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Forschung
von Johanna Urban
am 29. März 2019
ungefähr 7 Minuten
Themen: Fake News , Forschende , Forschung , LehrerInnenbildung , Social Media

Warum wir „Fake News“ in der Schule zum Thema machen

(Digitale) Zivilcourage und die Auseinandersetzung mit „Fake News“ spielen für Johanna Urban vom Zentrum für LehrerInnenbildung der Uni Wien eine besonders große Rolle. Mit ihrer Beteiligung an dem Projekt „Digital Resistance“ möchte sie die digitalen Kompetenzen junger Menschen fördern.

Johanna Urban studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung am Zentrum für LehrerInnenbildung. Dort betreut sie im Moment das Projekt „Digital Resistance“. Zudem ist sie seit mehreren Jahren als Trainerin zu (digitaler) Zivilcourage und Hass im Netz für den Verein ZARA Training tätig.

Sujet Projekt Digital Resistance
Digital Resistance

Seit Frühling 2018 ist der Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung am Zentrum für LehrerInnenbildung an der Uni Wien an der Umsetzung des Projektes beteiligt, das von Europarat und EU Kommission im Rahmen der Schiene DISCO gefördert wird. Als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin koordiniere ich die Zusammenarbeit mit unseren Projektpartner*innen in vier weiteren Ländern (Deutschland, Griechenland, Italien, Rumänien) und mit unseren zwei Partnerschulen (GRG17 Geblergasse Wien, Gymnasium Werndlpark Steyr).

Für mich ist die Mitarbeit in diesem Projekt eine besondere Erfahrung, weil ich mich sowohl privat als auch beruflich seit mehreren Jahren mit Themen wie Hass im Netz oder „Fake News“ beschäftige. Ich sehe darin ein massives demokratiepolitisches Problem mit großem Handlungs- und Sensibilisierungsbedarf. Während politische Akteur*innen und Unternehmen zaghaft Lösungsvorschläge diskutieren, macht sich gesellschaftlich ein Gefühl der Ohnmacht breit – viele Menschen wissen nicht, was sie persönlich gegen diese Entwicklungen unternehmen können. In diesem Kontext spielt die Schule als Ort des Erprobens und der Vermittlung für mich eine besonders wichtige Rolle.

Denn entgegen anderer Vermutungen, die manch eine*r hegen könnte, steht DISCO für „Democratic and Inclusive School Culture in Operation“. Gemeinsam mit Schüler*innen und Lehrer*innen beschäftigen wir uns mit „Fake News“ und erkunden, wie dieses Thema auf spannende Art und Weise im Unterricht Platz finden kann. Das ist eine Herausforderung, da wir es – auch wenn Falschmeldungen schon viel länger existieren, wie ein Blick in die Geschichte zeigt – mit einem sehr schnelllebigen Thema zu tun haben. Die Aktualität macht die Auseinandersetzung mit „Fake News“ gleichzeitig für alle Beteiligten äußerst spannend.

📌 Am 2. April findet zum wiederholten Mal der „International Fact Checking Day“ statt. Dieser wurde vom Poynter Institute gemeinsam mit anderen Fact-Checking Organisationen ins Leben gerufen, um auf die Relevanz der Faktenüberprüfung aufmerksam zu machen. Fact-Checking beschäftigt uns auch im Projekt „Digital Resistance“.

„Fake News“ – ein umkämpfter Begriff

Doch was meinen wir überhaupt, wenn wir von „Fake News“ sprechen? Viele Jugendliche, aber auch Erwachsene denken im ersten Moment an den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der den Begriff immer wieder als rhetorisches Mittel einsetzt, um die Berichterstattung professioneller Medienunternehmen zu diskreditieren (vgl. z.B. Sugars 2019). Eine Strategie, die auch von anderen Politiker*innen weltweit aufgegriffen wird (vgl. z.B. Wardle/Derakhshan 2017, S. 16). Gleichzeitig meinen wir mit „Fake News“ gezielt verbreitete Falschinformationen, die oftmals in Verbindung mit kontrovers diskutierten Themen (Stichwort Migration, Impfungen, etc.) in Erscheinung treten. Wie man es dreht und wendet, wir haben es jedenfalls mit einem für unsere Demokratie sehr wichtigen Thema zu tun:

Es geht um die Frage, wie wir als mündige Bürger*innen am öffentlichen Diskurs teilhaben, wie wir uns informieren, um (Grenzen der) Meinungsfreiheit, um Pressefreiheit, um Diskriminierung, um Manipulation und vieles mehr. Daraus ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Schule.
Dass Lehrer*innen und Schüler*innen dies ähnlich sehen, schlägt sich in unserem Projekt nieder. Die angebotenen Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer*innen stießen auf reges Interesse. Die Teilnehmer*innen konnten ihr Wissen zum Thema vertiefen, ihr eigenes Informationsverhalten reflektieren und Unterrichtsbeispiele kennenlernen. Seit einigen Monaten sind außerdem Schüler*innen unserer Partnerschulen ins Projekt eingebunden.

