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Forschung
Pflanzen und Tiere müssen wir schützen! von Dr. Barbara-Amina Gereben-Krenn und Univ.-Prof. Dr. Andrea Möller
am 10. Januar 2020
ungefähr 8 Minuten
Themen: Artenschutz , Biologie , Forschung , Semesterfrage

Pflanzen und Tiere müssen wir schützen!

Im Wintersemester wanderte eine Mitmach-Wall zur aktuellen Semesterfrage „Wie schützen wir die Artenvielfalt?“ von Standort zu Standort der Universität Wien. Studierende und Mitarbeiter*innen konnten sich in die aktuell geführte Diskussion um Artenschutz einbringen – und haben es getan. Barbara-Amina Gereben-Krenn und Andrea Möller vom Department für Evolutionsbiologie und Österreichischen Kompetenzzentrum für Didaktik der Biologie (AECC Biologie) kommentieren in ihrem Blogbeitrag die Ergebnisse.

Ob wir wollen oder nicht – die Frage nach Artenschutz ist für die Zukunft der Erde ebenso bedeutungsvoll, wie jene, wie wir schnellstens die Klimaerhitzung bewältigen. Es ist beruhigend, dass viele Studierende und Mitarbeiter*innen einen aktiven Schutz der Natur befürworten – das zeigen die Ergebnisse der Mitmach-Wall zur Semesterfrage deutlich. Dieser muss jetzt schnellstens auf den verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen umgesetzt werden.

Lightframe zur Semesterfrage
Auf der Mitmach-Wall zur Semesterfrage (hier im UZA II) ist ein klarer Trend erkennbar: Wir müssen Pflanzen und Tiere in der Natur schützen! (© Lisa Stift)

Es braucht konkrete Maßnahmen zum Artenschutz:

  • Wieder einmal ist der erste Schritt, dass geltendes Recht und Verträge endlich eingehalten oder realisiert werden, wie etwa die EU-Vorgaben bezüglich Natura 2000 oder die Biodiversitätskonvention.
  • Alle Grundbesitzer*innen, egal welcher Größenordnung, sollten zumindest eine Fläche von 30 Prozent aus der Nutzung nehmen und der Natur überlassen. Zusätzlich müssen schon naturnahe Gebiete weiterhin erhalten bleiben und aktiv ausgeweitet werden.
  • Die intensive Landnutzung muss sich wieder zu einem schonenderen Umgang mit der Natur wandeln: Der Einsatz von Agrochemie muss drastisch in der Land- und Forstwirtschaft gesenkt und der Nutzen in Gärten und Parks gänzlich verboten werden. In der Landschaft muss mehr Umweltheterogenität zum Schutze der Biodiversität geschaffen werden.
  • Das Budget für Naturschutzmaßnahmen gehört massiv erhöht. Vergleicht man etwa Landesbudgets für den Straßenbau und den Naturschutz (dies kann leicht erhoben werden), ist man fassungslos, wie wenig Geld für Naturschutz ausgegeben wird.
  • Österreich beherbergt auf kleiner Fläche – aufgrund der geographischen Lage – eine (noch) relative hohe Artenzahl. Im Vergleich zu anderen Staaten Europas haben wir nur ungenügende Kenntnisse zu Vorkommen, Verbreitung und Häufigkeit vieler Arten. Das Datendefizit zeigt sich auch darin, dass wir gegenwärtig nur von 10.800 der 54.125 für Österreich angegebenen Tierarten eine Gefährdungseinstufung in sogenannten Roten Listen machen können. Die Situation bezüglich Kartierung und Monitoring der verschiedensten Organismengruppen ist unbefriedigend. Es braucht dringend ein „Bundesbiodiversitätsinstitut“ zur Erforschung und Dokumentation der Pflanzen, der Tiere, der Pilze und deren Lebensräume.
  • Naturschutz ist in Österreich mehrheitlich über neun Landes-Naturschutzgesetze geregelt. Viele naturschutzrechtliche Angelegenheiten halten sich aber nicht an Landesgrenzen und werden in den verschiedenen Bundesländern eventuell unterschiedlich gehandhabt. Wir brauchen endlich ein bundesweites Rahmennaturschutzgesetz.
  • Meinen wir es wirklich ernst, müsste jede Entscheidung und Handlung in den nächsten zehn Jahren prioritär unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der Biodiversität und der Klimaerhitzung getroffen werden. Ob diese Priorität gesetzt wird oder nicht, zeigt auf, wie ehrlich wir – wiederum vom einzelnen Individuum über Regierungen bis zur Staatengemeinschaft – es damit nehmen.
Lightframe zur Semesterfrage
„Pflanzen und Tiere in der Natur sollten wir noch besser erforschen“ – mit dieser Meinung stehen #univie Expertinnnen Barbara-Amina Gereben-Krenn und Andrea Möller nicht alleine da. Das zeigen die Ergebnisse der Mitmach-Wall zur Semesterfrage, hier während der UniLeben, Messe für den Studienalltag, im Hauptgebäude der Uni Wien aufgestellt. (© Juliane Mego)
Biologin Barbara-Amina Gereben-Krenn
Biologin Barbara-Amina Gereben-Krenn forscht und lehrt am Department für Evolutionsbiologie. (© Harald Krenn)

