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Forschung
Professionsverantwortung in der Klimakrise von Veronika Winter
am 5. November 2019
ungefähr 4 Minuten
Themen: Biologie , Klimakrise , Lehramt

Professionsverantwortung in der Klimakrise

Was kann ich meinen SchülerInnen erzählen? Diese Frage stellt sich Veronika Winter, Studierende an der Uni Wien und angehende Lehrerin. Denn: Die Bedrohung durch die Klimakrise ist nun einmal der Stand der Dinge. Für alle, die über „das brennendste Thema unserer Zeit“ diskutieren wollen, gibt es am 7. November eine Vortragsreihe vom AECC Biologie, an der Veronika Winter gemeinsam mit zwei StudienkollegInnen beteiligt ist.

Ich bin 23 Jahre alt, studiere Lehramt Biologie im Master und weiß, dass es in zehn Jahren zu spät ist, das Weltklima zu retten. Das ist keine Panikmache, das sind schlichtweg die Fakten. Der IPCC-Special Report 2018 hat der Weltgemeinschaft das kleine Zeitfenster, das uns noch bleibt, auf prägnante Art und Weise beigebracht – so prägnant und nüchtern, wie es nur wissenschaftliche Veröffentlichungen tun können.

Auf gut 20 Seiten wird in der „Summary For Policy Makers“ erklärt, dass klimabedingte Risiken für „Gesundheit, Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit und Wasserversorgung, menschliche Sicherheit und Wirtschaftswachstum“ bei einer weiteren Erhitzung des Weltklimas um 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zunehmen und bei 2 Grad noch weiter ansteigen werden. Mit der aktuellen Geschwindigkeit wird dieser Temperaturanstieg jedoch schon in zehn bis zwanzig Jahren passiert sein. Kurz: Wenn wir unseren jetzigen Kurs nicht ändern, werde ich im Alter von 33 Jahren auf einem Planeten leben, dessen Weltklimasystem außer Kontrolle geraten ist und sich bis Ende des Jahrhunderts sogar um insgesamt 3 bis 5 Grad erhitzen wird, im Vergleich zu der Zeit, als wir noch keine fossilen Brennstoffe in Rekordtempo in die Atmosphäre gejagt haben.

Das sind keine Fakten, die man einfach im Biologie-Unterricht einbauen kann. Aber die immanente Bedrohung durch die Klimakrise für das Leben auf der Erde ist nun einmal der Stand der Dinge.

Wenn mehr als 90 international renommierte WissenschafterInnen über 6.000 Studien zusammentragen und der Weltgemeinschaft mitteilen, dass uns nur „schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“ gerade noch die Kurve kratzen und das 1,5-Grad-Ziel erreichen lassen werden, gibt es mir als angehende Biologie-Studentin schwer zu denken, dass solche „Neuigkeiten“ nicht aus erster Hand im Zuge einer flächendeckenden Informationskampagne vermittelt werden.

Genau dieser Gedanke hat mich und zwei Kolleginnen vor einigen Monaten dazu gebracht, einen Versuch zu starten: Wir wollten die Klimakrise ins Lehramtstudium bringen und aufzeigen, dass es in der Ausbildung mehr braucht, als die Berücksichtigung des aktuellen Unterrichtsprinzips „Nachhaltige Entwicklung“. Damit verknüpfen die meisten Menschen nämlich immer noch „einfach umsetzbaren Umweltschutz, den alle einfach zuhause nachmachen kann“. Wer im Klassenzimmer fragt: „Wie können wir unser Klima retten?“ bekommt als Antwort „Müll trennen!“, „Plastik vermeiden!“ und „Weniger Fleisch essen!“.

Es tut mir nicht leid, wenn ich an dieser Stelle Unmut erzeuge: Es wäre angesichts der wissenschaftlichen Forderungen schlichtweg verantwortungslos, den SchülerInnen in den Klassenzimmern des Jahres 2019 zu erklären, dass individuelles klimafreundliches Handeln ausreichen wird, um die Klimakrise einzudämmen. Denn das tut es nicht. Die Inhalte der meisten Schulbücher liegen falsch. Zur Erinnerung: Der IPCC fordert „schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“. Alle Sektoren, wie zum Beispiel Landwirtschaft, Landnutzung, Mobilität, Energieproduktion, Ernährung etc., bedürfen einer fundamentalen Umstrukturierung, die innerhalb weniger Jahrzehnte zur Entwicklung einer klimaneutralen Gesellschaft beitragen müssen.

„Liebe SchülerInnen, wir stehen mitten vor einer gesamtgesellschaftlichen Transformation!“, ist demnach auch kein Fakt, der einfach im Unterricht untergebracht werden kann – aber ebenso Stand der Dinge ist.

Was also tun? Wie kann die Brücke geschlagen werden, zwischen der Notwendigkeit von adäquater Information über die Dringlichkeit unserer Lage und der gleichzeitigen Stärkung von Handlungsfähigkeit, ohne von ersterem überfordert zu werden?

Mit diesen Fragen werden wir uns in den kommenden Wochen im Projektpraktikum „Professionsverantwortung in der Klimakrise: Klimawandel unterrichten“ beschäftigen, welches im Zuge dreier Masterarbeiten konzipiert wurde. Die noch ausstehenden Ergebnisse lassen in Hinblick auf die rasche Entwicklung der weltweiten Klimagerechtigkeitsbewegung aber schon jetzt Hoffnung stiften. Denn im letzten Jahr wurde klar, dass so vieles möglich ist, wenn jungen Menschen vermittelt wird, dass sie eine Änderung bewirken können.

Wir können diese Krise abwenden, indem wir uns jetzt dazu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und uns aktiv am Umgestalten unserer Systeme, hin zu einer klimagerechten Welt beteiligen. Diese Überzeugung und klare Handlungsmöglichkeiten an die SchülerInnen des 21. Jahrhunderts zu vermitteln, heißt für mich Professionsverantwortung in der Klimakrise.

📌 Vortragsreihe: Klimakrise. Was sagen die Expert*innen?

Wann: 7. November 2019
Wo: UZA II, Hösaal 5 & 6, Althanstr. 14, 1090 Wien
Wer: Studierende, spontane Besucher*innen und all jene, die zum brennendsten Thema unserer Zeit mehr erfahren wollen.

Teilnahme kostenlos!

Biodiversität: Franz Essl (Uni Wien), 9:00-10:05, HS 5
Physik: Herbert Formayer (BOKU Wien), 10:15-11:20, HS 5
Klimapolitik: Günter Getzinger (TU Graz), 12:30-13:35, HS 6
Umweltpsychologie: Susanne Bolte (Uni Salzburg), 13:45-14:50, HS 6

 


Veronika Winter

Veronika Winter studiert Lehramt Biologie im Master an der Universität Wien. (© R. Dombäck)



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