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Forschung
von Robert König
am 30. Mai 2019
ungefähr 5 Minuten
Themen: Bildung , Forschung , Lehre , LehrerInnenbildung

Lustvolles Lehren – Ein Plädoyer

Gelingende Lehre nimmt eine ganz besondere Rolle im Leben einer Person ein: sie berührt individuell, intrinsisch und intim. Glückende Lehre gelangt an das, was wir ganz wesentlich sind – sie läuft deshalb aber auch Gefahr, bei Misslingen großen Schaden in uns anzurichten. Darum ist es stets wichtig, über das Lehren nachzudenken. Robert König plädiert im Blog für die Neuentdeckung des lustvollen Unterrichts.

Ich weiß, über Lehre zu sprechen, ist nicht einfach. Denn zum Lehren existieren mindestens genauso viele Zugänge, wie es Lehrende gibt. Mehr noch, drängt sich doch bei diesem Thema rasch der Eindruck auf, dass zum Thema „Lehre“ so gut wie jeder Mensch eine eigene Weltanschauung besitzt. Niemandem ist es gleichgültig.

Ich selbst lehre seit über zehn Jahren. Ja, ich erachte das gemeinsame Bildungserlebnis unter Menschen als eines der zentralen Momente jeden Lebens. Das Lehren führte mich dabei an Universitäten, Schulen, Hochschulen und in die Erwachsenenbildung. Ich arbeite(te) mit Student_innen, Schüler_innen, Junglehrer_innen, Trainer_innen, Arbeitssuchenden, Auszubildenden, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Deutschlernenden, Psychotherapeut_innen, Sozialpädagog_innen und mehr. Deshalb darf ich behaupten, mittlerweile ein sehr vielfältiges Bild der mannigfachen Herausforderungen des Unterrichtens erhalten zu haben. Doch fand ich in all dem Abwechslungsreichtum etwas Überraschendes heraus: die Herausforderungen sind gar nicht vielfältig. Sie sind am Ende des Tages immer die gleichen. Und sie sind sehr einfach.

Authentisches Lehren ist lustvolles Lehren

Menschen, die einander im Bildungsgeschehen begegnen, suchen Berührung. Sie suchen eine Berührung von Person zu Person. Sie möchten nicht einfach in Kenntnis gesetzt, sondern irritiert, provoziert, zum Geistsein angestachelt werden. Sie brauchen den gemeinsamen mutigen Schritt in wunderbares Nichtwissen, auf das hin Lehre erst geschehen kann. Sie wollen erleben, wie die Lehrenden das, was sie da tun und wovon sie da handeln, selbst lieben. Sie trachten nach Lehre, die ein authentisches gemeinsames Entdeckungsabenteuer aller Beteiligten ist. Kurzum: Wer lernt, begehrt Begeisterung. Allein lustvolle Lehre ist nachhaltige Lehre.

Demgegenüber benötigt nur lustloses Lehren überhaupt den isolierenden Rückzug in Bürokratie, Methodenregeln, Disziplinierungsmaßnahmen und Leistungsdruck. Selbstverständlich, Lehre muss organisiert, administriert und verwaltet werden. Selbstverständlich, Lehre braucht Evaluationsformen, Kompetenzfeststellungen und Spielregeln. Aber sie alle müssen der nachhaltigen Lehre nicht die Hauptrolle, sondern höchstens die zweite Geige spielen. Lustvolle Lehre hat andere Prinzipien. Sie ist Berufung, nicht Beruf. Sie ist eine Lehre des begeisterten Vorbildes, das Lehrende den Lernenden zu sein haben. Sie ist eine Lehre kompetenter persönlicher Gegenwart. Sie ist eine Lehre praktizierter Wissensliebe. Sie ist eine Lehre der Inspiration, anstatt nur der Information.

