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Klimaschutz als Ringvorlesung: Ohne Bewusstseinsbildung geht’s nicht von Helena Wieländner, Franz Essl
am 24. November 2021
ungefähr 5 Minuten
Themen: Klimakrise , Lehre

Klimaschutz als Ringvorlesung: Ohne Bewusstseinsbildung geht’s nicht

Die Klimakrise ist die größte Herausforderung unserer Zeit – Ursachen, Folgen und mögliche Lösungsansätze gehören gelehrt. Die Ringvorlesung Climate Change and Climate Crisis an der Universität Wien widmet sich zum dritten Mal in Folge diesem hochbrisanten Thema. Helena Wieländner besucht derzeit die Lehrveranstaltung und zieht gemeinsam mit Franz Essl, Uni Wien-Biodiversitätsforscher und Mit-Organisator der Vorlesung, eine „Zwischenbilanz“.

Die Ringvorlesung Climate Change and Climate Crisis gibt es in diesem Semester bereits in der dritten Auflage: Was macht sie so besonders?

Franz Essl: Diese Ringlehrveranstaltung ist an der Universität Wien einzigartig, in mehrerlei Hinsicht. Sie behandelt eines der – wenn nicht DAS – drängendste Problem unserer Gesellschaft: die Klimakrise. Die Lehrveranstaltung wird in enger Zusammenarbeit mit Aktivist*innen von Fridays For Future geplant, somit ermöglicht diese Lehrveranstaltung etwas ganz Wichtiges – nämlich einen wichtigen Beitrag zum Klima-Diskurs. Dies deckt sich mit meinem Verständnis der Rolle von Wissenschaft in einem demokratischen und von einer aktiven Zivilgesellschaft geprägten Umfeld.

Helena Wieländner: Mein Interesse am Klimathema ist in den vergangenen Monaten extrem gestiegen. Aktivismus nimmt in meinem Leben einen großen Platz ein. Ich dachte mir, dass ich noch viel lernen kann, deshalb sehe ich es als Chance, mehr über die komplexen Vorgänge zu lernen – das hilft mir auch im Gespräch mit Personen, die die Dringlichkeit der Klimakrise noch nicht verstanden haben.

Die Klimakrise betrifft uns jetzt schon täglich und wird uns in Zukunft noch mehr betreffen – auch in Österreich. Besonders gut gefällt mir an der Vorlesung, dass auch positive Visionen und Lösungsvorschläge aufgezeigt werden. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, auch die Chancen zu behandeln, sonst verzweifelt und resigniert man irgendwann.

👉 Diese Ringvorlesung ist eine Fortsetzung der erfolgreichen Ringvorlesungen „Klimawandel und Klimakrise – Interdisziplinäre Perspektiven“ und „Klimawandel und Klimakrise. Zukunftsperspektiven und -konzepte“. Es werden aktuelle Fragestellungen rund um die Klimakrise mit Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen – von Geographie über Wirtschaftswissenschaften bis hin zu Recht und Finanzen – diskutiert.

Hier geht’s zur Anmeldung: https://ufind.univie.ac.at/de/course.html?lv=290105&semester=2021W

Franz Essl, das Thema Klimakrise und Klimaschutz beinhaltet viele Aspekte: Was können Interessierte erwarten?

Franz Essl: Wir als Organisationsteam spannen dieses Semester einen Bogen von der Klimaforschung hin zur dringend nötigen Bekämpfung der Klimakrise. Das möchten wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten – daher haben wir Vortragende mit sehr unterschiedlicher Expertise eingeladen. Von der Afrikanistik bis zur Zoologie werden alle Studierenden angesprochen und ich denke, uns ist dies auch gut gelungen. Die mehr als 1000 Teilnehmenden zeigen, dass großes Interesse am Thema besteht.

Wenn arktisches Eis schmilzt und sich die Gletscher zurückbilden, steigt der Meeresspiegel. Tauende Permafrostböden geben riesige Kohlenstoffmengen als Methan frei. Von Menschen produziertes Kohlendioxid macht das Meer sauer. Waldbrände, Wirbelstürme, Trockenheit – die Wetterextreme nehmen zu. Im Zuge der Semesterfrage  „Wie retten wir unser Klima?“ diskutieren Wissenschafter*innen über den fortschreitenden Klimawandel und mögliche Lösungsansätze. Mehr zur Semesterfrage! 🌍

Helena Wieländer, du belegst die Vorlesung aktuell – welche Themen findest du besonders spannend?

