Rückgabe von NS-Raubgut – 20 Jahre auf der Suche nach „gerechten und fairen Lösungen“ von Markus Stumpf
am 27. Juni 2018
ungefähr 8 Minuten
Themen: Bibliothek , Erlesenes Erforschen , Forschende , Forschung , Recherche , Zeitgeschichte

Rückgabe von NS-Raubgut – 20 Jahre auf der Suche nach „gerechten und fairen Lösungen“

Fast 20 Jahre nach der „Konferenz über Vermögenswerte der Holocaust-Ära“, lässt sich diese als historisch bedeutsam und folgewirksam einordnen. Aus Anlass des Erscheinens des Tagungsbandes „Treuhänderische Übernahme und Verwahrung“ skizziert Markus Stumpf von der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte und der NS-Provenienzforschung der Universitätsbibliothek Wien in diesem Beitrag die Geschichte der Washingtoner Prinzipien und des Österreichischen Kunstrückgabegesetzes.

Aktualisierung der „Wiedergutmachung“ in den 1990er Jahren

Der Themenkomplex „Nazi Looted Art“ beinhaltet neben dem Kulturgutraub (universal über alle historischen Perioden und Epochen hinweg) das spezifische Moment der nationalsozialistischen Verfolgung Ausraubung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und anderer rassistisch, religiös oder politisch verfolgter Gruppen in Europa.

Nach der ungenügenden Rückgabephase nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in den 1990er Jahren eine „Aktualisierung“ der Rückstellungs- und Entschädigungsforderungen. Diese wurde durch den Zusammenbruch der „realsozialistischen“ Länder ab 1989 ermöglicht und geprägt. 1995 wurde eine Initiative der USA gestartet, religiösen Gemeinschaften in Osteuropa ihr vom Deutschen Reich konfisziertes und von den kommunistischen Regierungen verstaatlichtes Gemeindeeigentum wiederzubeschaffen. Dies wurde v.a. durch jüdische Interessensverbände vorangetrieben und US-Präsident William Clinton beauftragte damit Stuart Eiszenstat, den US-Botschafter in der Europäischen Union.

In einer Art Domino-Effekt wurde das von Eiszenstat bearbeitete Themenfeld erweitert um Nazi-Raubgold, die Frage der „schlafenden“ Bankkonten von Holocaust-Opfern in der Schweiz und Frankreich, enteignete Versicherungsansprüche, den Themenbereich NS-Zwangsarbeit und Entschädigung der Zwangsarbeiter_innen. Verbunden damit war die Öffnung von Archiven.

Im Jänner 1998 führte die gerichtliche Beschlagnahme zweier Schiele-Bilder in New York zu einer Beschleunigung der Aktivitäten. So entstanden in der US-amerikanischen Museumsszene große Bedenken hinsichtlich potentiellen NS-Raubgutes in ihren eigenen Beständen als auch in Bezug auf für Ausstellungen notwendige internationale Leihgaben. Im Juni 1998 wurden von der Association of Art Museums Directors Richtlinien für den Umgang mit NS-Raubgut festgelegt. Mit der Internationalisierung dieser Richtlinien wurde James D. Bindenagel beauftragt, der zunächst auf heftigen Widerstand in Europa stieß, dennoch bildeten diese Richtlinien schließlich nach zahlreichen Gesprächen mit Museumsdirektor_inn_en und Regierungen die Grundlage für die Washingtoner Prinzipien.

Das Österreichische Kunstrückgabegesetz

In Österreich reagierte die Politik rasch nach der Beschlagnahme der Schiele-Bilder und ließ bereits im Jänner 1998 erstmals die Bundesbestände auf Raubgut hin untersuchen. Bevor im Dezember 1998 die rechtliche Grundlage im Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen („Kunstrückgabegesetz“) geschaffen wurde, wurde bereits die Kommission für Provenienzforschung eingesetzt. Österreich avancierte damit im Umgang mit NS-Raubgut international zum Vorbild.