Die problematischen Folgen der Lustlosigkeit

Es wundert daher nicht, wenn Lernende in lustloser Lehre bloß an äußerlichen Dimensionen ihrer Bildung interessiert sind. Sei es die Studentin, die ausschließlich wissen will, was sie denn alles für eine Note tun muss, sei es der Schüler, der seine Hauptfrage darin sieht, ob er die Wörter an der Tafel aufschreiben soll, sei es der Erwachsene, der allein nach Nutzen und Verwertbarkeit des Gelernten strebt, sei es die Lehrende, die, was sie da tut, als fließbandhaftes Programm erlebt. All dies ist eine Folge unbegeisterter Fundamente der Lehre. Dann ist freilich der Schritt, Lehren und Lernen als Bürde, Last und bloß mühevoll abzuarbeitende Pflicht zu erfahren, auch nicht mehr weit.

Die problematischen Folgen dürfen wir kurz-, mittel- und langfristig im Alltag erleben, sowohl zwischenmenschlich als auch gesellschaftlich: Funktion wird über Person gestellt, Verwertbarkeit über Einsicht, schubladisierende Abkürzungen über differenzierenden Tiefgang und „wen du kennst“ über „was du kannst“.

Daher täten die vielfältigen Bereiche des Bildungssystems gut daran, die Dimension lustvoller Lehre mehr auf ihre Agenda zu setzen, sei es in Ausbildungen der Lehrenden, Durchführungen der Lehre oder Verwaltungen der Abläufe und Strukturen. Dies tangiert freilich umfassend die Rahmenbedingungen von Bildungspolitik, Bildungssystematik und Bildungsverständnis. Angelegenheiten wie pädagogische Selbstentwicklung, fröhliche Wissenschaft (nach einem Begriff Friedrich Nietzsches) und begeisterndes Gestalten von Zwischenmenschlichkeit müssen darin mehr als ein plakatives Leerphrasendasein finden. Administrative, didaktische und rechtliche Grundlagen haben an die Lehre in der Art angepasst zu werden, dass Lehrende und Lernende eine echte Berührung suchen, wollen und möglich machen können.

Lehren – Ein Auftrag an uns alle

Gleichwohl habe ich die Lehre über die Jahre als etwas erkannt, das nicht allein ein Bildungssystem oder einen bestimmten Berufsstand beträfe. Jeder Mensch lehrt. Die ganze Zeit. Beispielsweise müssen wir uns im Alltag unablässig fragen, wie wir Informationen in einer gelungenen Weise so austauschen, dass sie von anderen verstanden werden können. Das ist bereits eine pädagogische Überlegung und erfordert deshalb dieselbe Fähigkeit und Möglichkeit zur authentischen Berührung. Lustvolle Lehre ist mithin keine Technik, kein Rezept und keine Berufsbeschreibung. Sie ist ein holistisches Lebenskonzept, zu dem wir alle einander als Individuen jederzeit verhelfen können.

Der hierfür nötige Boden wurde bereits vom römischen Philosophen Seneca kurz und bündig in seinem berühmten Aufruf docendo discimus (Lehrend lernen wir.) zusammengefasst. Ein solches docendo discismus als Haltung, Bewusstsein und gegenseitigen Umgang pflegen zu lernen, wäre eine möglich Wurzel, aus der lustvoll lehrende Zwischenmenschlichkeit fernab der formalen Abstraktionen keimen kann. Und diese Wurzel müsste also selbst in allem Lehren mit zum Gegenstand und Unterricht gemacht werden.

🚩 Eine besondere StEOP-Erfahrung aus Sicht einer Studentin und Diversität in der Lehre: Lest hier weitere Blogbeiträge zum Thema. 


Robert König

Robert König lehrt an der Universität Wien (Fakultäten für Philosophie und für kath. Theologie), am Gymnasium Mistelbach, an der pädagogischen Hochschule Niederösterreich und in der Erwachsenenbildung. In seinem jüngst in zwei Bänden erschienen Buch LOGIK + MYSTIK befasst er sich neben vielen anderen philosophischen Themen auch mehrfach mit der Frage des pädagogischen Auftrags, der an den Menschen in jeder Lebenslage ergeht.



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