SchülerInnen thematisieren im Unterricht Fake News
SchülerInnen im Unterricht

Soziale Medien als Infokanal

Wir informieren uns zunehmend hauptsächlich online und greifen dabei oft direkt über soziale Medien auf Informationen zu. Im Jahr 2016 führte das Institut für Jugendkulturforschung im Auftrag von Saferinternet.at eine Befragung mit 400 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren durch. Daraus ging hervor, dass sechs von zehn Jugendlichen neben dem Fernsehen v.a. über soziale Medien Informationen zu den wichtigsten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ereignissen einholen. Gleich danach wurde Youtube – hier nicht als soziales Netzwerk eingeordnet – als Informationsquelle genannt, in etwa gleichauf mit Radio, Tageszeitungen und Magazinen. Bemerkenswert dabei ist:

 

Nur zehn Prozent der Jugendlichen stufen diese Informationsquellen als vertrauenswürdig ein und 71 Prozent sind der Ansicht, dass Lehrer*innen Kindern und Jugendlichen beibringen sollten, wie sie Quellenchecks durchführen können (vgl. Institut f. Jugendkulturforschung 2016).

Forschendes Lernen und Medien(produktions)kompetenz im Fokus

Mikrofon
SchülerInnen setzen sich fächerübergreifend mit selbst gewählten Themen auseinander.

Gesagt, getan: Dem Ansatz des forschenden Lernens folgend, setzen sich Schüler*innen unserer Partnerschulen seit einigen Monaten fächerübergreifend mit selbst gewählten Themen auseinander. Es geht dabei u.a. um Verschwörungstheorien, um „Fake News“ in der Geschichte, um Merkmale und Auswirkungen von Falschmeldungen, um audiovisuelle Manipulation wie sogenannte „Deep Fakes“ oder um konkrete Beispiele wie jenem des Journalisten Richard Gutjahr. Die Ergebnisse der Recherchen sind der Ausgangspunkt für die Entwicklung medialer Outputs, die von den Jugendlichen erstellt werden. Unterstützt werden sie dabei von ihren Lehrer*innen, dem Projektteam der Uni Wien, sowie externen Expert*innen. Die erste Folge des Podcasts kann bereits über die Website des Gymnasiums Werndlpark abgerufen werden, laufend werden neue Folgen hinzukommen. Durch diese Herangehensweise lernen die Jugendlichen nicht nur, wie Informationen überprüft werden können, sondern reflektieren darüber hinaus den Prozess der Entstehung von Informationsquellen und die damit einhergehende gesellschaftliche Verantwortung.

Peer-Activities

Unser Projekt läuft noch bis Ende Oktober. Bis dahin werden die Schüler*innen ihr erarbeitetes Wissen mithilfe ihrer selbst erstellten Outputs an andere Jugendliche weitergeben. Geplant ist u.a. ein Aktionstag zum Thema „Fake News“ in Oberösterreich.

Die produktive Zusammenarbeit zwischen Uni und Schule, sowie das positive Feedback aller Beteiligten zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Falschmeldungen ein guter Ansatzpunkt ist, um Medienkompetenz und politische Kompetenzen zu stärken und damit demokratische Partizipation – jenseits von Algorithmen und Echokammern – zu fördern.

Das Projekt kann über die Website des Arbeitsbereichs weiterverfolgt werden. Dort steht auch eine kommentierte Linkliste mit Hinweisen auf zahlreiche Unterrichtsmaterialien zum Download bereit. Für (zukünftige) Lehrer*innen erarbeiten wir im Moment außerdem ein Handbuch für den Unterricht, das ebenso kostenlos zur Verfügung stehen wird.

Institut für Jugendkulturforschung (2016): „Gerüchte im Web“. Key Outcomes. Online verfügbar unter https://www.saferinternet.at/fileadmin/redakteure/Footer/Presse/Zusammenfassung_Studie_Geruechte_im_Web.pdf (zuletzt aufgerufen am 11.03.2019)

Sugars, Stephanie (2019): From fake news to enemy of the people: An anatomy of Trump´s tweets. Committee to protect journalists. Online verfügbar unter https://cpj.org/blog/2019/01/trump-twitter-press-fake-news-enemy-people.php (zuletzt aufgerufen am 11.03.2019)

Wardle, Claire/Derakhshan, Hossein (2017): Information Disorder: Toward an interdisciplinary framework for research and policy making. Strasbourg: Council of Europe. Online verfügbar unter https://www.coe.int/en/web/freedom-expression/information-disorder (zuletzt aufgerufen am 11.03.2019)


Johanna Urban

Johanna Urban studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung am Zentrum für LehrerInnenbildung. Dort betreut sie im Moment das Projekt „Digital Resistance“. Zudem ist sie seit mehreren Jahren als Trainerin zu (digitaler) Zivilcourage und Hass im Netz für den Verein ZARA Training tätig.
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