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Hagia Sophia: Kirche, Museum, Moschee, Symbol von Lorenz Hörmann
am 17. August 2020
ungefähr 4 Minuten
Kategorien: Forschung

Hagia Sophia: Kirche, Museum, Moschee, Symbol

Lorenz Hörmann studiert Religionswissenschaft und Turkologie an der Universität Wien und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche. Im Blogbeitrag erklärt er die historischen Hintergründe der Hagia Sophia in Istanbul, die im Juli (wieder) in eine Moschee umgewandelt wurde.

Der 24. Juli: Überzeugte Kemalisten in der Türkei wissen auch heute noch ganz genau, dass an dem Tag 1923 der Friedensvertrag von Lausanne unterschrieben wurde, ein wichtiger Meilenstein für die Gründung der türkischen Republik. Laut Atatürks Worten: „ein politischer Sieg, wie ihn das Osmanische Reich in seiner gesamten 624-jährigen Geschichte nicht aufweisen kann“. In den Anfangsjahren der türkischen Republik ist es ein wichtiger Gedenktag und Teil des neu zu etablierenden kemalistisch historischen Narratives. Erst mit dem Machtverlust der Kemalisten 1950 verliert dieser Tag seine Bedeutung, wird verboten und gerät langsam in Vergessenheit.

Nun soll gerade an diesem Tag die erneute Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee vollzogen werden. Zufall? Wohl eher nicht. Viel mehr verdeutlicht diese Nuance, dass die „Causa“ Hagia Sophia nur eine kleine, wenn auch symbolisch wichtige, Auseinandersetzung der Türkei Atatürks gegen die Türkei Erdoğans, der laizistischen gegen die religiös ausgerichtete Türkei, der kemalistischen gegen die neoosmanistische Türkei, der alten („eski Türkiye“) gegen die neue Türkei („yeni Türkiye“) ist.

Die Rolle der Orthodoxen Kirche

Es geht in der Auseinandersetzung um die Hagia Sophia aus türkisch innenpolitischer Perspektive viel mehr um das Rückgängigmachen einer von Atatürk angeordneten Umwandlung einer Moschee in ein Museum und nur sehr zweitrangig um die Umwandlung einer Kirche (als welche die Hagia Sophia schon seit 1453 nicht mehr genutzt werden kann) in eine Moschee.

Es scheint klar, dass sie nicht primär ein Schlag gegen die Christen in der Türkei, sondern vielmehr gegen das kemalistische Narrativ und daher eine Konsolidierung des neoosmanischen Narrativs ist. Freilich ist die Orthodoxe Kirche unbeteiligte Betroffene und Leidtragende zwischen diesen zwei Fronten. Denn die Hagia Sophia ist eben nicht nur ein Teil des „Schlachtfeldes“ im Kampf der zwei Narrative, welche die Türkei seit ihrer Gründung prägen, sondern hat in ihrer ursprünglichen Form eine große Bedeutung in der Orthodoxen Liturgie und ihrer spirituellen Deutung. So bezieht sich die bekannte Deutung der Liturgie von Maximos dem Bekenner (†662), welche als eine der wichtigsten überhaupt gilt, direkt auch auf das Kirchengebäude der Hagia Sophia. Patriarch Germanos I. († etwa 730) bezeichnet die Kirche als „Himmel auf Erden“.

Die Deutung der Liturgie ist aber nichts rein Historisches, nicht etwas rein in der Vergangenheit Gebliebenes, sondern hat bis heute ihre Auswirkung. Deutlich wurde mir dies vor einigen Monaten, als ein Erzbischof und hochrangiges Mitglied der Heiligen Synode des Patriarchats von Konstantinopel am Ende der Liturgie zu mir meinte: „Weißt du wer die Megali Ekklesia (große Kirche) ist, die immer im Schlussgebet vorkommt? Das ist die Hagia Sophia, wir und die gesamte orthodoxe Kirche betet in jeder Liturgie, jeden Tag darum, wieder in der Hagia Sophia die göttliche Liturgie feiern zu können“. Aus einer spirituellen Sicht ist also die Umwandlung der Megali Ekklesia in eine Moschee ein schmerzhafter Stoß für die Orthodoxe Kirche.

Rückbesinnung auf das osmanische Reich

Andererseits ist die Rückwandlung der Hagia Sophia, wie eben aufgezeigt, ein Produkt der Rückbesinnung der Türkei auf das Osmanische Reich und ihrer innen- und außenpolitischen Konsequenzen. In Bezug auf die Hagia Sophia kommt in besonderer Weise eine Rückbesinnung auf „Mehmed den Eroberer“, welcher selbst dem ersten muslimischen Gebet 1453 in der Hagia Sophia vorgestanden haben soll, hinzu. Diese Rückbesinnung ist für den Status und die Situation der Orthodoxen Kirche zunächst gar nicht schlecht. Schließlich gilt „Mehmed der Eroberer“ im türkischen Narrativ als besonders tolerant gegenüber Christen und Juden. Sein Mosaik schmückt sogar an prominenter Stelle den Eingang des Patriarchal-Palastes der griechisch-Orthodoxen Kirche in Istanbul.

Überhaupt hat die Rückbesinnung auf das osmanische Reich seit dem Wahlsieg der AKP 2002 die Lage der anerkannten religiösen Minderheiten (aber auch der nicht anerkannten christlichen Minderheiten) deutlich verbessert. Die simple Formel, Erdoğan sei als islamischer Politiker schlecht für die Christen, welche allzu oft von gewissen europäischen Medien und populistischen Politikern herangezogen wird, greift einfach zu kurz.

Zwischen all den kritischen Stimmen zur Umwandlung des Status der Hagia Sophia in eine Moschee konnte man aber zum Teil auch unter den Christen in Istanbul leicht positive Meinungen hören. Schließlich sei es besser, dass in der Hagia Sophia muslimischer Gottesdienst möglich ist als dass gar nicht gebetet wird, denn schlussendlich ist es doch der eine Gott, der angebetet wird.


Lorenz Hörmann

Lorenz Hörmann schreibt seine Dissertation über die Türkisch-Orthodoxe Kirche an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Im Juli 2020 erhielt er ein Marietta Blau-Stipendium (gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF), um in Istanbul an der Unabhängigen Türkisch-Orthodoxen-Kirche zu forschen. Zudem betreibt er ein Masterstudium in der Turkologie.


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