Jene wenigen, die im Zuge der Mitmach-Aktion zur Semesterfrage meinten, dass „Pflanzen und Tiere in der Natur egal sind“, haben wohl nicht über die Bedeutung der Natur (auch für den Menschen!) nachgedacht. Vielleicht haben sie sich aber auch nur einen Scherz erlaubt. Wie sehr Natur und die von ihr erbrachten Ökosystemleistungen unsere Lebensgrundlage sind, scheint vielen in unserer hochtechnisierten Lebensweise nicht bewusst zu sein: Natur stellt uns Lebensraum, Nahrung, Energie, Baustoffe oder Medikamente zur Verfügung; Natur ermöglicht uns Inspiration, physische und psychische Erfahrungen und stellt somit eine eminente Bedeutung für unsere Kultur dar. Aber abgesehen davon, besitzt Natur einen Eigenwert, der aus sich selbst heraus begründet werden kann, weil wir wissen, dass alles aus einem natürlichen Prozess – ohne Zutun des Menschen – entstanden ist.

Womit wir anfangen können…

Der Erhalt der Biodiversität ist auch eng an die Klimawandel-Diskussion gekoppelt: Beide verlangen akute Handlungsbereitschaft im Hinblick auf einen nachhaltigen Lebensstil und das Bewusstsein, dass wir nicht nur die Erde mit anderen Organsimen teilen, sondern auch massiv auf sie angewiesen sind.

1) Konsumverhalten ändern

Erfreulich viele Teilnehmer*innen tragen zum Artenschutz bei, indem sie biologisch erzeugte Waren einkaufen. Seit 2011 sind die monatlichen Ausgaben der Österreicher*innen für Bio-Produkte von 93 auf 150 Euro gestiegen. Dennoch liegt der Gesamtanteil von Bio-Lebensmitteln immer noch bei nur knapp 9 Prozent. Hier ist noch viel Luft nach oben. Generell stellt vor allem unser hoher Fleischkonsum ein Problem dar: seit 1990 hat sich die Produktion von Soja für Tierfutter verdreifacht. Der massive Anbau von Soja aber auch Palmöl hat verheerende Konsequenzen für die globalen Hotspots der Biodiversität: die tropischen Regenwälder.