Im Dezember 1998 wurde auch die von US-Finanzstaatssekretär Stuart Eiszenstat geleitete und von James D. Bindenagel organisierte „Washington Conference on Holocaust Era Assets“ beendet und die Schlusserklärung wurde von 44 Staaten und 13 Nichtregierungsorganisationen unterschrieben. Sie bildet heute als die „Washingtoner Prinzipien“ einen internationalen Standard, dessen Grundsätzen in Österreich zum überwiegenden Teil mit der Novelle des Kunstrückgabegesetzes 2009 entsprochen wird. Der Europarat verabschiedete am 4. November 1999 die Resolution Nr. 1205 zu geraubten jüdischen Kulturgütern und speziell für Österreich gilt es, die Arbeit der Historikerkommission als Basis für viele weitere Projekte hervorzuheben. Hinzu kommt das vor- und aufbereiten der Archivalien durch die Archive für den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus seit dessen Gründung 1995, dem später auch Verwertungsaufgaben übertragen wurden, um „erblose“ Kunstgegenstände aus öffentlichem Besitz zugunsten von NS-Opfern zu veräußern.

Was sind die Washingtoner Prinzipien?

Die Ergebnisse der Konferenz in Washington wurden auch Ausgangspunkt für eine neue moralische Selbstverpflichtung und einen neuen rechtspolitischen Umgang mit dem Thema. Dabei waren einige Themen (zunächst) von der Diskussion ausgeklammert worden, wie etwa in privater Hand befindliches geraubtes Eigentum, Grundeigentum von Privatpersonen, Alltagsobjekte und Gebrauchsgegenstände.

Die Kernforderung der elf Punkte der Washingtoner Prinzipien in Form einer Absichtserklärung ist es, „Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden und in der Folge nicht rückerstattet wurden“, zu identifizieren und an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben, wobei eine „gerechte und faire Lösung“ anzustreben ist, egal ob die Erben gefunden werden können oder nicht. Zur Umsetzung soll die Forschung auf „einschlägige Unterlagen und Archive“ zugreifen können. Weiters soll die Identifizierung der Werke durch den Einsatz von Geld und Personal vorangetrieben, die Erkenntnisse veröffentlicht und in einem zentralen Register gesammelt werden.

Als Grundverständnis zählt dabei das Eingeständnis, dass „Wiedergutmachung“ nicht funktioniert, denn Geschichte als solche lässt sich nicht „wiedergutmachen“. Umso wichtiger sind daher „gerechte und faire Lösungen“, indem die nachfolgenden Generationen Verantwortung übernehmen und angemessen gegenüber der Geschichte und den Erben handeln. Um zu einer „gerechten und fairen Lösung“ zu kommen, benötigt es jedenfalls immer eine Einzelfallprüfung von Anspruch und Rückgabe.

Vom Kunstbegriff zum Kulturgutbegriff

Der ursprünglich verwendete Kunstbegriff ist verständlich aus der Geschichte der Washingtoner Prinzipien. Heute ist klargestellt, dass es um Kulturobjekte/Kulturgüter im weitesten Sinne geht, also auch um Alltagsgegenstände. Die Bedeutung wird einem Objekt nicht alleine durch seine kunsthistorische Zuschreibung gegeben, sondern dadurch, dass eine Kulturinstitution (Bibliothek, Archiv, Museum) die Objekte aufgehoben und ihnen dadurch eine entsprechende Geltung bereits zugewiesen hat. Auch der monetäre Wert eines Objektes spielt heute bei der NS-Provenienzforschung keine Rolle mehr und der unermessliche symbolische Gehalt eines restituierten Objektes für die Erben kommt als weiteres Element hinzu. Heute wird daher nicht mehr der Begriff der Kunstobjekte, sondern jener von Kulturobjekten verwendet, denn der Raub betraf ja alle möglichen Objekte: vom Buch übers Klavier, den Schmuck, das Geschirr, aber auch Bilder, Gewand usw.

Eine „faire und gerechte Lösung“ für die Bibliothek der All Peoples’ Association (APA)

Titelblatt mit verschiedenen Provenienzhinweisen (© Universität Wien)

Das Seminar für Englische Philologie der Universität Wien erhielt während der NS-Zeit einige umfangreiche Bestände von den durch die NS-Verwaltung zwangsaufgelösten englischen und amerikanischen Kulturvereinen, so auch die Bibliothek der All Peoples’ Association (APA). Die APA war im Jahr 1930 als eine weltweite Vereinigung in London gegründet worden. Mit Vorträgen, Sprachkursen und dem Aufbau von Bibliotheken sollten ihre Mitglieder einen Beitrag zur „Völkerverständigung“ leisten.

