Wie ländliche Regionen (wieder) attraktiv für junge Menschen werden können von Martina Schorn
am 24. Oktober 2018
ungefähr 8 Minuten
Themen: Europa , Forschende , Forschung , Regionalentwicklung , Semesterfrage , Wissenschaft

Wie ländliche Regionen (wieder) attraktiv für junge Menschen werden können

Martina Schorn ist seit 2017 am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien als uni:docs fellow tätig und forscht dort zum Thema „Jugendorientierte Regionalentwicklung“. In ihrem #univie Blogbeitrag schreibt sie über die Gründe für die Abwanderung junger Menschen aus ländlichen Gebieten und wie Jugendmigration (trotzdem) neue Perspektiven auf Regionalentwicklung eröffnen kann.

Schrumpfung, brain drain, Landflucht – dies sind nur drei Schlagworte, mit denen die Abwanderung junger Menschen aus ländlichen Räumen und die negativen Folgen für die Herkunftsregionen in den Medien beschrieben werden. In den vergangenen Jahren konnte man in österreichischen Tagesmedien immer wieder über die negativen Auswirkungen der Land-Stadt-Migration lesen (beispielsweise in dieser Reportage im Standard). Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, in denen PolitikerInnen und ExpertInnen mögliche Lösungsansätze diskutieren, wie junge, gut ausgebildete Menschen, die sich heute oftmals in städtischen Regionen ansiedeln, wieder für das Leben am Land begeistert werden können.

Abwanderung als Herausforderung für die Entwicklung des ländlichen Raumes

Betrachtet man die Binnenmigrationssalden, also das Saldo der innerstaatlichen Wanderungsbewegungen in der Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen, so wird deutlich, dass in Österreich vor allem ländliche Regionen von Jugendmigration betroffen sind. Während städtische Regionen meist ein positives Wanderungssaldo aufweisen (mehr junge Menschen wandern in die Region zu als ab), ist es in ländlichen Regionen meist umgekehrt.

Die Abwanderung junger Menschen ist ein gesamteuropäischer Trend.
Die Abwanderung junger Menschen ist ein gesamteuropäischer Trend. (Klicken zum Vergrößern)

Dabei spielt auch die Erreichbarkeit der Regionen eine wichtige Rolle für die Migrationsbewegungen: Je abgelegener und damit schlechter erreichbar eine Region, desto höher ist in der Regel auch deren negative Migrationsbilanz.

Ländliche Regionen und Gemeinden haben nicht zuletzt aus finanzieller Sicht ein Interesse daran, dass möglichst viele der Abgewanderten nach dem Studium oder einer Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückkehren. Denn im sogenannten Finanzausgleich bestimmt auch die EinwohnerInnenzahl die Finanzkraft einer Gemeinde mit. Junge Menschen stellen für ihre ländlichen Heimatregionen aber nicht nur einen Finanzfaktor dar. In ihnen liegt auch innovatives Potential, das für die Wettbewerbsfähigkeit einer Region von hoher Relevanz ist. Diese Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen ist durch den demographischen Wandel (u.a. aufgrund geringerer Fertilitätsraten) und die Abwanderung vorwiegend junger, gut ausgebildeter Menschen gefährdet. Zahlreiche ländliche Regionen versuchen daher heute durch gezielt gesetzte Maßnahmen wieder attraktiv für junge Land-Stadt-MigrantInnen zu werden.

Abwanderung Jugendlicher als gesamteuropäischer Trend

Die Abwanderung junger Menschen stellt allerdings nicht alleine ländliche Räume in Österreich vor Herausforderungen, sondern ist ein gesamteuropäischer Trend. Wie in der Karte oben ersichtlich ist, sind auch in Deutschland zahlreiche ländliche Regionen von Abwanderung großer Zahlen Jugendlicher betroffen – im Landkreis Spree-Neiße (Bundesland Brandenburg) sind im Zeitraum von 2002 bis 2014 knapp drei Viertel der 18- bis 29-jährigen abgewandert. Aber auch flächenmäßig mit Österreich vergleichbare Staaten wie Dänemark oder die Niederlande sind von hohen Abwanderungsraten junger Menschen aus ländlichen Räumen betroffen.

📌 Martinas Artikel ist ein Beitrag zur aktuellen Semesterfrage „Was eint Europa?”. Weitere Antworten, Interviews und Beiträge findet ihr auch im uni:view Magazin unter semesterfrage.univie.ac.at.Semesterfrage: Was eint Europa?

