Universität Wien der Zukunft: Wissen UND gelebte Praxis von Prof. Mag. Dr. Christine Kasper
am 3. Juli 2014
ungefähr 3 Minuten
Themen: Gedanken , Ideen , Jubiläum , MitarbeiterInnen , Universität der Zukunft

Universität Wien der Zukunft: Wissen UND gelebte Praxis

Prof. Mag. Dr. Christine Kasper vom Betriebsrat der Universität Wien schreibt in diesem Beitrag über Ihre Gedanken zur „Universität der Zukunft“ anlässlich 650 Jahre Universität Wien.

In meiner Zukunftsvision sind die Universitäten im Allgemeinen und die größte Universität Österreichs im Besonderen viel stärker als derzeit im Bewusstsein der Gesellschaft verankert, einerseits als Hort des Wissens, andererseits als Motor von gesellschaftlichen Entwicklungen.

Universitäres Wissen anzapfen

Als Hort des Wissens spielt die Universität Wien schon jetzt eine wichtige Rolle, wenngleich in der Öffentlichkeit meist einzelne „Kapazunder“ im Vordergrund stehen. Die größte Aufmerksamkeit der Gesellschaft gilt meinem Eindruck nach den Universitäten als Ausbildungsstätte, und die Universität Wien ist dabei Fotomotiv für Medienbeiträge über Bildungsthemen. Wenn sich ÖGB und Arbeiterkammer in Bezug auf die Universitäten zu Wort melden, dann in den meisten Fällen ausschließlich aus der Sicht der Studierenden. Behindertenverbände machen sich dafür stark, dass Menschen mit Beeinträchtigungen studieren können, kaum jedoch für die Universität als deren Arbeitgeber.

In meiner Vision ist die Universität Wien als Hort des Wissens gegenüber dem derzeitigen Zustand vervollkommnet. Es wird zur Selbstverständlichkeit, Kommentare zu allgemein präsenten Themen bei UniversitätsmitarbeiterInnen zu suchen. Statt JournalistInnen, die sich rasch wo eingelesen haben, erläutern dann UniversitätsmitarbeiterInnen direkt die Inhalte, mit denen sie sich jahrelang beschäftigt haben. Das setzt allerdings voraus, dass die Universität die didaktische Schulung um Grundzüge einer Art Medientraining erweitert.

Präsenz in der Praxis

In meiner Zukunftsvision spielt die Universität Wien allerdings auch eine Rolle als Motor für gesellschaftliche Entwicklungen. Derzeit gehen wohl etliche Ideen für die Gesellschaft von den Universitäten aus, doch bei der Praxisgestaltung übernimmt die Universität eher Ideen aus Firmenkulturen der Privatwirtschaft, mitunter sogar trotz anderer Voraussetzungen (etwa Theorien zu Anreizen, um ältere ArbeitnehmerInnen im Betrieb zu halten, während Befristungen jüngere praktisch vertreiben). Oder es wird versucht, Büro- und Organisationsformen aus der Privatwirtschaft (Großraumbüros, Schreibtisch-Sharing, dislozierte Bibliotheken, usw.) an den Universitäten zu etablieren.

Auffällig ist für mich auch, dass Analysen und Kommentare rund um die Arbeitswelt zwar von Universitätsangehörigen (mit)verfasst werden, die Universitäten als Arbeitgeber darin aber merkwürdigerweise ausgeklammert zu sein scheinen. UniversitätsforscherInnen schreiben oft ausführliche Kommentare, gehen darin detailreich auf alle möglichen Besonderheiten ein und verlieren zugleich kein Wort über klärungsbedürftige universitäre Voraussetzungen, die Tausende ArbeitnehmerInnen betreffen. Es wundert nicht, dass einschlägige Beratungsstellen wie ÖGB und AK dann darüber nicht einmal Bescheid wissen. Ich plädiere hier nicht für eine Nabelschau, sondern für eine selbstverständliche Präsenz dort, wo von der Arbeitswelt im Allgemeinen die Rede ist.

Heute präsentieren universitäre Studien Ideen zur Verbesserung des Betriebsklimas, zur betrieblichen Gesundheitsförderung oder zur beruflichen Weiterbildung, nicht selten ohne Rückkoppelung(smöglichkeit) zur universitären Arbeitswelt. So wird der Öffentlichkeit viel über die Wichtigkeit von MitarbeiterInnenführung, Feedback, Schulungen usw. verkündet, aber innerhalb der Universität erfolgt kaum Rezeption, und mitunter werden Konzepte sogar dort, wo sie entwickelt wurden und gelehrt werden, keinesfalls tatsächlich gelebt.

Die Universität als lebendiges Vorbild

In meiner Vision ist die Universität Wien nicht nur Verkünderin von Analysen, sondern auch lebendiges Vorbild. Sie wartet nicht, bis Konzepte à la Corporate Identity, Corporate Social Responsibility usw. etabliert sind und einen klingenden Fachausdruck gefunden haben, um darüber nachzudenken, wie sie mit der Gesellschaft Schritt halten könnte. Sie meldet einen Führungsanspruch dadurch an, dass sie Ideen vorlebt. Ich denke dabei vor allem an Bereiche wie Umweltschutz und soziale Verantwortung. Und ich denke durchaus auch an öffentlichkeitswirksame Aktionen (für konkrete Vorschläge reicht der Platz hier nicht). In meiner Vision bewirkt die stärkere Präsenz als Motor der Gesellschaft auch, dass die finanzielle Förderung der Universität zu einem Anliegen der Bevölkerung wird.


Prof. Mag. Dr. Christine Kasper

Mitarbeiterin des Betriebsrates
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