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home-teaching diaries #2: Gedanken eines Lehrenden am 1. April 2020
ungefähr 6 Minuten
Themen: Lehre

home-teaching diaries #2: Gedanken eines Lehrenden

Eine kritische Reflexion zwischen Online-Seminaren und E-Mail-Sprechstunde: Philipp Langer vom Institut für Bildungswissenschaften hält seit der Umstellung des Lehrbetriebes auf home-learning seine Gedanken in Tagebuchform fest. Zum ersten Teil der home-teaching diaries.

Wien, 15 April 2020: Nach wie vor experimentiere ich mit diversen home-learning-Formaten mit unterschiedlichem Erfolg, von klassischen Austauschforen über Podcasts, Zoom-Konferenzen und Video-PowerPointPräsentationen (Anm. d. Red.: Der Zentrale Informatikdienst (ZID) der Universität Wien stellt eine Reihe an Videokonferenz- und Teamchatsystemen zur Verfügung. Die Nutzung des Videokonferenzsystems ZOOM wird nicht empfohlen.). Nach wie vor ringe ich mit der Frage, welche mediendidaktischen Ansätze den Anliegen meiner Kurse entsprechen könnten; und nach wie vor empfinde ich bei aller Faszination über die bisher ungenutzten Möglichkeiten und vielversprechenden Lerneffekten, die mir von Kolleg*innen vermittelt werden und die ich auch selbst wahrnehme, ein gewisses Unbehagen. Da sich dieses Unbehagen nicht einfach auf einen Punkt bringen lässt, mache ich mal drei draus.

Dass ich mich, erstens, mitunter mit der digitalisierten Lehre in diesem Semester überfordert fühle und nicht immer das Gefühl habe, den eigenen Ansprüchen an eine gute Lehre vollauf zu genügen, ließe sich noch als mein individuelles Problem verstehen. An dies Grenzen meiner kommunikativen Ressourcen gelange ich allein schon durch die Benachrichtigungen über neue Einträge in den unzähligen Moodle-Kursen und Einzelforen, in denen ich bin und die ich gebracht wurde und die ich auch für meine Seminare selbst aufgesetzt habe. Ich komme mit dem Lesen kaum hinterher, wenn ich dann mit einem eigenen Post reagieren möchte und zu schreiben ansetze, ist bereits ein weiteres Dutzend eingegangen, die ich vorher doch noch lesen sollte. Hartmut Rosa hat soziale Beschleunigung ja so schön als paradoxe Effekte der technologischen analysiert. Auch die Zahl der E-Mails nimmt natürlich zu, wenn ein persönliches Gespräch nach der Sitzung im Seminar oder in der Sprechstunde nicht mehr möglich ist. Vom Zoom-Konferenz-Overkill mal ganz zu schweigen. Bei mehr als zwei am Tag habe ich das, was ein Kollege kürzlich so schön als „Matschbirne“ bezeichnet hat. Da ist die „Angst zu versagen oder gar nutzlos zu sein“, wie ein Artikel von Rolf Haubl so pointiert eine psychosoziale Folge neoliberaler Anforderungen ans Subjekt zusammenfasst, nicht weit. Zumal es sich im kollegialen Erfahrungsaustausch so einfach liest und anhört, die perfekte Zoom-Lecture zu halten. Machen das jetzt nicht alle?! Was aber, wenn das nicht so einfach gelingen mag? Das Home Office als mediendidaktisches Selbstoptimierungscamp.

