Vom Studierenden zum Wissenschaftsverleger von Paul Ferstl
am 12. Dezember 2018
ungefähr 4 Minuten
Themen: AbsolventInnen , Alumni , Alumniverband , Germanistik , Literaturwissenschaft , Studieren , Studium

Vom Studierenden zum Wissenschaftsverleger

Paul Ferstl hat Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien studiert. Im September 2018 hat der Schriftsteller, Literaturwissenschafter und Wissenschaftsverleger die Leitung des Wiener Büros des Wissenschaftsverlags Peter Lang übernommen.

Uni Wien Alumnus Paul Ferstl
Uni Wien Alumnus Paul Ferstl

Mit achtzehn Jahren wollte ich lernen, was man angeblich in der 1. Klasse Volksschule lernt: Lesen und Schreiben. Im Studienführer der Universität Wien war das Wort „Weltliteratur“ der saftigste Köder, den ich gleich hinunterschluckte: Vergleichende Literaturwissenschaft musste es sein, in Kombination mit Germanistik. Auf meinen Anruf aus der Provinz hin wurde mir vom Institut der Studienplan per Post zugeschickt – es war das Jahr 2000 und damit eine dunkle Zeit. Ich verstand den Plan zwar nicht, fand aber auch darin das Wort „Weltliteratur“ – alles gut.

Potrait Paul Ferstl
18 Jahre alt: Gut gelaunt ins erste Semester.

Weltliteratur & ich

Mein Komparatistik-Studium gab mir dann alles, was ich mir an Weltliteratur erhofft hatte – und noch viel mehr, als ich mir hätte vorstellen können. Ich erinnere mich an diese Zeit wie an einen Rausch des Lesens, Denkens, Schreibens: Das Institut war voller Menschen, die immer neue Schätze herzuzeigen hatten. Es war ein intensiver Lebensabschnitt, in dem ich vergeblich versuchte, die ganze Welt der Literatur zu entdecken, da sie mit steigendem Wissen nur größer und immer größer wurde. Im Nachhinein wundere ich mich, wie kurz die Zeit bis zum Abschluss war: gerade einmal fünf Jahre, in denen ich mehr als 2500 Jahre Kulturgeschichte verschlungen hatte. Das Verdauen sollte weitaus länger dauern.

Das Studium endet nie

Nach vermeintlichem Studienende ging ich für ein Jahr ins Ausland, um danach wieder an die Universität Wien zurückzukehren: Ich begann ein Doktoratsstudium und am Institut zu lehren. Zudem stieg ich in die Redaktion der wissenschaftlichen Reihe des Instituts ein und begleitete Manuskripte von der Abfassung über die Redaktion bis zum Layout in den Druck – und anschließend in die Welt des Vertriebs. Neben der Literatur wurde das Buch zu einem zentralen Gedanken für mich und damit Buchkunde, Buchhandels- und Bibliotheksgeschichte.

Grafik von Pauls erster wissenschaftlicher Veröffentlichung
Meine erste selbständige wissenschaftliche Veröffentlichung – ein Sammelband im Peter Lang Verlag.

Learning by doing

Als ich erforschen wollte, wie der E-book-Markt funktionierte, verkaufte ich einfach selber welche. Als Infrastruktur gründete ich mit einem Partner den wissenschaftlichen Kleinverlag Ferstl & Perz und brachte bald auch gedruckte Bücher unter die Leute. Dabei kam mir meine hauptberufliche Tätigkeit als Wissenschafter zugute, die nicht nur aus Forschung und Lehre besteht, sondern auch aus der Pflege und Weiterentwicklung ihrer Infrastruktur: Finanzen, Räumlichkeiten, Studienpläne, Konferenzen, Zeitschriften, Sammelbände, Schriftenreihen. So wie für mich kaum eine feste Grenze zwischen Studium und Beruf auszumachen war, löste sich auch jene zwischen Wissenschaft und Verlagswesen auf: Immer ging es mir darum, Gedanken Form annehmen zu lassen, in dem Medium, das mir das liebste ist – dem Buch.

Weg von der Universität, hin zur Universität

Seit September 2018 habe ich nun die Leitung des Wiener Büros des Peter Lang Verlags inne. Damit bin ich nicht nur Ansprechpartner für Autorinnen und Autoren aus Österreich, sondern aus dem gesamten zentral-, ost- und südosteuropäischen Raum. Durch den neuen Job habe ich nicht weniger mit der Universität Wien zu tun als zuvor, ganz im Gegenteil: Mein Horizont erweitert sich Tag für Tag durch die Zusammenarbeit mit Forschenden aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen.

Gestern, heute, morgen

Wenn ich an meinen Studienbeginn zurückdenke, kommt es mir einerseits wie gestern vor. Andererseits scheint mir dieser Mensch von damals auch seltsam fremd geworden zu sein. Möchte ich das verstehen, greife ich zu einem der vielen Bücher, die ich wieder und wieder lese. Nehme ich etwa Raymond Chandlers The Long Goodbye in die Hand, erinnere ich mich nicht nur an den Text und lese ihn neu, sondern ich erinnere in intensiver Deutlichkeit mein 16-jähriges, mein 26-jähriges Ich, welches diesen Text ebenfalls gelesen hat. Und ich freue mich schon darauf herauszufinden, was mein 46-jähriges oder 56-jähriges Ich bei der Lektüre erleben wird. Es ist meine bevorzugte Art, mich selbst und meine Welt einigermaßen zu verstehen. Deshalb habe ich begonnen, Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren – und deshalb mache ich heute Bücher.


Paul Ferstl

Paul Ferstl studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Deutsche Philologie an der Universität Wien und der Université libre de Bruxelles. Er war in verschiedenen wissenschaftlichen Funktionen zwölf Jahre lang für die Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien tätig. Bevor er das Wiener Büro des Peter Lang Verlags übernahm, leitete er den von ihm gegründeten Ferstl & Perz Verlag. Zuletzt von ihm erschienen: Fischsitter (Roman, Milena Verlag, Wien 2018).
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