Jüngere EU-Mitgliedsstaaten wie Ungarn, Bulgarien, Rumänien oder Kroatien sind neben der auch dort beobachtbaren Land-Stadt-Migration zunehmend von der Abwanderung junger Menschen in wirtschaftlich besser gestellte EU-Staaten wie Deutschland, Österreich oder (derzeit noch) Großbritannien betroffen. Die jungen EU-MigrantInnen erhoffen sich dabei vor allem bessere Chancen am Arbeitsmarkt und eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Mit dieser Form der Jugendmigration beschäftigt sich derzeit auch das Interreg DTN-Projekt YOUMIG, in dem, auch unter Beteiligung des Instituts für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, Gründe, Auswirkungen aber auch mögliche Handlungsmöglichkeiten für die lokalen Institutionen der Jugendmigration im Donauraum diskutiert werden.

Die Notwendigkeit einer an den Bedürfnissen Jugendlicher ausgerichteten Regionalentwicklung

In meinem Dissertationsprojekt „Handlungsstrategien für eine jugendorientierte Regionalentwicklung“ widme ich mich vor diesem Hintergrund der Frage, welche Maßnahmen von Abwanderung betroffene ländliche Räume setzen, um für junge, gut ausgebildete Menschen attraktiv zu sein. Dabei evaluiere ich auch, inwiefern diese Maßnahmen den Bedürfnissen und dem Lebensstil einer vorwiegend individualistisch und urban orientierten „kreativen Klasse“ entsprechen. Denn, möchte man junge Land-Stadt-MigrantInnen ansprechen und zu einer Rückkehr in die Heimat motivieren, muss man auch ihre Bedürfnisse und Lebensentwürfe berücksichtigen.

Regionalpolitik in ländlichen Räumen, die die Bedürfnisse junger Menschen berücksichtigt, bedeutet neben einer Investition in die Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen auch einen Beitrag zur sozialen Kohäsion, zum sozialen Zusammenhalt zu leisten. Dass städtische und ländliche Lebensrealitäten immer mehr auseinanderdriften zeigt sich in den vergangenen Jahren regelmäßig auch an den Wahlergebnissen. Etwa bei den österreichischen Bundespräsidentschaftswahlen 2016 oder den Nationalratswahlen 2017, aber auch im internationalen Kontext in der Abstimmung über einen EU-Austritt in Großbritannien oder den US-Präsidentschaftswahlen 2016. In ländlichen Regionen wurde in jeder dieser Abstimmungen ein deutlich anderes Ergebnis erzielt als in städtisch geprägten Räumen. Diese Stadt-Land-Unterschiede in den Wahlergebnissen liefern dabei auch einen Hinweis auf eine Spaltung der Wertvorstellungen zwischen (post-)modern geprägten urbanen Milieus und traditionalistisch geprägten ländlichen Milieus.

Junge Menschen in ländlichen Räumen, die sich eher zu einem (post-)modernen Milieu zugehörig fühlen, wandern nach ihrer Schulzeit zum Studium häufig in städtische Regionen ab – und kehren nach Beendigung ihres Studiums nicht mehr in ihre Heimatregion zurück. Motive für die Abwanderung Jugendlicher aus ländlichen Regionen sind neben (Aus-)Bildungsmotiven und besseren Berufschancen auch kulturelle Faktoren wie Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und (jugend-)kulturelle Angebote in städtischen Ballungsräumen.

Nicht Abwanderung, sondern die geringe Zahl der Rückkehrenden als Problem

Rückkehr in die Heimat zur Familiengründung
Vor allem in der Phase der Familiengründung ziehen Land-Stadt-MigrantInnen eine Rückkehr in die Heimat in Erwägung.

Das Problem für von Abwanderung betroffenen Räumen darf dabei per se nicht darin gesehen werden, dass so viele junge Menschen abwandern, sondern, dass nur wenige nach einer Phase der Ausbildung und frühen Berufstätigkeit rückkehren. Dabei weisen Abgewanderte häufig eine Bereitschaft zur Rückkehr auf. Vor allem in der Phase der Familiengründung, in der sich viele für ihre Kinder genauso eine „Landkindheit“ wünschen, ziehen Land-Stadt-MigrantInnen eine Rückkehr in die Heimat in Erwägung. Allerdings werden als potentielle Hinderungsgründe für den „Schritt zurück“ häufig eingeschränkte Berufschancen in ländlichen Räumen, schlecht ausgebaute Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder die „soziale Enge“ in der Heimat genannt. Eine Regionalpolitik, die junge Abgewanderte zur Rückkehr motivieren möchte, muss vor allem auch an diesen Aspekten ansetzen.