Ein zweites Unbehagen nehme ich indes ernst. Inwieweit stellt home-learning nicht nur das dar, was euphemistisch so gern als Herausforderung benannt wird, sondern auch und gerade für sie eine krasse Überforderung. Corona, sagt man, gehe jeden in gleicher Weise was an, betreffe jeden unterschiedslos, fast demokratisch, möchte man sagen, aber das stimmt ja nur sehr bedingt: In der aktuellen Situation des Shutdowns verschärfen sich soziale Ungleichheiten. Die meisten Studierenden mögen einen passablen Internet-Zugang zuhause haben, aber nicht alle können diesen unter den aktuellen Umständen zu den etwa für eine Online-Video-Lecture bestimmte Zeiten und in einigermaßen ruhigen Räumen nutzen, wenn sich eine größere Familie nicht nur eine kleine Wohnung, sondern auch den Laptop teilt, wenn das Kind gerade einfach nicht einsehen möchte, dass Vater oder Mutter 90 Minuten konzentriert auf den Bildschirm starren. Und nicht alle wollen das Private ins virtuell produzierte Öffentliche tragen, aus gutem Grund und mit ebenso gutem Recht. Für viele Studierende mag die universitäre Lehre gerade auch nicht das Wichtigste im Leben sein angesichts von Ängsten bezüglich ihrer Gesundheit oder der Gesundheit der Menschen, die ihnen nah sind, angesichts des Wegfalls von lebensnotwendigen Einkünften, angesichts des Sorgens um andere in ihrem sozialen Umfeld. Andererseits: Vielen kann es schon eine ungeheure Hilfe sein, wenn wir ihnen über zeitlich fest getaktete regelmäßige Online-Kurse, mit oder ohne Bild oder Ton, eine Struktur bieten, ihnen durch die festgelegten Rhythmen und nun virtuellen Orten das Gefühl von Sicherheit vermitteln, die Illusion von Normalität aufrechterhalten, soweit dies eben möglich ist. Wir sollten das nicht unterschätzen. Hier wird eine online gehaltene Vorlesung zu weit mehr als nur einer technisch und vielleicht didaktisch etwas anders aufgesetzten Lehreinheit, trägt wesentlich zur individuellen und sozialen Verortung bei. Welche Balance ist hier sinnvoll?

Ein dritter Punkt. Ich habe den Eindruck, dass einige Themen und Lehrformate eine physische Präsenz und eine Begegnung im konkreten Seminarraum mit der daraus sich speisenden, mitunter unbewussten Interaktionsdynamik geradezu erfordern. Roland Barthes hat einmal vom Seminar als einer „subtle topology of corporeal relation“ gesprochen, eines “web of amorous relations”. Insofern es um das Begehren des Textes gehe, sei das Seminar immer auch ein “space of disapointment”: “no knowledge is transmitted (but a knowledge can be created), no discourse is sustained (but a text is sought)… Either someone works, seeks, produces, gathers, writes in the other’s presence; or else all incite each other, call to each other, put into circulation the object to be produced, the procedure to compose, which thus passes from hand to hand, suspended from the thread of desire like the ring in round games.” (An das Seminar, S. 337) Wäre es möglich, dies im virtuellen Zusammenkommen in Szene zu setzen? Kann der Raum der Begegnung und des Gesprächs, der für den Menschen als Homo Dialogicus, wie Buber ihn nennt, unverzichtbar ist, einfach so ins Virtuelle verschoben werden, transformiert werden in diesen vielfach vermittelten, hoch fragilen Resonanzraum?

Das sind alles keine Argumente gegen e-learning im Allgemeinen und bestimmte Formate online- und videobasierter Lehre im Besonderen. Vielmehr sind diese Überlegungen Ausdruck meines eigenen Ringens um eine der Situation angemessenen Lehre und zugleich ein Anliegen, das, was wir uns von Studierenden doch immer wünschen, ernst zu nehmen, gerade für die Zeit „danach“: eine kritische Reflexion der eigenen Praxis.

Philipp Langer
Philipp Langer (© IPU Berlin / Fabian Eggert)

Phil C. Langer ist seit März 2020 als Gastprofessor für Sozialpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien tätig. An der International Psychoanalytic University Berlin hat er eine Professur für Sozialpsychologie und Sozialpsychiatrie inne. Er forscht u.a. zu Erfahrungen von Gewalt in Konflikt- und Kriegskontexten sowie zu psychosozialen Folgen von Migration und Flucht. Seit der Corona-Krise schreibt er seine Gedanken in Tagebuchform auf, zur Langversion geht es hier (PDF).



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