formen geben wir der Menschenwürde durch unsere Körper, durch unsere Präsenz. Dadurch, dass wir einander gegenüberstehen und uns gegenseitig beanspruchen. Darin besteht ein primäres Vertrauen. In unserer Gesellschaft und für viele von uns ist es möglich, sich einer oder einem Fremden zu nähern und diese/diesen um Kooperation zu bitten, ohne dass wir die andere Person fürchten müssten. Bei Anderen ist dieses ganz basale Vertrauen bereits erschüttert, weil sie als Ausgeschlossene wahrgenommen werden.

Menschenwürde zu schützen heißt auch, dieses Vertrauen zu stabilisieren, zu schützen und nicht zu missbrauchen.

Menschenwürde eint Europa

Die in der europäischen Philosophie verbreitete Vorstellung darüber, was Menschenwürde sei, hat gemeinsame historische Wurzeln. Man könnte behaupten, es ist eine gemeinsame Geistesgeschichte, die uns eint. Nichtsdestotrotz beansprucht die Vorstellung der Menschenwürde, sie solle über die europäische Geschichte hinausreichen. Menschenwürde ist universal, weder an Zeit noch an Kultur gebunden, ein moralischer Anspruch eben. Die Grenzen der Union sind willkürlich. Was Europa jedoch ausschlaggebend definiert ist sein Gemeinschaftscharakter, der wesentlich auch darin besteht, eine moralische Gemeinschaft zu bilden. Eine  solche Gemeinschaft gibt es nur, wo sie niemanden von dem moralischen Anspruch der Menschenwürde und den darauf bauenden Menschenrechten ausschließt, sei er oder sie nun Teil der Gemeinschaft oder nicht. Europa eint, Menschenwürde zu verteidigen.

📌  #univie Jus-Studentin Doha hat auch eine klare Vorstellung davon, was Europa eint. In diesem Video erklärt sie dir, was die Gleichstellung zwischen Mann und Frau – abseits von komplizierten Gesetzestexten – eigentlich bedeutet. 

Literatur

Arendt, H. (1986). Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München: Piper

Agamben, G. (2002). Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Aus dem Italienischen von Hubert Thüring; „Erbschaft unserer Zeit. Vorträge über den Wissensstand der Epoche“ Bd. 16; Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.


Maike Cram

Nach meiner Masterarbeit "Experiencing Dignity: From Avishai Margalit towards a Phenomenological Approach" an der Uni Wien, widme ich mich diesem Thema nun vertieft in meiner Dissertation im Rahmen eines uni:docs fellowship. Dabei untersuche ich den Begriff der Menschenwürde in seinen phänomenologischen Dimensionen.
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