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Uni Leben
von Theresa Haller
am 11. Oktober 2019
ungefähr 6 Minuten
Themen: Diversität , LGBTIQ , Queer

Queer gebloggt: Raus aus Schrödingers Box

Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen? Gar nicht wahr, meint Theresa Haller. Das Schweigen über LGBTIQ* wird leicht selbst zum Problem. Als Teil eines Kollektivs hat Theresa Haller die Vernetzungsgruppe u:queer ins Leben gerufen, um Tabus am Arbeitsplatz aufzubrechen und die Bedürfnisse von LGBTIQ* Menschen an der Universität Wien sichtbar zu machen.

Die Geburtsstunde von u:queer - Theresa Haller stellt im PrideVillage zum ersten mal die soeben gegründete LGBTIQ* Vernetzungsgruppe vor.
Die Geburtsstunde von u:queer – Theresa Haller stellt im PrideVillage zum ersten mal die soeben gegründete LGBTIQ* Vernetzungsgruppe vor.

Ich bin Physikerin, ich bin Lehrende – und ich bin lesbisch. „Kein Thema“ bekomme ich zur Antwort, wenn ich mich an meinem Arbeitsplatz oute. „Vor allem an der Uni spielt das doch gar keine Rolle, du musst dich also überhaupt nicht outen“, wird mir erklärt. „Kein Thema“ kann aber auch bedeuten, dass das Thema eben kein Thema ist – also nicht besprochen, nicht gesehen, nicht mitgedacht wird, und im schlimmsten Fall vielleicht auch gar kein Thema sein darf.

Vermeintlich ist das Thema sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität ein persönliches und hat daher am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Und heutzutage, wo gleichgeschlechtliche Paare heiraten und Menschen ihr Geschlecht ändern dürfen und ohnehin alle „viel toleranter sind, als noch vor zwanzig Jahren“, in so einer Zeit muss man über dieses Thema doch auch wirklich kein Aufheben mehr machen.

Aber ist das wirklich so? Eine Studie der Arbeiterkammer Wien über LGBTIQ* am Arbeitsplatz entlarvt diese Überlegung als reine Fiktion: Heterosexismus und Heteronormativität sind an vielen Arbeitsplätzen der Normalzustand. Das bedeutet nichts anderes, als dass es für Menschen, die in diese Norm fallen, ein leichtes ist, zwanglos vom Wochenende, den Kindern, dem oder der Partner*in oder von Familienfeiern zu erzählen. Indirekt geben sie also ununterbrochen Informationen über ihre (hetero)sexuelle Orientierung und ihre Geschlechtsidentität preis. Für Menschen, die nicht in diese Norm fallen, bedeutet ein harmloser Smalltalk in der Kaffeepause über dieselben Themen aber oft entweder ein Outing oder wird zum äußerst komplexen Spießrutenlauf, in dem gewisse Lebensbereiche ausgespart oder verdreht werden müssen.

Regenbogentreppe der Uni Wien im Zuge der Europride 2019
Die Uni Wien während der Europride 2019. Dass auch hinter der bunten Fassade und nicht nur im Pride Month LGBTIQ* Themen auf den Tisch kommen, dafür setzt sich u:queer, die Vernetzungsgruppe für LGBTIQ* Mitarbeiter*innen, ein.

In the Box – Schrödingers Outing

Die Entscheidung, wie offen über dieses Thema gesprochen wird, fällt oft nicht leicht: Nach wie vor verheimlicht österreichweit ungefähr jede*r fünfte LGBTIQ*- Angestellte die sexuelle Orientierung und/oder Geschlechtsidentität am Arbeitsplatz. Spezifische Zahlen zu Universitäten und insbesondere der Uni Wien gibt es bislang nicht. Das Komplizierte an der ganzen Sache ist: Selbst, wenn das Umfeld dem Thema gegenüber positiv eingestellt wäre, so kann man dies vor dem Outing oft gar nicht wissen. Im Grunde befindet sich  daher jede ungeoutete LGBTIQ* Person wie Schrödingers Katze in einer verschlossenen Box: Es mag sein, dass das Umfeld positiv auf das Outing reagieren würde, es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. Solange das Umfeld über das Thema nicht spricht, sind prinzipiell beide Möglichkeiten vorhanden, genau wie in Schrödingers Gedankenspiel, wo sich erst beim Öffnen der Box manifestiert, ob die Katze durch ein Quantenexperiment umkommt, oder nicht. Ob das Outing positiv aufgenommen wird, oder ob die Gesprächspartner*innen peinlich berührt sind, ob die Person schief angeschaut oder gar gemobbt wird, entscheidet sich letztendlich – wie bei der vielzitierten Katze – erst in dem Augenblick, in dem die Box geöffnet wird.

