Alle Beiträge
International
Mit Stipendium auf Kriegsfolgenforschung von Clara Momoko Geber
am 15. Mai 2019
ungefähr 5 Minuten
Themen: Auslandsaufenthalt , Auslandserfahrung , Digitalisierung , KWA-Stipendium , Studierende , Studium

Mit Stipendium auf Kriegsfolgenforschung

Clara Momoko Gebers Forschungsinteresse führte sie nach Kasachstan, in die Schweiz und nach Japan. Mit Hilfe des KWA-Stipendiums für wissenschaftliche Abschlussarbeiten konnte die univie-Studentin in Tokyo nach Quellen über japanische Kriegsgefangene in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg suchen.

Wer meinen sollte, dass historische, japanologische Forschung mit unzähligen Stunden in Archiven oder Bibliotheken verbunden ist, hat nur zum Teil recht. Nicht selten ist eine spezifische Untersuchung mit Reisen um die Welt verbunden, da die notwendigen Informationen nicht im Heimatland zugänglich sind. Zu Beginn meines Studiums hätte ich jedoch selbst nie gedacht, dass ich gleich mehrere Länder bereisen werde, um meinen Wissensdurst zu stillen.

Friedhof japanischer Kriegsgefangener in Almaty, Kasachstan

Bei der Abschlussarbeit im Bachelor-Studium Japanologie entschied ich mich bewusst für ein größeres, historisches Forschungsfeld, welches nicht nur mein japanologisches Interesse abdeckt und meine Russischkenntnisse vertieft, sondern auch von globaler Relevanz ist, obwohl ihm in der Wissenschaft bisher wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde: Die Umstände der Gefangenschaft von japanischen Soldaten in Kasachstan nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Japan im Zweiten Weltkrieg kapitulierte, wurden auf Anweisung Stalins hin etwa 600.000 japanische Soldaten in die Sowjetunion überführt, um dort als Kriegsgefangene u.a. in Kohleminen, Bergwerken und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit zu leisten.

 

Kasachstan – Schweiz – Japan

Einladung nach Zürich

Aufgrund der kargen Datenlage begab ich mich schließlich direkt in die ehemalige Sowjetunion, um in Kasachstan in Archiven sowie Bibliotheken zu recherchieren und den letzten dort noch lebenden japanischen Veteranen zu interviewen. Anschließend lud mich Dr. Richard Dähler von der Japanologe der Universität Zürich auf ein Fachgespräch in die Schweiz ein und gab mir neben Ratschlägen auch zahlreiche Primärquellen zur eigenen Analyse.

In meiner Masterarbeit befasste ich mich schließlich mit Liedern der japanischen Soldaten, welche während der Haft komponiert und gesungen wurden. Da jedoch der Großteil der Quellen zur Gefangenschaft japanischer Kriegsgefangener nicht digitalisiert ist, wurde ein umfassender Forschungsaufenthalt zur Einsicht von Primär- und Sekundärquellen in Japan notwendig.

Masterstudierende der Universität Wien können sich für ein konkretes Forschungsvorhaben um das „Kurzfristige wissenschaftliche Auslandsstipendium“ zur finanziellen Unterstützung ihres Auslandaufenthaltes ansuchen. Die Beantragung im International Office war überraschend unkompliziert – und kurze Zeit später befand ich mich erneut im Flugzeug, diesmal auf dem Weg nach Tokyo.

Forschung in Tokyo

Knapp zwei Wochen war ich Anfang Februar in der Nationalbibliothek Tokyo, um dort 149 ausgewählte Werke einzusehen und zu kopieren, die nicht nur für die Masterarbeit, sondern auch für die daran anknüpfende Dissertation grundlegende Daten enthalten. Es handelte sich hierbei primär um Memoiren, Bildersammlungen und Lieder, welche von japanischen Kriegsveteranen nach der Rückkehr in die Heimat dokumentiert worden sind.

Um in Tokyo möglichst effektiv vorgehen zu können, habe ich bereits lange vor meinem Aufenthalt ein Onlineprofil der Nationalbibliothek angelegt, in dem alle relevanten Werktitel in Ordnern abgespeichert werden können. Trotz dieser und anderer Vorbereitungen war vor allem die Bürokratie vor Ort hinderlich: Es dürfen nur drei Bücher zugleich eingesehen werden, die zuvor am Server der Institution bestellt werden müssen. Pro Buch dauert es etwa 15 bis 20 Minuten bis es an einem Schalter abgeholt werden kann.

