Mit L? Ohne L? am 9. Dezember 2013
ungefähr 3 Minuten
Themen: Sprachwissenschaft , Umfrage

Mit L? Ohne L?

Vor einigen Tagen haben wir euch (auf Facebook und Twitter) gefragt, welche Variante euch geläufiger ist: WissenschaftlerIn oder WissenschafterIn?

Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Sowohl auf Facebook (siehe Screenshot oben) als auch auf Twitter haben die meisten gesagt, sie verwenden die Variante -ler.

Wir haben bei der Expertin für Sprachwissenschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra Lenz nachgefragt, wie es zu den beiden unterschiedlichen Varianten kommt. Sie hat uns einen kurzen Beitrag mit spannenden Erklärungen geschickt:

Das diskutierte Phänomen gehört sprachwissenschaftlich in den Bereich der Wortbildung, genauer in den Bereich der „Derivation“.
Beide Varianten -ler bzw. -er, die in den Wörtern „WissenschafterIn“ / „WissenschaftlerIn“ vorkommen, sind häufig eingesetzte sprachliche Mittel, um ein sogenanntes „Nomen agentis“, also eine Personenbezeichnung, zu markieren.
Bei einem Nomen agentis werden einfach die Endungen -ler bzw. -er an ein Verb (wie etwa bei „SängerIn“) oder eben an ein Substantiv („Wissenschaft+lerIn/erIn“) gehängt.

Ein Blick ins Variantenwörterbuch zeigt, dass „WissenschaftlerIn“ gemeindeutsch gilt, während „WissenschafterIn“ als standardsprachliche Variante in Österreich und der Schweiz eingeordnet wird. Auch bei vergleichbaren Fällen hilft das Variantenwörterbuch weiter: So wird etwa der „Köpfler“ (Kopfsprung ins Wasser) für die Schweiz, Österreich und den Süden Deutschlands angeführt, während in der Mitte und im Norden Deutschlands dafür „Köpper“ verwendet wird.

Auch wenn das Beispiel „WissenschafterIn“ die These stützt, dass die Endung -er häufig im Süden des deutschsprachigen Raums und hier besonders in Österreich und der Schweiz auftreten, zeigen Fälle wie „Zuzügler“ (Österreich und Deutschland) und „Zuzüger“ (Schweiz), dass mitunter auch in Österreich die Variante -ler bevorzugt wird.

Eine Abfrage auf Grundlage des großen schriftsprachlichen WISO-Korpus zeigt, dass mittlerweile „WissenschaftlerIn“ auch in Österreich häufig gebraucht wird: Die Gebrauchsfrequenzen von „WissenschaftlerIn“ und „WissenschafterIn“ stehen in Österreich in einem Verhältnis von etwa 1:2.

Eine Google Österreich Abfrage zeigt ein konträres Bild: Hier kommen die „WissenschaftlerInnen“ dreimal häufiger vor als die „WisenschafterInnen“. Auch auf der Seite des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung ist fast doppelt so häufig von „WissenschaftlerInnen“ die Rede. Auf der Seite der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft treten beide Formen gleich oft auf, während auf den Online-Seiten des FWFs 130x von „WissenschafterInnen“ und 170x von „WissenschafterInnen“ die Rede ist.

Dass die Varianten mit -ler häufig als stigmatisierend wahrgenommen werden, steht möglicherweise in Zusammenhang mit einigen eher umgangssprachlichen Wörtern mit -ler-Ableitung, deren gemeindeutsche Varianten eben gerade keine solche Ableitung aufweist (zum Beispiel „PostlerIn“ versus „BriefträgerIn“), bzw. zu denen es gar keine gemeindeutsche Variante gibt (z. B. bei „GrantlerIn“).

Univ.-Prof. Dr. Alexandra Lenz ist seit seit September 2010 Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Die Vielfalt der deutschen Sprache ist ihre absolute Leidenschaft.

Im Duden sind übrigens beide Varianten angegeben, mit den Hinweisen, dass WissenschafterIn in Österreich und der Schweiz gebraucht wird, WissenschaftlerIn eher umgangssprachlich und häufig abwertend gemeint ist.

Laut unserer Umfrage ist also „WissenschaftlerIn“ in Österreich gebräuchlicher als „WissenschafterIn“, unsere Expertin hat uns den fachlichen Hintergrund und mögliche Erklärungen geliefert, denn die Endung „-er“ gilt doch eigentlich als Standardform in Österreich. Spannende Sache.

Ihr dürft euch jetzt für eine Variante entscheiden :)





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