Zwischen „Bedrohung“ und „Opfer“ am 29. Juni 2016
ungefähr 5 Minuten
Themen: Diskursforschung , Flüchtlinge , Forschungspraktikum , Migration , Semesterfrage , Soziologie , Studierende

Zwischen „Bedrohung“ und „Opfer“

Zur diskursiven Repräsentation von  ‚Flüchtlingen‘ in  Österreich im Rahmen der medialen Berichterstattung zur Silvesternacht in Köln 2015

Niklaas Bause und Viktoria Rösch sind für ein Erasmus-Semester nach Wien „migriert“ und studieren beide Soziologie im Master. Im Rahmen der Semesterfrage berichten sie über den Arbeitsprozess und erste vorläufige Ergebnisse ihrer Forschung zur medialen Berichterstattung über Geflüchtete. Anstoß ihrer Arbeit bildete ein Forschungsseminar zur „Lebenssituation von Flüchtlingen in Wien“ am Institut für Soziologie.

Wie Migration Europa verändert, wird seit einiger Zeit insbesondere im Zusammenhang mit ‚Flüchtlingen‘ diskutiert. Dieses gesellschaftlich omnipräsente Thema bietet für Studierende der Soziologie viele Anknüpfungspunkte für eigene Forschungsarbeiten. Die mediale Berichterstattung haben wir daraufhin untersucht, welche sozialen Akteure wann, was und zu welchem Zweck über ‚die Flüchtlinge‘ in der österreichischen Öffentlichkeit aussagen: Werden ‚die Flüchtlinge’ als ‚zu schützendes Opfer’ oder als ‚bedrohliche Täter’ repräsentiert? Bleiben dabei vermeintlich kulturelle Hintergründe und Herkunftsregionen unsichtbar oder werden sie problematisiert? Welche Fluchtursachen werden in diesem Zusammenhang als legitim oder illegitim wahrgenommen? Diese gesellschaftlichen Zuschreibungen haben reale Konsequenzen für die in Österreich ankommenden respektive lebenden Geflüchteten und verweisen auf die gebotene Dringlichkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit etwaigen Stigmatisierungen von Menschen.

Forschungsfrage und Sampling

SampleUnsere Frage im Rahmen einer Seminararbeit vollständig zu beantworten, ist für uns forschungspraktisch unmöglich. Zunächst grenzten wir deshalb den Untersuchungsgegenstand auf die mediale Berichterstattung in Österreich über die Silvesternacht 2015/2016 in Köln ein. Dabei handelt es sich um ein prominentes Ereignis, an dem wir typische Facetten der öffentlichen Wahrnehmung von ‚Flüchtlingen‘ aufzeigen wollen. Ferner fokussierten wir den Gegenstand unserer Analyse pragmatisch auf die mediale Diskussion im Jänner 2016. Angesichts der vielfältigen Teilarenen (Social Media, TV, etc.) beschränkten wir schließlich unsere Analyse auf die Debatte in der österreichischen Tageszeitung derStandard.

Datenmaterial: Zeitungsartikel und -ausschnitte

Methodisches_VorgehenFür die Analyse des öffentlichen Auseinandersetzungen mit ‚Flüchtlingen’ begaben wir uns in das Zeitungsarchiv der Nationalbibliothek. Wir entschieden uns in einem ersten Schritt dafür, Texte, in denen der Begriff ‚Köln’ in Bezug auf die Silvesterereignisse explizit Erwähnung findet, zu berücksichtigen. Diese insgesamt 67 Artikel mit Titeln wie „Was hier nicht geht“ (07.01.2016), „Paragrafen gegen die Panik“ (12.01.2016) oder „Die Vorfälle von Köln und der Islam: ‚Ihr täglich Stück Frau grapschen’“ (16./17.01.2016) repräsentieren dabei aus soziologischer Sicht allgemein gültige bzw. unhinterfragte Wissensbestände, d.h. Diskurse.

