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Studium
Klimaaktivismus als theatrale Inszenierung von Carmen Sippl
am 21. Juni 2021
ungefähr 4 Minuten
Themen: Schreiben , Semesterfrage

Klimaaktivismus als theatrale Inszenierung

Welche Wirkung entfalten Katastrophenfilme in der Klimakommunikation? Wie nehmen Influencer*innen in Sachen Klimaaktivismus Einfluss? Die Schreibwerkstatt zur Bachelorarbeit am Institut für Theater-, Film-, Medienwissenschaft der Universität Wien unter der Leitung von Carmen Sippl hat sich die aktuelle Semesterfrage „Was machen wir Menschen mit der Erde?“ zum Anlass genommen, um fachspezifische Zugänge dazu zu erkunden.

Am Beginn jedes Schreibprozesses steht die Suche nach einem geeigneten Thema. So trivial das zunächst klingen mag – diese Suche erweist sich für ein Schreibprojekt wie die Bachelorarbeit als herausfordernd: denn sie verlangt nach Orientierung im weiten Feld der theater-, film-, medienwissenschaftlichen Theorien und Konzepte, zur Festlegung auf bestimmte Artefakte als Untersuchungsgegenstand, zur Auslotung der geeigneten Methodik.

Was machen wir Menschen mit der Erde?

Die aktuelle Semesterfrage dreht sich um das Anthropozän: Der geologische Fachbegriff beschreibt das Erdzeitalter, in dem der Mensch durch sein Eingreifen in das Erdsystem zum geologischen Faktor geworden ist. Er ist aber auch ein kulturelles Konzept, das dieses Menschenbild und seine Wirkweisen hinterfragt. Im Rahmen der Geistes- und Kulturwissenschaften, die sich als „Environmental Humanities“ angesichts der Herausforderung durch den Klimawandel neu formiert haben, eröffnet die Frage nach dem „Human Impact“, wie ihn z.B. der Filmemacher Edward Burtynsky in eindrucksvollen Bildern darstellt, auch forschende Zugänge für die Theater-, Film-, Medienwissenschaft.

Forscher*innen versuchen im Rahmen der aktuellen Semesterfrage mit Interviews, Videos und Blogbeiträgen Fragen rund um das Anthropozän zu finden und Antworten aus der Wissenschaft zu geben. Alle Beiträge gibt es im uni:view Magazin sowie auf den Social Media-Kanälen unter #SEMESTERFRAGE. 

Ökologischer Fußabdruck von Film und Theater

Die Studierenden in der Schreibwerkstatt unter der Leitung von Carmen Sippl haben die Herausforderung angenommen und konkrete Forschungsfragen aus der Sicht ihrer Disziplin entwickelt, mit Blick auf mediale Praktiken, Prozesse inszenierter Wahrnehmung, die Rolle von Visualisierungen in der Klimakommunikation. Auf der materialen Seite galt die Auseinandersetzung etwa der Frage nach der Bedeutung von Nachhaltigkeit bei Film- und Theaterproduktionen: Wie sieht deren ökologischer Fußabdruck aus? Lassen sich Filme, Theateraufführungen oder Medien klimafreundlich herstellen? Dabei wurde das Augenmerk auch auf den Widerspruch zwischen klimaaktivistischen Inhalten und deren Produktion – etwa in den Filmen von James Cameron oder Leonardo di Caprio – zum Thema gemacht.

Der Filmemacher Edward Burtynsky macht in seinem „Anthropocene Project“ den menschlichen Einfluss auf den Planeten Erde sichtbar. Wie ihm das im Zusammenspiel von Bildauswahl, Szenenfolge, Erzählstimmen, Musik gelingt, kann mithilfe einer Filmanalyse untersucht werden. Doch Inszenierung findet auch im Real Life statt: Welche Tools die FridaysForFuture-Aktion im Rahmen des „Earth Strike“ auf der Wiener Ringstraße nutzte, untersucht zum Beispiel Studentin Marissa Hübel mit einer Inszenierungsanalyse nach der Theatersemiotikerin Erika Fischer-Lichte.

Klimaaktivismus auf der Bühne

Auf der Ebene der Narration näherte sich zum Beispiel Studentin Hanna Berger der aktuellen Semesterfrage. Um zu untersuchen, wie das Thema Umweltschutz 2020 an österreichischen Theatern zur Aufführung kam, verglich sie die Inszenierungen von „Schuld und Söhne“ von Christine Eder (Text) und Eva Jantschitsch (Musik) am Wiener Volkstheater und dem nonverbalen Bewegungstheater „Pinguin Fishing“von Michael Hofkirchner (Regie) des Theater Asou in Graz. Ihr zentrales Forschungsinteresse galt dabei den inszenatorischen Mitteln von auf die Bühne gebrachten Klimastreiks sowie den dargestellten Anthropomorphismen als Embodiment und der Wirkung auf die verschiedenen Zielgruppen – Erwachsene bzw. Kinder – der beiden Theaterstücke.

Szene aus Theaterstück mit Pinguinen
Szene aus „Pinguin Fishing“ am Theater Asou in Graz (c) web asou pinguinfishing by fee 2043

Schreibprojekte für die Zukunft

Die Forschungsfragen fokussierten Repräsentation, Rezeption und inszenierende Verarbeitungen des von der Semesterfrage eröffneten Themenfeldes. Die Bedeutung von apokalyptischen Narrationen im Film zur ökologischen Bewusstseinsbildung stellte dabei einen weiteren Schwerpunkt dar. Begleitet wurden diese Überlegungen von Diskussionen über den Zusammenhang von Hollywood-Produktionen im globalen Norden und den Folgen des Ressourcenraubbaus im globalen Süden. Moralisierenden Tendenzen im Umweltdiskurs wurde dabei mit Forschungsfragen begegnet, die sich der Rolle von Humor in der Klimakommunikation widmeten. Die Semesterfrage „Was machen wir Menschen mit der Erde?“erwies sich als inspirierend für eine Auseinandersetzung in wissenschaftlichen Schreibprojekten aus Sicht der Theater-, Film-, Medienwissenschaft.

👉 Nähere Informationen zu Carmen Sippls Projekt „Das Anthropozän lernen und lehren“ 
👉 Mehr zum Thema Klimaaktivismus: Hier geht’s zum Blogbeitrag „Climate Justice now! Fridays for Future als neuer Akteur in der Klimapolitik“ von univie-Protestforscherin Antje Daniel


Carmen Sippl

Carmen Sippl ist Hochschulprofessorin für Kultursemiotik und Mehrsprachigkeit an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich und Lehrbeauftragte an der Universität Wien. Im Projekt "Das Anthropozän lernen und lehren" (http://anthropozaen.ph-noe.ac.at/) beschäftigt sie sich mit der Rolle der kulturellen Bildung für die Neugestaltung der Mensch-Natur-Beziehung im Anthropozän. Die Philologin hat als Lektorin, Programm- und Verlagsleiterin in der Zusammenarbeit mit Autor*innen und Grafiker*innen zahlreiche Bücher aus der Taufe gehoben. Ihre langjährige Erfahrung mit Schreib- und Publikationsprozessen bringt sie in die Gestaltung von Schreibwerkstätten am Institut für Theater-, Film-, Medienwissenschaft und am Institut für Slawistik der Universität Wien ein, welche die Studierenden prozessorientiert beim Planen, Schreiben und Präsentieren ihrer Schreibprojekte unterstützen.


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