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Studium
Schreibmentoring und Mehrsprachigkeit: Ein Wörterbuch allein genügt nicht von Panthea Baghbani, Florian Javel
am 11. Mai 2021
ungefähr 4 Minuten
Themen: CTL , Mehrsprachigkeit , Schreibmentoring

Schreibmentoring und Mehrsprachigkeit: Ein Wörterbuch allein genügt nicht

Studierende mit anderen Erstsprachen sind oftmals mit Unsicherheiten beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten konfrontiert. Das Schreibmentoring des Centers for Teaching and Learning (CTL) der Universität Wien kann eine Hilfe sein. Panthea und Florian erzählen von ihren Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit und Schreibmentoring.

Fehlender Stellenwert von Mehrsprachigkeit 

Wenn Mehrsprachigkeit kein institutioneller Stellenwert zugewiesen wird und Studierende mit anderen Erstsprachen bei den vorgesehenen Anlaufstellen nicht die nötige Unterstützung und Berücksichtigung bekommen, so kann dies nicht nur auf persönlicher emotionaler Ebene Frust erzeugen, sondern auch die eigene akademische Karriere hemmen. Wer eine andere Erstsprache spricht, befindet sich nun vor der eigentlichen Hürde seines Studiums: Das Meistern der Wissenschaftssprache und deren Gepflogenheiten. Was nun? Professor*innen thematisieren in den jeweiligen Lehrveranstaltungen zentrale Eckpunkte der korrekten wissenschaftlichen Arbeit, es wird eine weiterführende Lektüre empfohlen und auf Anlaufstellen hingewiesen. Die Diskussion über Arbeitsprozesse und wissenschaftliche Kriterien führt meistens dennoch an den eigentlichen und wesentlichen Fragen vorbei: Bin ich dazu in der Lage, wissenschaftlich zu schreiben? Hindert mich meine Erstsprache daran, einen wissenschaftlichen Stil zu entwickeln? Bin ich gegenüber meinen Kolleg*innen im Nachteil?

„Es konnten gemeinsame Lösungsstrategien erarbeitet werden“

Panthea: Selten stand meine zweite Erstsprache Farsi an der Universität so häufig im Mittelpunkt wie während meiner Tätigkeit als Schreibmentorin. Während Mehrsprachigkeit als Thema im universitären Alltag zumeist eine eher untergeordnete Rolle spielt und mehrsprachige Studierende, insbesondere mit einer anderen Erstsprache als Deutsch, im Kontext ihrer jeweiligen Lehrveranstaltungen lediglich ausgestattet mit Wörterbüchern sein dürfen, bietet das Schreibmentoringprogramm Fragen und Unsicherheiten einen Raum. Die Einheiten selbst, die zumeist in kleineren Kreisen stattfinden, konnten nach einigen Wochen zu einer Art „Safespace“ werden, in denen Mentor*innen und Mentees Schwierigkeiten und Sorgen hinsichtlich wissenschaftlicher Arbeiten problemlos äußern und besprechen konnten. In vielen Fällen wurden diese Bedenken durch andere Teilnehmer*innen ohnehin geteilt und es konnten gemeinsame Lösungsstrategien erarbeitet werden.

„Das Schreibmentoring bietet einen Diskussionsraum auf Augenhöhe“

Florian: Die Angst, von Professor*innen nicht verstanden zu werden und dass meine Situation als Studierender mit Französisch als Erstsprache nicht nachvollzogen werden könnte und ein ständiger Vergleich mit den Texten anderer Studienkolleg*innen, haben in mir mehrere Unsicherheiten geweckt. Die intensive Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen haben mich dazu bewegt, mich als Schreibmentor meinen Studienkolleg*innen gegenüber solidarisch zu zeigen. Es war mir ein großes Anliegen, meine persönlichen Erfahrungen aus meiner bisherigen Studienzeit zu nutzen, um Studierende mit anderen Erstsprachen bei ihren ersten Schritten zu begleiten. Der Austausch von Erfahrungen und die Einführung eines entsprechenden didaktischen Konzepts für Studierende mit anderen Erstsprachen sind notwendige und dringende Anliegen. „Alltägliche Wissenschaftssprache“ wird hierbei thematisiert und eine Sensibilität für die besondere Situation von Studierenden mit anderen Erstsprachen geschaffen und die Aufmerksamkeit auf individuelle Hindernisse gelenkt. Durch die Präsenz von mehreren Schreibmentor*innen mit anderen Erstsprachen wurde ein besonderes Augenmerk auf didaktische Konzepte aus dem DaF/DaZ-Bereich gelegt. Das Schreibmentoring bietet Studierenden somit auch einen Diskussionsraum auf Augenhöhe für den Austausch von Schreiberfahrungen. Für mich war das Schreibmentoring somit eine Gelegenheit, mich kritisch mit dem Thema der Mehrsprachigkeit im Studium auseinanderzusetzen und ihre Rolle im universitären Kontext zu reflektieren, um auch Studienkolleg*innen dafür zu sensibilisieren.

Mehrsprachigkeit institutionell fördern

Neben der Möglichkeit als Mentee am Schreibmentoring teilzunehmen, ergibt sich gerade für mehrsprachige Studierende auch die Gelegenheit, selbst in die Mentor*innenrolle zu schlüpfen und aktiv an einem Unterstützungsangebot mitzuwirken. Zweifel an den eigenen Fähigkeiten sollten hier niemanden davor abschrecken, das EC zu absolvieren: Ausbildung und Workshops geben geeignete Strategien zur Hand, Gruppen anzuleiten und Studierende zu unterstützen. Letztlich ist die Wissenschaftssprache ein sprachliches Register, das von allen Studierenden, unabhängig ihrer Erstsprache(n), gleichermaßen erlernt werden muss. Ein Wörterbuch gibt es dafür nicht, Solidarität und der ständig fortschreitende Wille, Mehrsprachigkeit institutionell zu fördern, sind jedoch notwendige Wegbegleiter.

👉 Beim Schreibmentoring bieten Studierende einmal pro Woche 1,5-stündige Schreibgruppen an. Dort können alle Fragen rund um den wissenschaftlichen Schreibprozess gestellt werden! Schaut einfach vorbei, die Schreibmentor*innen freuen sich auf euch! Nähere Infos findet ihr hier.


Panthea Baghbani

Panthea Baghbani studiert Germanistik und Philosophie an der Universität Wien. Seit dem Wintersemester 2020/21 engagiert sie sich als Schreibmentorin.


Florian Javel

Florian Javel studiert Germanistik an der Universität Wien und interessiert sich für Mehrsprachigkeit im institutionellen Kontext.



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