Methodische Vorgehensweise: Kodieren

Ergebnisse_Der_StudieUm die Struktur in der Berichterstattung zu Köln zu verstehen, stellten wir uns zunächst analytisch die Frage danach, aus welchen verschiedenen „Bausteinen“ sich dieser öffentliche Diskurs zusammensetzt. Methodisch angeleitet durch die wissenssoziologische Diskursanalyse unterteilten wir die jeweiligen Texte in einem ersten Schritt Zeile für Zeile in ihre einzelnen Sinnabschnitte. Für eine Textstelle wie  „In den Ländern, in denen die Sexualität am stärksten tabuisiert ist, wie in Saudi-Arabien, Afghanistan, im Iran und in Ägypten, erreicht die sexuelle Belästigung von Frauen auf offener Straße inzwischen unerträgliche Dimensionen“ (07.01.2016) bestimmten wir beispielsweise Kodes wie ‚Tabuisierung von Sex’, ‚Nicht-Westliche vermeintlich islamisch geprägte Länder’ und ‚Sexuelle Gewalt in der Öffentlichkeit’. In einem zweiten Schritt haben wir dann diese verschiedenen Kodierungen aus allen untersuchten Texten zueinander in Beziehung gesetzt und in Form von Subkategorien wie z.B. „Islam als kulturelles Problem“ zusammengefasst.

Ergebnisse der Studie: die Struktur des medialen Diskurses

Für die Berichterstattung zur Kölner Silvesternacht konnten wir vor diesem Hintergrund vier Schwerpunkte ausmachen:

  • Ursachen,
  • Wirkungen/Folgen,
  • Lösungen/Strategien
  • Zuschreibungen

@1 Als Ursache von Köln wurden u.a. Aspekte wie das polizeiliche Versagen, eine unzulängliche Asylpolitik, oder die kulturelle Inkompatibilität des Islam geäußert.

@2 Folgen von Köln werden unter anderem in Wirkungen wie einem gesellschaftlichen Klima der Angst/Bedrohung, der Ablehnung von ‚Flüchtlingen‘ oder der Problematisierung des Frauenbildes im Islam öffentlich sichtbar.

@3 Eine effektive wie zugleich humanistische Asylpolitik, die konsequentere Umsetzung von Gesetzen oder die umfassende, kulturelle Integration werden beispielsweise als Lösungen bzw. Strategien für einen Umgang mit Köln gefordert.

@4 Im Zuge der Berichterstattung zu Köln werden einerseits Geflüchtete in Form von Zuschreibungen wie nicht-europäisch, streng religiös, rückständig, sexuell frustriert, gewaltbereit, frauenverachtend u.ä. repräsentiert, wobei insbesondere diejenigen ohne Chance auf Asyl als Täter identifiziert werden. In Abgrenzung von diesem Anderen wird andererseits ein ‚Wir’ mit Merkmalen wie europäisch, aufgeklärt, freiheitlich, säkular, fortschrittlich und geschlechtergerecht konstruiert, dass für den Schutz von ‚weißen, westlichen Frauen’ einzutreten habe.

Davon ausgehend können wir als einen ersten Eindruck zu diesem Aussagezusammenhang festhalten, dass in den teils völlig unterschiedlichen Debatten über Ursachen und Folgen von sowie Lösungen zu Köln im derStandard seitens Akteuren der Polizei, Medien, Politik oder Wissenschaft durchweg der Bezug auf eine dominante Konstruktion von Geflüchteten als jung, muslimisch und männlich genommen werden zu scheint. Besonders spannend erscheint uns einerseits, dass durch diese spezifische Repräsentation von ‚Flüchtlingen’ über ‚Köln’ diskutiert werden kann, obwohl die Vorgänge in der Silvesternacht selbst unsichtbar bleiben, und andererseits, dass der Begriff ‚Köln’ zu einem Symbol wird, wie ‚9/11’ für islamistischen Terror. Weiterführend wollen wir daher das (Feind)Bild des ‚jungen, männlichen, muslimischen Flüchtlings’ verstehen. Dies auszuarbeiten gilt es in einem nächsten Schritt, für den wir zurück in das Material gehen und spezifische Artikel feiner analysieren werden. Um ein genaueres Bild zum Diskurs über ‚Flüchtlinge’ zu zeichnen, könnte das Ergebnis für einen längeren Zeitraum und im Kontrast zu einer deutschen oder österreichischen Tageszeitung (Die Krone) analysiert werden.


Ihr findet die Thematik interessant? Weitere Artikel zu unserer Semesterfrage „Wie verändert Migration Europa?“ könnt ihr hier nachlesen.



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