von Jan-Luca Stampf
am 1. April 2015
ungefähr 5 Minuten
Themen: Aceton , Chemie , Jan-Luca Stampf , Liebe , Stimmt die Chemie

Verdampft nochmal! Aceton, die flüchtige Liebe!

Jan-Luca Stampf ist neugieriger Chemistudent und bloggt in seiner Beitragsreihe „Stimmt die Chemie?“ über und aus seiner Chemie-Welt.

Meine Ex-Verlobte Marie hätte es fast geschafft, meine Sitte, niemals einer Freundin von einer Verflossenen zu erzählen, nach heftigem Insistieren und Verführen, also in einem ziemlich schwachen Moment, zu brechen:

„Da war Lisa“, begann ich vorsichtig.

„Jaaaa? Weiter, weiter…“

***

Lisa war süß wie Blut, teuflisch gut und mit ihren unwiderstehlich braunen Rehaugen machte sie mir alle Hoffnungen auf die große Liebe.

Später habe ich kapiert, bei „ Lisa-Love“ bestand der Reiz darin, dass sie wie nasse Seife war. Immer wenn man dachte, jetzt könne man sie festhalten, flutschte sie wieder aus der Hand. Konkret sah das an unserem letzten gemeinsamen Sonntagmorgen so aus:

Ich spielte am Klavier Chopins Etude Op. 25 No.1, legte den Kopf schief: „Lisa-Love, dieses Stück ist für dich.“ Doch während meine ganze Leidenschaft für sie in meine Fingerkuppen floss, die über das schwarz-weiße Keyboard tanzten, hackten ihre hellrosa lackierten Fingernägel wie ein Sprecht mit dem Schnabel auf die Handy-Tastatur. Ohne aufzublicken, fragte sie mich beim „Hin-und Her-Simsen “ mit „irgendjemanden“: „Duhu, du brauchst doch noch länger, oder?“

Ich: „Hör zu. Klingt das nicht wunderschön?“

Sie trocken: „Mhmm. Jan-Luca, wir wollten schon seit 2 Minuten los. Einmal pünktlich mit dir wohin gehen, DAS wäre wunderschön.“ Und während Chopins Töne sein Bestes versuchten, stieg sie mit einem Keppelkonzert ein: „Weißt du, ich bin immer pünktlich und blabla…du…blabla…bist…blabla…schuld. Also ich muss jetzt schnell los. Die anderen warten schon, Lilly und ihr Michi.“ Ich wollte sie nur noch mit dem sechsten Abschnitt der Etude aufhalten. Doch Lisa-Love war zur Tür raus. Ich brach das Klavierspiel ab. Wieder ist sie weg. Nie ließ sie sich auf ein längeres Verweilen, Genießen ein – immer unruhig, immer auf dem Sprung.

Lisa haut ab wie Aceton , dachte ich in mich rein – höchst flüchtig. Ein „Nagellackentferner“ der relativ leicht verdampft. Wieso ist das so? Die Verbindungen zwischen den Molekülen in der klaren Flüssigkeit sind relativ schwach. Somit wird wenig Energie, Wärme, Temperatur benötigt, damit sich die mehratomigen Teilchen (=Moleküle) an der Oberfläche trennen, um in die Gasphase überzugehen. Deswegen auch der Ausdruck „Oberflächlichkeit“: Außen an der Fassade halten Bindungen eben nicht lange. Puff –weg sind sie. Alles leerer Inhalt, nichts bleibt.

Wie bei Lisa, meinem Aceton: Für den Moment war sie bei mir, hat mich umhüllt mit ihrem Duft, ihren Reizen – bis hin zur Benommenheit. Doch jede Sekunde habe ich etwas mehr von ihr verloren und bevor ich es bemerkte, war sie schon weg.

Ich beeilte mich ihr an diesem Morgen zu folgen. Auf der Straße war weit und breit keine Lisa. Ich ging um die Ecke und da sah ich sie mit dem Freund ihrer besten Freundin Lilly in inniger Verbindung: Der schnurbärtige Michi und meine „Lisa-Love“ küssten sich! Treu ist Aceton nicht. Ich hätte es wissen müssen.

Es hat seinen Grund, weshalb man in der Chemie selten Reaktionen mit Aceton ausführt. Im Labor arbeitet man damit höchstens aus zwei Gründen:

  1. Zum Reinigen: Aceton löst praktisch alle Substanzen. Es macht mit wirklich jedem rum.
  2. Als Reaktionslösung: Dabei ist man permanent beschäftigt, das Aceton luftdicht zu halten, zu verschließen und von seinem Instinkt zu flüchten abzuhalten. Anstrengend.

Die Chemie hat mir wieder mal geholfen, zu begreifen, dass ich Lisas Natur nicht ändern konnte. Die Zusammensetzung von Aceton ist leicht entzündlich, mit etwas süßlichem Duft bildet sie mit Luft ein explosives Gemisch. Am Ende bleibt sie leichtlebig – bei aller Leidenschaft ohne Tiefgang.

***

„Jan-Luca – erzähl endlich weeeeiter…“, bettelte Marie bei mir im Bett. Ich drehte mich zur Seite, stieg aus dem Bett, setzte mich ans Klavier und sagte dabei: „Lisa ist Luft, Babe – transparent wie Aceton.“ Marie guckte erleichtert. „Gefällt dir Chopin?“, fragte ich. Marie sah mich nun geistesabwesend an “Was? Ääh, ja. Klar mag ich Shopping.“ als auf ihrem Handy ein kreischendes „WhatsApp“-Piepen ertönte. Sie begann konzentriert zu tippen – mit wem auch immer. Nein, nicht noch einmal! Ich machte kurzen Prozess, nahm ihr das Handy aus der Hand und warf es in die Ecke. Ich presste, bevor sie noch irgendetwas sagen konnte, meinen Mund auf ihre Lippen und drückte sie bestimmend auf die Matratze. Ich befahl ihr, ja liegen zu bleiben. Marie gehorchte. Reglos, erwartungsvoll starrte sie mich an. Meine Hand fing sanft an zu spielen. Glücksgefühle überkamen mich. Immer heftiger. Ich war im Rausch. Ich gab es uns, kalt-warm, schnell-langsam. Chopin überall. Meine Finger flogen nur so über die schwarz-weißen Tasten – bis zum Höhepunkt. Marie noch immer auf dem Bett liegend, fragte, nachdem ich mich für sie mit meinem Privatkonzert total verausgabt habe: „Und was ist nun mit Shoppen?“

 


Jan-Luca Stampf

Alles im Leben ist Chemie: Atmen, Socken waschen, mit der Freundin Liebe machen, oder mit der Freundin von der Freundin. Egal, ihr könnt euch immer auf chemische Reaktionen ausreden, auf die Anziehung. Mit Chemie ist fast alles im Leben erklärbar, sogar Gefühle und was uns alle verbindet: die Liebe. Jan-Luca, neugieriger Chemiestudent, wird in einer kleinen Beitragsreihe im univie Blog über und aus seiner Chemie-Welt schreiben. Oder in seinen Worten: "Mit interessanten Fakten, der nötigen Prise Humor und Augenzwinkern werde ich euch die Chemie menschlicher Beziehungen aller Art näher bringen. Dazu füttere ich euch mit Interviews von namhaften ChemikerInnen, um euch im Bereich der Chemie, der Medizin und sogar der Lebensmittel weiterzubilden."



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