Während der Londoner Hauptsitz bereits 1936 aufgelöst wurde, bestand der Wiener Zweig weiter und wurde erst im Nationalsozialismus im Juni 1939 zwangsaufgelöst, wobei das Vermögen, inklusive der Bibliothek, zu gleichen Teilen zwischen dem Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände und der NSDAP, Gau Wien aufgeteilt wurde. Dem Englischen Seminar der Universität Wien wurde schließlich der

Bücher der APA-Bibliothek (©Joseph Krpelan/www.derknopfdruecker.com)

APA-Bestand zunächst als „Leihgabe“ zugeteilt, um bereits wenig später als Eigenbestand geführt zu werden.

Nicht in allen Fällen ist es möglich, ErbInnen oder Rechtsnachfolger ausfindig zu machen. Da für den zwangsaufgelösten Verein kein Rechtsnachfolger existiert, wurde die APA-Bibliothek schließlich 2016 als erbloses Gut eingestuft. In weiterer Folge wurde ein unabhängiges Schätzgutachten eingeholt und  im April 2017 im Vorfeld der Tagung „Treuhänderische Übernahme und Verwahrung. International und interdisziplinär betrachtet“ ein Vertrag über sogenanntes „erbloses“ Raubgut mit dem Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus unterzeichnet. Jene Bücher und Objekte, für die keine Rechtsnachfolger gefunden werden können, werden dem Nationalfonds zur Verwertung übergeben. In weiterer Folge werden diese von der Universität angekauft, um mit dem Erlös im Sinne des Nationalfonds Opfer des Nationalsozialismus zu unterstützen. So auch im Fall der APA-Bibliothek.

Buchrückendetails aus der APA-Bibliothek (© Universität Wien)

Rechtzeitig zur Präsentation des Tagungsbandes konnte nun die APA-Bibliothek mit ihren über 1.800 Bänden katalogisiert und im Bibliothekssystem erfasst werden. Sie steht nun ab dem 28. Juni 2018 in der Fachbereichsbibliothek Anglistik und Amerikanistik für die Benutzung und die Forschung als zeithistorisches Dokument zur

Kennzeichnung der APA-Bücher mit einem eigenen Buchstempel der Universität Wien: NS-RAUBGUT: RESTITUIERT-RÜCKERWORBEN (© Universität Wien)

Verfügung und entspricht so der in den Washingtoner Prinzipien gestellten Forderung nach einer „fairen und gerechten Lösung“, war doch ein ursprünglicher Vereinszweck der All Peoples’ Association „einen Beitrag zur Völkerverständigung“ zu leisten.

Persönlich faszinierend finde ich bei der APA-Bibliothek, dass damit eine weitestgehend erhaltene Bibliothek aus den Anfängen des 20. Jahrhundert am Bibliotheksregal erfahrbar ist. Alleine schon die Gestaltung der Buchcover – wie die Buchrücken erlauben mit ihrer spannenden Bildsprache sich dieser Periode anzunähern. Genießt es! Browst am Bibliotheksregal!

 

 

 

 

Veranstaltungstipp:

Besucht am Mittwoch, den 27. Juni 2018, den Campus der Universität Wien und erfahrt mehr über Treuhänderische Übernahme und Verwahrung im Zuge meiner Buchpräsentation. Dieses ist übrigens ab dem offiziellen Erscheinungsdatum am 16.7. open access verfügbar.

 

„Mein Campus“

 

Diese Veranstaltung findet im Rahmen des Jubiläums 20 Jahre Uni Wien Campus statt. Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Website https://campus.univie.ac.at . Einen Überblick über alle Jubiläums-Events gibt es hier.

 

 

 

Weiterführende Links:

Folder zu NS – Provenienzforschung der Universitätsbibliothek Wien

Buchpräsentation

NS-Provenienzforschung der Universitätsbibliothek Wien

Schriftenreihe Bibliothek im Kontext (BiK)

 


Markus Stumpf

Markus Stumpf arbeitet als wissenschaftlicher Bibliothekar, Historiker und NS-Provenienzforscher. Er leitet die Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte und die NS-Provenienzforschung der Universitätsbibliothek der Universität Wien. Mitherausgeber der Schriftenreihe Bibliothek im Kontext (open access, peer reviewed, Vienna University Press/V&R unipress); zahlreiche Publikationen; zuletzt Forschungs- und Digitalisierungsprojekt des „Gaupresse“-Archivs Wien (vgl. https://www.ns-pressearchiv.at/).
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