Das Problem, das „kein Problem“ ist

Die Reaktionen auf das Öffnen der Box können bisweilen recht skurril sein. Selbst in einem an sich toleranten Umfeld scheint es manchmal doch noch Aufklärungsbedarf zu geben.
Schwul und lesbisch – eh klar, kennt jeder: „Haben wir kein Problem damit. Musst auch nicht darüber reden.“ Bei genauerem Nachfragen aber tragen schwule Männer anscheinend immer Handtaschen, sind alle Einradfahrerinnen lesbisch und ist in gleichgeschlechtlichen Beziehungen immer eine*r „der Mann“ und eine*r „die Frau“.

Weniger präsent sind andere nicht-heterosexuelle Orientierungen wie z.B. Bi- oder Pansexualität. Und wenn es um Intersexualität, Transidentität oder nicht-binäre Geschlechtsidentitäten geht, ist die Informationslage oft eher bescheiden. Kein Wunder, die gesamte Thematik ist ja auch wirklich komplex. Das Spektrum von LGBTIQ* ist breit und vielfältig. Und so sind auch die Hürden, die LGBTIQ* Menschen erleben, ganz unterschiedlich. Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem biologischen Geschlecht nicht zusammenfällt oder die sich keinem von zwei Geschlechtern zuordnen können oder wollen, kämpfen teilweise mit anderen Problemen, als Menschen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung. Allen gemeinsam aber ist, dass das Schweigen über dieses Thema – weil es angeblich „kein Problem“ oder etwas Persönliches ist – schnell ein Teil des Problems wird. Tabus werden aufrechterhalten und die Beschäftigung mit den wirklichen Bedürfnissen von LGBTIQ* Menschen wird verhindert.

📌 LGBTIQ* steht für „Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Inter und Queer“. Der Stern steht symbolisch für alle zusätzlichen Geschlechtsidentitäten oder sexuellen Orientierungen bzw. die Zwischen- und Übergangsformen des ganzen queeren Spektrums. Der Begriff „queer“ wird oft als Überbegriff für alle Menschen verwendet, die sich als nicht heterosexuell und/oder nicht cis-geschlechtlich identifizieren.

 

Ein lesbisches Ehepaar
Queere Forschung sichtbar machen: Das Siegerbild des Fotowettberwerbs „Meine Forschung in einem Bild 2019“ von Magdalena Siegl mit dem Titel „She keeps me warm“.

Was tun? u:queer!

Um die vielfältigen Hürden gemeinsam zu bewältigen, wurde im Juni 2019 die Vernetzungsgruppe u:queer gegründet. Gerichtet an alle Mitarbeiter*innen der Uni Wien – vom allgemeinen bis zum wissenschaftlichen Personal, vom Studienassistenten bis zur Professorin. Gemeinsam wollen wir LGBTIQ*-Themen sichtbar machen und – wo möglich – auch Role Models sein. Wir wollen die Universität Wien in ihrer gesetzlich vorgegebenen Aufgabe, Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen, unterstützen und – wo nötig – Nachbesserungsbedarf aufzeigen.

Vernetzung und Unterstützung im universitären Kontext sind vielfältig: Etwa im Rahmen einer queeren Gruppe, durch das Ansprechen von LGBTIQ*-relevanten Themen oder durch schnelles Handeln bei Bekanntwerden von Diskriminierungsfällen. Vor allem aber auch durch den offenen Umgang der Mitarbeitenden untereinander: Ein klares und sichtbares Farbebekennen von Kolleg*innen und Vorgesetzten, ein Aufstehen gegen unangebrachte Kommentare und eine respektvolle Haltung gegenüber den Schwierigkeiten von LGBTIQ* Personen helfen ungemein. Denn sich in einer Box zu befinden und nicht zu wissen, wie das Experiment beim Öffnen derselben ausgehen wird, ist weder für Katzen noch für Menschen gut.

📌 u:queer, die Vernetzungsgruppe für LGBTIQ* MitarbeiterInnen der Uni Wien, lädt zum ersten Stammtischtreffen ein:
Wann: 29. Oktober 2019, ab 19.00
Wo: Weltcafé, Schwarzspanierstraße 15, 1090 Wien
Weitere Infos auf queer.univie.ac.at

📌 Vernetzung für Studierende: queer Referat


Theresa Haller

Theresa Haller ist Doktorandin an der Uni Wien und erforscht im Rahmen ihrer Dissertation im Bereich Aerosol- und Umweltphysik Strukturänderungen von schwarzem und braunem Kohlenstoff während thermischen Behandlungen. Im Juni 2018 hat sie zum ersten Mal die Uni Wien auf der Regenbogenparade vertreten und sich seitdem für die Gründung einer queeren Gruppe stark gemacht.



Erzähl‘ uns deine Geschichte!

Erzähl‘ uns deine Geschichte! Die Wege durchs Studium sind vielfältig, besonders an der Uni Wien. Aber wem sagen wir das?! Wir finden, diese Wege gehören aufgezeigt und suchen dafür deine persönliche Geschichte, die Banalitäten des Alltäglichen, die Besonderheiten jeder einzelnen Person, die das Zusammenleben an der Uni ausmachen und es prägen. Studierst du deinen Master … Continued

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