2) Platz für Pflanzen und Tiere schaffen

In Österreich werden täglich knapp 13 Hektar Boden versiegelt – Europäischer Spitzenwert. Daher ist es erfreulich, dass viele Teilnehmer*innen angeben, naturnah zu „garteln“, dort, wo es eben geht. Nicht nur im eigenen Garten, sondern auch im eigenen Balkonkasten oder ggf. auf öffentlichen Grünflächen wie Baumscheiben an der Straße, Verkehrsinseln oder ähnlichem kann viel bewirkt werden. Vielleicht machen auch einige beim „Urban Gardening“ mit, einer Initiative, die in der letzten Zeit in Städten und Gemeinden erfreulich zugenommen hat. All dies kommt insbesondere den stark bedrohten Insekten zugute, darunter den fast 700 Wildbienenarten in Österreich. Wir Menschen müssen uns mit einem Rückgang von über 75 Prozent der Insektenpopulation – wohlgemerkt in Naturschutzgebieten – auseinandersetzen, besagt eine Studie aus Deutschland, die es im Jahr 2018 zu recht bis in den Global Risks Report des World Economic Forums geschafft hat. Wildbienen sind besonders stark betroffen: Knapp 53 Prozent stehen in Deutschland auf der Roten Liste, in Österreich dürfte die Situation ähnlich aussehen (hier fehlen Zahlen). Knapp 60 Prozent aller Wildbienen sind Pollenspezialisten und auf wenige Pflanzenarten als Pollenquelle angewiesen, 205 Arten sogar nur auf eine einzige Pflanzenfamilie! Diese Bienen können genetisch bedingt nicht auf eine andere Pflanze „umsteigen“. Besonders helfen können wir ihnen durch den Anbau von Weide (Salix), Natternköpfe (Echium) und Glockenblumen (Campanula). Aber auch offene Bodenflächen sind wichtig: Etwa 75 Prozent der Wildbienen nisten im oder auf dem Erdboden, Steilwänden oder Abbruchkanten.

3) Spenden für Umwelt- und Artenschutzprojekte

Andrea Möller (Department für Evolutionsbiologie) leitet das Österreichische Kompetenzzentrum für Didaktik der Biologie an der Universität Wien und forscht an Umweltkompetenzen von Kindern und Jugendlichen. (Foto: Leif Mönter).

Wer beim Schutz der Biodiversität nicht selbst mit anpacken kann, kann durch finanzielle Unterstützung helfen. Beispielsweise können so Flächen mit hoher Biodiversität erworben oder Flächen renaturiert werden. Mit Geldspenden können auch Gehälter von Natur-Rangern bezahlt werden, die sensible Gebiete bewachen. Auch Spenden für die Vermittlungsarbeiten sind wichtig, um (junge) Menschen über die Wichtigkeit des Biodiversitätserhaltes zu informieren. Information alleine reicht jedoch nicht aus: Zahlreiche Studien aus dem Bereich der Umweltpsychologie und Biologiedidaktik zeigen, dass das reine Wissen über die Zusammenhänge in der Natur und über deren Bedrohung jedoch leider nicht automatisch zum natur- und artenschützenden Verhalten führt. Stärkster Motivator zum umweltschützenden Verhalten ist und bleibt die eigene Verbundenheit mit der Natur. Diese Verbindung wird vor allem durch positive Emotionen geprägt, die durch Erlebnisse in der Natur entstanden sind. Insofern sind besonders Spenden für Umweltbildungsprojekte nötig, die konkrete Naturerlebnisse für Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene schaffen.

4) Aktives Engagement in Umwelt- und Artenschutz

Aus diesem Grund stellen wir auch mit Sorge fest, dass sich nur sehr wenige Teilnehmer*innen aktiv für die Natur engagieren, zum Beispiel in einem Naturschutzverein. Dies deckt sich leider mit den Nachrichten über aktuelle Nachwuchsprobleme von Natur- und Umweltschutzorganisationen. Hier müssen Lösungen gefunden werden, um diese Art von Engagement attraktiver zu gestalten und besser zu „vermarkten“. Es muss wieder „in“ sein, sich für Natur- und Artenschutz zu engagieren!

📌Podiusmdiskussion zur Semesterfrage: Am 13. Jänner 2020 diskutieren Wissenschafter*innen der Uni Wien und internationale Expert*innen über biologische Vielfalt. Den Impulsvortrag hält Katrin Böhning-Gaese vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums.

 


Dr. Barbara-Amina Gereben-Krenn und Univ.-Prof. Dr. Andrea Möller

Dr. Barbara-Amina Gereben-Krenn und Univ.-Prof. Dr. Andrea Möller sind am Department für Evolutionsbiologie der Universität Wien tätig. Andrea Möller leitet das Österreichischen Kompetenzzentrum für Didaktik der Biologie (AECC Biologie) an der Universität Wien.



Wie Sprache unsere Welt prägt

Die Grammatik einer Sprache zu erlernen, bedeutet mehr, als das bloße Aneignen eines Systems von Sprachlauten und sprachlichen Formen. In ihrem Blogartikel zur Semesterfrage erläutert Soonja Choi vom Institut für Sprachwissenschaft den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken.

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