Helena Wieländner: Ich studiere Soziologie und komme aus einem aktivistischen Umfeld. Mit den meisten Fakten und Zusammenhängen bin ich schon vertraut, doch trotzdem bin ich immer wieder schockiert, wenn ich die Auswirkungen der Klimakrise noch einmal vor Augen geführt bekomme. Schließlich geht es nicht nur um irgendwelche hypothetischen, weit in der Zukunft liegenden Eventualitäten, sondern um höchstwahrscheinliche katastrophale Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation.

Aus soziologischer Sicht interessieren mich die sozialen Zusammenhänge am meisten: Wie werden Menschen mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sich das gesellschaftliche Leben? Welche Personengruppen werden besonders darunter leiden und wie kann man Klimaschutz als Potenzial für eine gerechtere Welt betrachten?

Porträts von Helena Wieländner und ranz Essl
Helena Wieländner besucht derzeit die VO Climate Change and Climate Crisis und spricht gemeinsam mit Franz Essl, Uni Wien-Biodiversitätsforscher und Mit-Organisator der Vorlesung, über „klimagerechte“ Lehre. © Marie Jaunik (li.) und Skokanitsch Fotografie (re.)

Was braucht es noch für eine „klimagerechte Lehre“?

Helena Wieländner: Ich wünsche mir, dass die Klimakrise so schnell wie möglich auch in anderen Lehrveranstaltungen Thema wird. Es handelt sich um ein so  komplexes und interdisziplinäres Thema, das alle Lebensbereiche betrifft. Gerade die Sozialwissenschaften haben da noch viel Aufholbedarf. Mehr Bewusstsein ist wichtig, damit die Politik irgendwann gar keine andere Wahl mehr hat, als sozio-ökologisch zu handeln. Und je früher dieses „irgendwann“ ist, umso größer sind unsere Chancen, die Klimaziele noch rechtzeitig zu erreichen.

Franz Essl: Die Universität Wien hat in den letzten Jahren das Lehrangebot zu den Ursachen und Folgen der Klimakrise deutlich ausgeweitet. Diese Aktivitäten wurden in einem erheblichen Ausmaß als individuelle Initiativen von Lehrenden und Studierenden gesetzt und es hat sich ein enormes Interesse auf Seiten der Studierenden an diesem Lehrangebot gezeigt.

Die Vermittlung von Fakten und Zusammenhängen zum Thema Klimakrise sehe ich auch als Auftrag der Universität Wien. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre aus meiner Sicht die Entwicklung eines Gesamtplan zum zielgerichteten Ausbau klimabezogener Lehrinhalte. In sehr vielen Fachdisziplinen spielen die Folgen der Klimakrise eine prominente Rolle, ein klimabezogenes Lehrangebot sollte daher auch möglichst allen Studierenden zugänglich gemacht werden.

Vom Menschen eingeführte invasive Arten verursachen in Europa jährlich enorme Schäden und können sich auch negativ auf die Biodiversität auswirken. Viele dieser Arten breiten sich nach wie vor aus und diese Entwicklung wird durch den Klimawandel beschleunigt. Nun zeigt eine internationale Studie unter Beteiligung von Biolog*innen der Universität Wien um Franz Essl, welche Auswirkungen invasive Säugetiere in Europa haben. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Mammal Review“ erschienen. Mehr dazu


Helena Wieländner

Helena Wieländner studiert Soziologie im 5. Semester. Besonders interessieren sie Faktoren sozialer Ungleichheit. Vor allem die Zusammenhänge mit der Klimakrise müssten noch mehr hervorgehoben werden, sagt sie. Sie ist seit Februar 2021 u.a. bei Fridays For Future aktiv.


Franz Essl

Franz Essl lehrt und forscht am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Er gilt als führender Experte in der Neobiota-Forschung, gehört zu den Forscher*innen, deren Arbeiten besonders häufig zitiert werden ("Highly Cited Scientists"), und ist auch im Leitungsteam des neu gegründeten österreichischen Biodiversitätsrats.


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