Zwar werden im 2017 vom damaligen Ministerium für ein lebenswertes Österreich (mittlerweile Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus) präsentierten „Masterplan Ländlicher Raum“ Ideen dafür geliefert, wie ländliche Regionen für junge Abgewanderte als Lebensräume wieder attraktiv gestaltet werden könnten. Allerdings müssen diese (wie für ein politisches Papier üblich) sehr vage und oberflächlich formulierten Ansätze vor Ort, also in den Regionen selbst, umgesetzt werden. Darüber hinaus muss auch betont werden, dass die politische Steuerungsmöglichkeit zur Verhinderung von Abwanderung bzw. zur Attraktivierung der Rückkehr insgesamt als eher begrenzt angesehen werden muss. Mobilität ist in unserer (post-)modernen Gesellschaft zu einer wichtigen Eigenschaft geworden. Dank der (nach wie vor auch in der Praxis großteils vorhandenen) Durchlässigkeit nationalstaatlicher Grenzen innerhalb der Europäischen Union ist diese Mobilität in der Realität auch nur schwer steuerbar.

Jugendmigration eröffnet neue Perspektiven auf soziale Vernetzung

Maßnahmen, die die Bedürfnisse einer individualistisch geprägten Jugend berücksichtigen, können, meiner Ansicht nach, insgesamt als Chance zur Erneuerung ländlicher Regionalpolitiken, abseits des „rural idylls“ (Shucksmith 2016), betrachtet werden. Sie bieten auch die Möglichkeit zur Reflexion über die Frage nach einem „guten Leben“ für alle. Selbst, wenn die politische Steuerbarkeit real nur sehr eingeschränkt gegeben ist, können diese doch „weiche“ Instrumentarien der Regionalentwicklung sein und (zumindest) Anreize für eine Rückkehr in die Heimat liefern. Auch könnte der Blick auf Jugendmigration als „Chance zur Erneuerung“ eine Perspektive auf das Potential der sozialen Vernetzung über räumliche Grenzen hinweg ermöglichen. Denn auch die Abgewanderten, die selbst nicht (mehr) vor Ort sind, können Know-How in ihre Heimat einbringen und den sozialen Austausch über geographische aber auch soziale Grenzziehungen hinaus erleichtern.

Literatur

Egger, Rudolf, Posch, Alfred (Hrsg.) (2016):  Lebensentwürfe im ländlichen Raum. Ein prekärer Zusammenhang?. Wiesbaden: Springer

Shucksmith, Mark (2010). How to promote the role of youth in rural areas of Europe? In: Directorate General for Internal Policies (Hrsg.). Policy Department B: Structural and Cohesion Policies.

Shucksmith, Mark (2016): Re-imagining the rural: From rural idyll to Good Countryside. In: Journal of Rural Studies 2016.


Martina Schorn

Martina Schorn studierte Politikwissenschaft, Soziologie sowie Raumforschung und Raumordnung an den Universitäten Wien und Kopenhagen. Seit Oktober 2017 ist sie als uni:docs fellow am Institut für Geographie und Regionalforschung tätig. Ursprünglich selbst als Land-Stadt-Migrantin aus Salzburg nach Wien abgewandert, beschäftigt sie sich in ihrer Dissertation mit Handlungsstrategien für eine jugendorientierte Regionalentwicklung in von Abwanderung betroffenen ländlichen Räumen. Ihre Forschungsinteressen umfassen u.a. Migrationsforschung, demographischer Wandel sowie Konzepte inklusiver und nachhaltiger Regionalentwicklung.
[ mehr Artikel von Forschenden ]



Europa eint, Menschenwürde zu verteidigen

Uni:docs Fellow Maike Cram bloggt zur Semesterfrage „Was eint Europa?“. Die Menschenwürde bezeichnet die Philosophin dabei als das solide Fundament der Europäischen Union. Sie argumentiert für eine verstärkte Wahrnehmung von ausgeschlossenen Gruppen und die Anerkennung ihrer Menschenwürde.


Future World of work: Wie wir arbeiten wollen

Wirtschaftswissenschafterin Veronika Keuschnigg war mit ihrer Masterarbeit an der Studie „Future World of work: What nowadays students want“ beteiligt. Am #univie Blog schreibt sie über die durchaus überraschenden Ergebnisse der Studie, die auch am 24. Oktober an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften präsentiert werden.


Lust der Täuschung – Glaskunstwerke auf Reisen

 „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ – frei nach dem von Matthias Claudius geprägten Motto will Maximilian Petrasko von der #univie hier die Planung und Durchführung einer Reise von fünf Glaskunstwerken, gefertigt von Leopold (1822-1895) und Rudolf Blaschka (1857-1939), aus der Zoologischen Sammlung der Universität Wien in Richtung Kunsthalle München nachzeichnen, … Continued

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top