Zwei Wochen im Kapselhotel

Anschließend können die Werke eingesehen und die zu kopierenden Stellen mit Lesezeichen versehen werden. Der Kopiervorgang kann nicht selbst durchgeführt werden und es dauert erneut bis zu 25 Minuten bis die Kopien fertig sind und die Bücher wieder abgeholt werden können. Frustrierend für ForscherInnen mit temporärer Aufenthaltsmöglichkeit sind die Datenschutzrichtlinien der Bibliothek, da aufgrund dieser nur bis zu fünfzig Prozent jedes Werkes kopiert werden dürfen. Auch wenn ich diese Richtlinien mit Hilfe von KollegInnen, welche die restliche Hälfte der Bücher kopieren ließen, umgehen konnte, war dieses Prozedere mit großem Zeitverlust verbunden.

Neben der Quellenrecherche organisierte ich über wissenschaftliche Kontakte ein Treffen mit einem japanischen Kriegsveteranen in Yokohama, der in sowjetischen Lagern als Akkordeon-Spieler tätig war und nach seiner Freilassung ein Liederheft herausschmuggeln konnte. Das Interview mit Nīzaki Shōki eröffnete mir neue Aspekte, die meine Forschung ungemein bereicherten. Die genannte Liedersammlung liegt mir nun als Scan vor und kann in meiner Dissertation bearbeitet werden. Es konnte auch ein sehr lehrreiches Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Risa Moriya initiiert werden, welche zu einem ähnlichen Aspekt der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion forscht.

Mit den Daten in den PhD

Durch den sehr umfassenden Bestand der Nationalbibliothek Tokyo wurden meine Untersuchung ungemein bereicherte: Etwa 60 Werke wurden zum Teil oder zur Gänze kopiert. Der finanzielle Aufwand für Kopien betrug schlussendlich etwa 450 Euro (560.00 Yen). Auch der Transport gestaltete sich durch das Gewicht der kopierten Seiten als kompliziert. Falls ein ähnlicher Forschungsaufenthalt an der Nationalbibliothek geplant sein sollte, kann ich daher empfehlen, neben sehr viel Geduld und zeitlichen Ressourcen einen zweiten, leeren Koffer für Kopien mitzunehmen.

Zusätzlich zur umfassenden Datenrecherche zeigten sich die Treffen mit Nīzaki Shōki und Risa Moriya als besonders positiv und wegweisend für meine zukünftigen Projekte. Motiviert durch diese Erlebnisse und der Fülle an neuen Quellen, freue ich mich bereits auf den nächsten Schritt: Der Sortierung der Daten und die Auswertung der Informationen. In meiner Dissertation werden nun Lieder, Bilder, Memoiren und Gedichte auf zwischenmenschliche Aspekte zwischen japanischen Kriegsgefangenen und den sowjetischen Instanzen, als auch den Kriegsgefangenen anderer Nationen hin untersucht. Wo wird mich die Forschung wohl als nächstes hinführen?

‼️ Für deine Master-, Diplomarbeit oder deinen PhD planst du Laborarbeiten, Feldforschungen, Arbeiten in Archiven, Bibliotheken oder wissenschaftlichen Sammlungen im Ausland? Bewirb dich jetzt um das kurzfristige wissenschaftliche Auslandsstipendium (KWA).

Clara Momoko Geber

Clara Momoko Geber, MA ist Japanologin und Masterstudierende des Lehrgangs Kulturmanagement an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Außerdem arbeitet sie an ihrer Dissertation über Kunst- und Kulturproduktionen japanischer Kriegsgefangener in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Forschungsarbeiten führten sie nach Kasachstan, in die Schweiz und nach Japan.
[ mehr Artikel von Studierenden ]


  1. „Mut zur sprachlichen Kreativität“ ist meines Erachtens der richtige Ansatz. Kreativität, die ich übrigens bei der ubiquitären Verwendung des Gender-Sternchens vermisse. Dabei gibt es weitaus hübschere und originellere Arten, wie man Wörter gendern kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top